Eine Person trägt eine schwarze Kopfbedeckung mit blauem, spitzem Aufsatz. Auf der Nase befindet sich ein silberfarbenes, rechteckiges Element. Im Hintergrund ist eine Steinwand mit reliefartigen Figuren zu sehen.

Mit Vogelschnabel und Drache "Koks" in Berlin: Suzy van Zehlendorf schafft sich ihre eigne Welt in der Stadt.

Foto: © Sascha Montag
aus Heft 2/2026 – Kunst und Kultur
Kristin Kasten

Denn sie weiß, was sie tut

Für Suzy van Zehlendorf ist die Kunsthochschule Weißensee ein Raum, in dem sie dazugehört – eine Erfahrung, die vielen Künstlerinnen und Künstlern mit Behinderung verwehrt bleibt. Doch wie lange darf sie bleiben?

Suzy van Zehlendorf redet mit Vögeln. Sie schenkt ihnen damit etwas, das sie selbst lange vermisst hat: das Gefühl, verstanden zu werden. Die 44-jährige Künstlerin kümmert sich um verletzte Tiere, füttert sie, bis sie wieder fliegen können. In ihrer Altbauwohnung, einem betreuten Wohnkomplex in Berlin, stehen Käfige in der Badewanne und auf dem Küchenschrank. Im Wohnzimmer hört man den Flügelschlag frei fliegender Tiere hinter der verschlossenen Tür. „Nicht reingehen!“, sagt sie. „Sonst erschrecken sie sich.“ Ihren Künstlernamen hat sie sich selbst ausgesucht. Eine Hommage an den Berliner Stadtteil Zehlendorf, der ihr am Herzen liegt. Wenn sie das Haus verlässt, setzt sie sich einen Schnabel auf, den sie aus Metall, Pappe und Draht gebastelt hat. Auf dem Kopf trägt sie eine schwarze Cap, die aussieht wie eine Pickelhaube. Wenn sie durch die Straßen Berlins läuft, murmelt sie manchmal gedankenversunken vor sich hin. Dann wieder regt sie sich lautstark über etwas auf, wie das Bode-Museum, das sie nicht ausstehen kann. Warum das so ist? „Es ist ein Kunstgefängnis“, sagt sie. Auch die Formen gefallen ihr nicht: die Architektur, die Ästhetik. „Schrecklich“, findet sie. „Ekelhaft. Pfui!“ Weil van Zehlendorf besonders ist, fällt sie auf. Auf der Straße wird sie oft angestarrt, belächelt oder angefeindet. Im Seminar Plastisches Gestalten an der Kunsthochschule Weißensee ist sie eine von vielen Kunststudierenden, die an Ideen arbeiten.

Seit drei Semestern ist sie Gasthörerin an der Kunsthochschule. Hier erfährt sie etwas, das ihr außerhalb der Kunst selten begegnet: Akzeptanz. Das Programm ARTplus, getragen von der Kunsthochschule Weißensee und gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung, schafft den Raum dafür. Der Verband EUCREA hat ARTplus vor vier Jahren entwickelt. Es bringt Menschen mit Behinderung an künstlerische Hochschulen. Der Verband setzt sich bereits seit den späten Achtzigern in Deutschland, Österreich und der Schweiz für Kunst und Inklusion ein und will Türen öffnen, die lange verschlossen waren. Bisher haben an zwölf Hochschulen mehr als vierzig Künstlerinnen und Künstler am ARTplus-Programm teilgenommen. Manche tasten sich über ein Gaststudium oder Praktikum heran, andere studieren inzwischen regulär.

In Deutschland sind Menschen mit Behinderung im Kunst- und Hochschulbereich stark unterrepräsentiert. Schätzungen sprechen von weniger als fünf Prozent, und nur ein Bruchteil erhält Assistenz. Die Bundesregierung empfiehlt, Kunsthochschulen stärker für Studierende mit Behinderungen zu öffnen. Wie das finanziert werden soll, lässt sie jedoch offen. In der Bildhauerwerkstatt der Kunsthochschule Weißensee wirbelt Staub auf Suzy van Zehlendorfs Vogelschnabel. Behutsam schmirgelt sie über die Rundungen eines Gipsbusens. Der junge Mann neben ihr schnitzt an einer Holzskulptur. Sie beugt sich über sein Kunstwerk. „Du kannst oben noch eine Krone draufmachen.“ Der Student überlegt. Dozent Günter Unterburger (66) kommt hinzu. „Du kannst ja gucken, was passiert.“  „Suzy hat hier richtig losgelegt“, sagt Unterburger später. „Sie ist eine erfahrene Künstlerin, bringt eigene Ideen ein und inspiriert andere.“ Plastisches Gestalten ist Teil des Grundlagenjahres, das alle Studierenden durchlaufen.

Suzy van Zehlendorf ist seine vierte ARTplus-Studentin. Im vergangenen Kurs war ein Teilnehmer, der wie Suzy eine Form von Autismus hatte. „Er war unglaublich fokussiert, aber wenn man nicht an seiner Seite war, verschwand er.“ Heute studiert er mit einer Assistenz regulär an der Hochschule. Unterberger betont, dass Unterstützungsbedarf nichts Ungewöhnliches sei. „Viele kämpfen am Anfang, auch Studierende ohne Behinderung.“ Eine neue Stadt, die Hochschule, das Fehlen vertrauter Gesichter. „Das überfordert viele.“ Für van Zehlendorf ist es heute zu laut in der Werkstatt. Sie tritt hinaus in die Sonne. Aus einer Papiertüte ragt ihr liebster Begleiter: Koks, der Drache aus dem Kinderbuch Ritter Rost, mit gebasteltem Schnabel auf der Kuscheltierschnauze. Er begleitet sie auch am nächsten Morgen auf ihrem Weg zur Kunstwerkstatt Mosaik Berlin in Spandau. Rund zwanzig Werkstattbeschäftigte mit geistiger Behinderung arbeiten hier in unterschiedlichen Disziplinen. In Holzregalen aufgetürmt stehen preisgekrönte Werke neben Entwürfen, die noch auf ihren Moment warten.

Suzy van Zehlendorf ist drei Tage die Woche an der Kunsthochschule, die restliche Zeit arbeitet sie in der Kunstwerkstatt. Leiterin Nina Pfannenstiel kennt van Zehlendorf seit zwanzig Jahren. Sie erinnert sich an die Anfänge: eine junge Frau, nervös, kaum ansprechbar, mit einem Stück Fell an die Wange geklebt. „Nach einem Dreivierteljahr war das Fell weg. Und Suzy war da.“ Wer sie heute erlebt, sieht eine Frau, die ihren Platz gefunden hat. Wenn sie durch Berlin läuft, verwandeln sich ihre Spaziergänge in Streifzüge. Auf Flohmärkten, in Containern, an Straßenecken findet sie Materialien: Schmuckstücke, Bauschaum, Metallteile, Glitzerpapier. „Es ist unglaublich, eigentlich grenzenlos“, sagt Pfannenstiel. In ihrer Kunst fließt alles zusammen: die Stadt, Religion, Tiere, Erinnerung. Van Zehlendorf, die Menschen als Hähne sieht, hat in der Werkstatt einen Raum gefunden, in dem sie ihre eigene Logik leben kann. „Für Suzy ist es keine Metapher. Für sie sind Menschen Hähne.“ In der Kunstwerkstatt durfte sie das aussprechen, ohne dass jemand den Kopf schüttelte. „Das war ein Befreiungsschlag.“ Van Zehlendorf begann, alte Bücher zu übermalen: medizinische Lehrbücher, Stadtatlanten, Tierlexika. Was sie störte, strich sie schwarz. Was sie faszinierte, verwandelte sie: aus Embryonen wurden kleine Hähnchen, aus Anatomieskizzen Vogelwesen. „Sie arbeitet schnell und intuitiv“, sagt Pfannenstiel. Mit der Zeit wurde van Zehlendorfs Kunst immer präziser, feiner. Heute kombiniert sie Malerei, Collage und Objektkunst.

Wie van Zehlendorf an die Kunsthochschule Weißensee kam? „Wir sind mit sechs Kunstschaffenden zu einer Führung in die Hochschule gegangen.“ Drei Künstlerinnen und ein Künstler haben sich als Gasthörende eingeschrieben. Melanie Schamp (39) war eine von ihnen. Sie hält einen Schal in den Händen, den sie an der Hochschule entworfen und bedruckt hat: Regen, Tropfen für Tropfen, sorgfältig gezeichnet. Im betreuten Wohnheim in Spandau ist ihr Alltag eng getaktet: Ergotherapie, Einkauf, feste Essenszeiten. Niemand in ihrer Wohngruppe hätte sich vorstellen können, dass Melanie einmal allein für ihr Gaststudium ans andere Ende der Stadt fährt. Auch Anton Suvorov, Anfang zwanzig, konnte für drei Semester erleben, wie sich künstlerische Anerkennung anfühlt. In dem Kinderheim, in dem er lebt, gilt er als schwierig, unruhig, manchmal aggressiv. In der Kunsthochschule bewegte er sich mit einer Ruhe, die viele nicht erwartet hatten. „Das ist nicht der Anton, den wir kennen“, sagte einer seiner Betreuer, als Werkstattleiterin Pfannenstiel ihnen Aufnahmen von Suvorov zeigte, wie er sich selbstverständlich inmitten seiner Kommilitonen bewegt.

Suvorov bekam im Studiengang „Freie Malerei“ einen eigenen Atelierplatz. „Doch dann mussten wir ihn aus dem Programm nehmen.“ Sein Weg endete nicht wegen fehlender Begabung, sondern an Strukturen. Öffentliche Verkehrsmittel kann er aufgrund seiner Beeinträchtigung nicht nutzen, freiwillige Begleiter:innen wurden dauerhaft nicht gefunden. „Ein Studienplatz allein reicht nicht“, sagt Pfannenstiel. Das ARTplus-Programm selbst, betont Pfannenstiel, sei kein Schonraum, keine soziale Maßnahme, sondern eine Chance. „Für das Studium zählt allein die künstlerische Qualität.“ Pfannenstiel begleitete ihre drei Schützlinge an vielen Tagen in die Hochschule. „Ohne diese enge Begleitung wäre vieles nicht möglich gewesen.“ Genau an dieser Schnittstelle zwischen Hochschule und Kunstschaffenden mit Behinderung arbeitet Susan Päthke (46). Seit 2023 ist sie für ARTplus an der Kunsthochschule Weißensee. Suzy van Zehlendorf sei ein Beispiel dafür, wie gut das Programm funktionieren kann, wenn Hochschule und Werkstatt zusammenarbeiten. In den vergangenen drei Jahren haben an der Kunsthochschule fünfzehn Künstlerinnen und Künstler am Programm teilgenommen. „Nicht immer lief alles rund“, sagt Päthke. Oft fehlte Assistenz: auf dem Weg zur Hochschule oder während der Kurse, wenn es zu laut wurde, Aufgaben unklar blieben oder Überforderung drohte. „Das ist kein menschliches, sondern ein strukturelles Problem“, betont Päthke. Trotz solcher Hürden hat ARTplus an der Kunsthochschule viel bewegt. „Inzwischen tauche das Thema in allen Bereichen auf: bei der Veranstaltungsplanung, in Gremien, sogar in der Architektur.“ Drei Teilnehmende des ARTplus-Programms haben mittlerweile ein reguläres Studium begonnen. Doch dem Programm selbst droht das Ende: Die Förderung läuft im Sommer aus, ein Nachfolgeprojekt ist nicht in Sicht.

Suzy van Zehlendorf legt am Abend ihre Cap ins Regal, der Vogelschnabel bleibt auf. „Den nehm’ ich nur zum Schlafen ab.“ Sie füttert ein Vogelküken geduldig mit Körnern. Will Suzy sich auf einen regulären Studienplatz bewerben? „Das wäre mir zu viel“, sagt sie. Ein Hörsaal mit vielen Menschen macht ihr Angst. Die Enge, die Lautstärke, das Stillsitzen. Sie möchte als Gasthörende an der Kunsthochschule bleiben, hofft, dass ARTplus doch noch weitergeht. „An der Hochschule ecke ich weniger an“, sagt sie. „Dort darf ich sein, wie ich bin.“

Autorin:

Kristin Kasten schreibt als freie Journalistin für überregionale Zeitungen und Magazine. Sie ist Mitglied im Reporternetzwerk Textsalon, beim Berufsverband Freischreiber und in der Reportergemeinschaft Zeitenspiegel.

kk@zeitenspiegel.de