Birte Müller mit ihrem Mann. Beide halten den kleinen Sohn Willi fest umschlungen im Arm.

Birte Müller lebt den Alltag mit ihrem Sohn als Therapie.

Kolumne
Birte Müller

Willi-Therapie

In meinem Umfeld beobachte ich die Tendenz, dass Freunde – statt sich einmal ordentlich aufzuregen – ständig behaupten, an jeder noch so ätzenden Situation innerlich zu reifen. Eigentlich wundere ich mich, dass nicht schon alle ganz erleuchtet sind! Mit einem behinderten Kind müsste man dann bald ein Heiliger sein und nur noch durch die Gegend schweben vor lauter Möglichkeiten, an denen man seelisch wachsen kann. Tut man aber nicht. Ich stampfe sogar – ganz im Gegenteil – des Öfteren mit meinem Fuß auf den Boden, wenn mich mein Sohn nervt.

Mit Krankheiten ist es dasselbe: Sie müssen uns weiterbringen und immer für etwas „gut“ sein. Obwohl es sicher rückblickend auch für mich eine wesentliche Erfahrung gewesen ist, hätte ich persönlich trotzdem ganz gut darauf verzichten können, an Depressionen zu erkranken. Fast 20 Prozent aller Deutschen haben im Leben mindestens einmal eine Depression oder ein Burn-Out-Syndrom, oder wie auch immer man es nennen möchte. Ich fürchte, wir Eltern behinderter Kinder sind sogar noch stärker gefährdet als andere Menschen – auf jeden Fall kenne ich keine einzige Familie, die nicht traumatisiert ist durch die Diagnosen und Krankheitsverläufe ihrer Kinder. 

Viele Tränen und Ängste

Ich hatte meine erste Depression kurz nach Willis Geburt. Zum Glück wurde ich in dem Krankenhaus, in dem ich mit Willi zusammen untergebracht war, gleich mit behandelt. Das habe ich einem wahrhaft guten Kinderarzt zu verdanken, der doch tatsächlich nicht nur auf das Kind blickte, sondern auch auf uns Eltern. Er rief am Wochenende bei uns an, um sich nach mir zu erkundigen. Er sprach mit meinem Mann, der meinem Zustand vollkommen ratlos gegenüberstand. Wir konnten ja gar nicht einschätzen, ob die vielen Tränen und Ängste normal waren in einer Situation, die ganz und gar nicht normal war. Meine Erinnerung an diese furchtbare Zeit ist lückenhaft. Aber ich weiß noch, dass ich nach den Fragen des Kinderarztes in meiner anthroposophischen Hebammenbibel unter „Postpartale Depression“ nachgeschlagen hatte. Dort war davon die Rede, dass der Mann seiner Frau einmal etwas Schönes mitbringen sollte, wenn sie Wochenbett-Blues hätte. Wieder hatte ich das Gefühl, dass all das nichts mit mir zu tun hatte, dass mein Kind und meine Empfindungen aus einer ganz anderen Welt stammten. Zum Glück besaß ich noch ein handfesteres Buch zum Thema Schwangerschaft und Geburt, in dem eine Liste von Symptomen einer Wochenbett-Depression genannt wurden, die mir zeigten, dass ich doch nicht allein auf der Welt war mit meinen Gefühlen. Unter anderem stand dort: Haben Sie ständig Angst? Haben Sie das Gefühl, „das alles“ nicht zu schaffen? Haben Sie Probleme, Ihr Kind anzusprechen? Haben Sie den Gedanken gehabt, nicht mehr leben zu wollen? Dann benötigen Sie dringend ärztliche Hilfe!

Gnadenlos funktionieren müssen

Ich werde nie vergessen, wie es war, meine gesamten Kräfte aufbringen zu müssen, um morgens das Bett zu verlassen. Es war so furchtbar! Und dabei musste ich immer gnadenlos weiter funktionieren – mehr wie ein Roboter als ein Mensch. Eine Maschine kann natürlich auch kein Kind lieben und dafür fühlte ich mich unendlich schuldig. Erzählt habe ich das alles niemandem, außer dann der Ärztin. Als sie sagte, ich hätte eine schwere Depression, war ich überrascht, aber auch unendlich erleichtert: Vielleicht war ich doch gar keine schlechte Mutter, sondern einfach nur krank. Sie verschrieb mir ein Antidepressivum, einen sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, der dafür sorgt, dass das eigene Glückshormon Serotonin vom Körper langsamer abgebaut wird. Ich war so willenlos, dass ich die Tabletten nahm, obwohl ich stillte (naja, zu stillen versuchte und Willi die abgepumpte Milch danach sondierte). Laut einer Studie war das Präparat nicht in der Muttermilch nachzuweisen, aber trotzdem hatte ich große Angst und schämte mich sehr. Ich zählte die Stunden, bis das Medikament wirkte. Nach zwei Wochen war die Last soweit von mir genommen, dass ich das Gefühl hatte, weiter leben zu können. Was Menschen leisten, die dauerhaft mit Depressionen leben, ist unvorstellbar – sie müssen so stark sein! Als ich mich wieder vollkommen gut fühlte, setzte ich die Tabletten ab – ich glaube, ich habe sie ein knappes Jahr lang genommen und begleitend eine Gesprächstherapie gemacht. 

Ich dachte immer, es sei eine Überlastungsdepression gewesen, die im Zusammenhang mit Willis Behinderung und schweren Erkrankungen gestanden hatte. Aber weil ich nach der Geburt unserer Tochter erneut in ein schwarzes Loch fiel, denke ich heute, dass es vielleicht in beiden Fällen „normale“ Wochenbett-Depressionen gewesen sind; verstärkt durch die hohe Belastung. Ich selber war übrigens nicht in der Lage, meinen Zustand wiederzuerkennen. Es brauchte meine Mutter und die Ehrlichkeit meines Mannes, dass ich mich in eine psychiatrische Klinik einweisen ließ. Es ging mir so schlecht. Ich erinnere mich genau, dass ich kaum die Kraft zum Ein- und Ausatmen hatte. Meine Freundin hatte einen Platz in einer Klinik angefragt, in die ich mein Baby mitnehmen konnte. Ich wehrte mich, weil ich Matthias nicht mit Willi allein lassen wollte. Als er mir gestand, dass ich für ihn eine Belastung und keine Hilfe sei, stimmte ich schockiert der Einweisung zu. 

Ohne Zweck und ohne Ziel

Die Welt drehte sich erstaunlicherweise ganz normal weiter, während ich sechs Wochen mit Olivia stationär in einer psychiatrische Klinik verbrachte. Matthias und Willi kamen auch ohne mich zurecht. Es war der richtige Schritt. Neben der schnellen Einstellung auf ein Medikament und der Befreiung von allen Alltagsverantwortungen war die Ergotherapie dort am besten für mich. Es gab verschiedene Werkstätten und ich durfte nach Belieben basteln. Wie lange hatte ich das nicht getan? Einfach so vor mich hin werkeln, ohne Zweck und ohne Ziel. Unter anderem gab es noch Tanztherapie und natürlich Gespräche. Das war unbeschreiblich anstrengend, weil ich mein „Ich-Gefühl“ ja ganz verloren hatte, vor mir aber jemand saß, der mich und meine übertriebenen Ansprüche komplett entlarvte und sie mir um die Ohren haute: Selbst in der Therapie wollte ich noch alles besonders gut und richtig machen! Der Therapeut gab mir das Vertrauen, dass bestimmte Dinge, für die wir ständig ein schlechtes Gewissen haben, oft eine heilende Funktion haben. Wir müssen uns dafür nicht hassen, im Gegenteil: Wenn ich heute, statt die Hausarbeit zu erledigen, drei Stunden auf dem Sofa gesessen und für Olivia ein Kaninchen gehäkelt habe, dann brauchte ich das. Es war meine Ergotherapie! Und selbst das ständige Funktionieren hat eine Funktion für mich, die ich mir nicht ständig übelnehmen sollte. Sogar für das Feierabendbier meines Mannes habe ich durch diese These deutlich mehr Verständnis entwickelt: Es ist eben seine Männer-Therapie! Mit dem Wein nach dem halben Liter Weizenbier halte ich ihn dann aber schon wieder für übertherapiert … 

Durch den Alltag tanzen

Mir gefällt der Gedanke, dass in Willi schon seine eigene und unsere Therapien mitgeliefert wurden: Wir singen und tanzen durch unseren Alltag, haben viel Bewegung, müssen ständig lachen – sogar in krassen Situation – und in meiner Arbeitszeit mache ich noch Schreib- und Maltherapie und werde sogar dafür bezahlt! Und wenn unsere Lieblingsband irgendwie in unserer Reichweite spielt (oder auch außerhalb davon), dann werden gnadenlos die Kinder outgesourcst und mein Mann und ich setzen ALLES in Bewegung, um uns zwei Abende die Seele aus dem Leib zu rocken: DAS ist dann unsere Paartherapie und sie tut uns sehr gut! Und an allem anderen brauche ich nicht unbedingt zu wachsen, sondern jammere lieber etwas herum.