Thema der Ausgabe 3/2026:

Antworten

„Antworten auf das reale Handeln und Erleben“
(Josef Fragner,‭ ‬Chefredakteur)

 

Intro:

Josef Fragner, Chefredakteur

Antworten

Dieses Heft ist Markus Dederich gewidmet, einem großen Pädagogen und liebenswerten Menschen. Zu Beginn mischen sich Blitzlichter aus den gemeinsamen Lebenswegen ehemaliger Weggefährt:innen mit einer Porträtserie von Künstlerinnen und Künstlern des Kunsthauses KAT18.

Weitere Kolleg:innen und ehemalige Doktorand:innen berichten von wichtigen Anstößen, die Markus Dederich ihrem Denken gegeben hat. Die inhaltliche Palette ist groß: die gemeinsame Arbeit an dem Thema Vulnerabilität (Jörg Zirfas), die stetige Aufforderung zum eigenen Denken (Claudia Gottwald), seine suchende, ruhige Art, die nicht Antworten hinterlässt, sondern weiterfragt (Nadine Dziabel), seine orientierende Offenheit (Simon Baumann), seine „Diskursarena“, aus der so viele Erkenntniszugewinne entstanden sind (Michaela Menth), die Art und Weise, wie er (sich) Fragen stellt und darauf antwortet (Theresa Stommel), und wie er als „Glasperlenspieler der phänomenologischen Heilpädagogik“ nicht in begrifflichen Abstraktionen schwelgt, sondern immer von der ernsthaften Frage geleitet ist: „Worum geht es hier eigentlich noch mal?“ (Philipp Seitzer).

Robert Stöhr, Julia Bucher und Lea Braitsch eröffnen den Thementeil, indem sie das Schaffen von Markus Dederich anhand des Buches „Erfahrung, Wissen, Handeln. Zur Grundlegung der Heil und Sonderpädagogik“ (2024, gemeinsam mit Philipp Seitzer) inhaltlich würdigen. In diesem Buch entwickeln die Autoren eine Reflexionsmatrix, die es aufzugreifen und vielstimmig fortzuführen gilt. Die Heil- und Sonderpädagogik wird darin zuerst mehrdimensional als responsive Erfahrungswissenschaft, dann als Kulturwissenschaft und im letzten Schritt als ethische und politische Wissenschaft gefasst.

Ursula Stinkes führt die von den Autoren eingenommene phänomenologische Blickrichtung konsequent weiter: Ihr Text ist eine dreiteilige Meditation über die szenische Existenzform des Menschen und darin im besten Sinn ein Versuch (frz. l’essai), pädagogische Beziehung, pädagogisches Wissen und Handeln von der lebensweltlichen Situiertheit und Intersubjektivität des Menschen her zu denken: ein Verstehen, das in Szenen wurzelt und von Szenen her spricht, ohne je erschöpfend über sie sprechen zu können.

Anne Katz, Marlen Dambach, Stephanie Bahr und Jennifer Langen eruieren wiederum Anknüpfungspunkte zwischen responsiver Erfahrungswissenschaft und Psychomotorik, wobei die Leiblichkeit den zentralen gemeinsamen Bezugspunkt darstellt. So konkretisieren sie die leiblich-dialogische Dimension pädagogischen Handelns und präsentieren einen „praxisorientierten Zugang zur leiblichen Wahrnehmungsebene responsiven Handelns“.

Die kulturwissenschaftliche Rahmung fokussierend, plädiert Mai-Anh Boger für Veränderungen der disziplinären Diskurskultur. Boger folgt damit dem im Buch präsentierten Vorschlag, eine Spannung bzw. das inhärente Potenzial einer solchen Spannung aufrechtzuerhalten. Sie reagiert damit auch auf die Diagnose von Dederich und Seitzer, denen zufolge die Heil- und Sonderpädagogik weitgehend keine hinreichenden Antworten auf die Kritik der Disability Studies gibt.

Sich der ethischen und politischen Rahmung zuwendend, folgt Franziska Felder den Autoren und geht von der Inanspruchnahme durch den:die Andere:n aus. Sie fokussiert zugleich die „institutionell-historische Dimension der Lebenswelt“ – schließlich bedingen epistemische Voraussetzungen, ob und wie es zu einer sorgenden Affektion kommt. Damit betont Felder die dem dyadischen Bezug unweigerlich inhärente politische Dimension.

Auch Cornelie Dietrich beschäftigt sich mit Sorge. Anknüpfend an die Überlegungen von Dederich und Seitzer zur Schaffung von Kultur qua Ordnung, die sie hier zugleich stärker leib-körperlich verstanden wissen will, nimmt Dietrich schulische Ordnungen der Sorge in den Blick: Anhand von Material aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit Markus Dederich analysiert sie verschiedene Rhythmen der Sorge.

In einer weiteren Vertiefung des von Markus Dederich und Philipp Seitzer konturierten ethischen und politischen Rahmens greift Hannah Nitschmann Anerkennung als derzeit viel diskutierte pädagogische Figur auf. Den aktuellen Diskursen attestiert Nitschmann eine Vernachlässigung von Leiblichkeit. Dem begegnet sie mit Überlegungen zu Anerkennung als responsiver Erfahrung, womit sie vor allem die Dimensionen der Leiblichkeit und Normativität -fokussiert.

Mit ihren Beiträgen antworten die Autor:innen auf das Dialogangebot, das mit der Arbeit „Erfahrung, -Wissen, Handeln. Zur Grundlegung der Heil- und Sonderpädagogik“ gemacht wird. Gleichermaßen wird uns Markus -Dederich auch in Zukunft wachhalten für einen offenen und konstruktiven Dialog, der vom Bemühen um verantwortungsvolle Antworten gekennzeichnet ist.

1 Ein herzlicher Dank gilt Friederike Floren, die bei der Überarbeitung der Beiträge unterstützt hat.

 

Inhalt:

Artikel
Porträts von Markus Dederich
Die Erfahrung der Vulnerabilität
Wer nicht denken will, fliegt raus
Was bleibt, wenn Denken berührt
Lehre(r) der orientierenden Offenheit
Denken in Bewegung - Erfahrung, Handeln, Reflexion
Über die Eigenart des Fragens
Der Kopf der Allgemeinen Heilpädagogik oder "die Markus-Reduktion"
"Papa, das kannst du nicht!"
Inklusion? Bitte eine Schule weiter
"Mir geht's gut"
"Verbindungen" Ausgewählte Fotos einer Ausstellung in der Studiengalerie II
Eine erfahrungsbasierte Grundlegung der Heil- und Sonderpädagogik
Bruchstücke zu szenischen Verflechtungen unseres Lebens
Die verstehende psychomotorische Perspektive auf dialogisches Geschehen als leibliche Konkretisierung responsiven pädagogischen Handelns
Aus Treue zu den Phänomenen: Eine Antwort auf Dederichs kritisch-phänomenologischen Entwurf einer Heilpädagogik
Zwischen Antlitz und Institution: Zur strukturellen Dimension von Sorge, Verantwortung und Anerkennung in der Heilpädagogik
Der Rhythmus der Sorge
Anerkennung als Erfahrung
Wo bleibt die Behörde, wenn es um Barrierefreiheit geht?
Unfreiwillig im Begutachtungszirkus
Wassersport für alle!
Wenn eine Tür zu viel ist: Selbstbestimmung mit Behinderung
Barrieren bleiben - auch online
Zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung
Lustvolle Betrachtungen
Autonomie und Einsamkeit
"Die Wasserkleider sind jedes Mal anders"
Kunst als therapeutische Kraft - Weg zu Selbsterfahrung und Entspannung
Erfahrung, Wissen und Handeln: Zur erfahrungsbasierten Entwicklung und Gründung des Kunsthauses Kalk
Bücher