Thema der Ausgabe 2/2026:

Jedes Verhalten macht Sinn

„Wir müssen alle Dimensionen des Antwortens kultivieren.“
(Josef Fragner,‭ ‬Chefredakteur)

 

Intro:

Josef Fragner, Chefredakteur

Jedes Verhalten macht Sinn

Zu Beginn dieses Hefts schildert Reinfried Blaha seine ersten Monate als Papa im Rollstuhl. Es ist eine Geschichte über Nähe, Chaos, Stolpersteine und einen liebevollen Vater. „Je länger ich Vater bin, desto klarer wird mir: Meine Grenzen liegen weniger in meinem Körper als vielmehr in der Wucht des ganz normalen Familienlebens. Meine Fragen sind nicht die eines ‚Vaters im Rollstuhl‘. Es sind die Fragen eines Vaters, der wachsen will, gelassen bleiben möchte, Lösungen sucht – und dabei manchmal scheitert. Niemals hätte ich geahnt, wie sehr mich das Papa-Sein erfüllen würde. Müde Augen, inneres und äußeres Chaos, kleine Katastrophen jeden Tag – all das verblasst, wenn ein inzwischen größer gewordener Mensch auf mich zuläuft, ‚Papa, Schoß!‘ ruft und sich selbstverständlich auf seinen Lieblingsplatz setzt. In diesem Moment fühlt sich alles genau richtig an.“

Bei den tiefgründigen Gedanken von Josep Maria Esquirol über die Schule der Seele sind es Sätze wie diese, die zum Nachdenken anregen: „Ja, die Welt zeigt sich uns, aber dafür ist Aufmerksamkeit nötig. Das menschliche Leben ist eine endlose Antwort. Die Bedrohung kommt von der Gleichgültigkeit. Bildlich gesprochen erzieht man am ehesten mit dem Herzen und man lehrt mit den Händen. Das Denken geschieht im Dialog. Die Schule der Seele vereint und kultiviert alle Dimensionen des Antwortens.“

Sophia Falkenstörfer und Timo Dins – beide Mitherausgeber:innen – haben den Grundstein für diese Ausgabe gelegt. Zunächst fundiert Frau Falkenstörfer eine „Pädagogik der Ermöglichung“, die Verhalten als sinnhaften Ausdruck eines Beziehungsgeschehens versteht. Jedes Verhalten ist in seiner konkreten Lebenssituation subjektiv sinnvoll. Der andere geht nie vollständig im Begriff oder in der Kategorie auf. Subjektivität entzieht sich jeder Totalisierung. „Eine Pädagogik der Ermöglichung setzt daher auf eine Diagnostik, die ermöglicht, statt zu verhindern.“

In seinem Beitrag zeigt Timo Dins anhand von drei Fällen auf, wie Fachkräfte Verhaltensweisen, die sie im Alltag als auffällig erleben, deuten und welche Antworten sie ableiten. Zutrauen als Grundhaltung lässt den Deutungsrahmen offen. „Wo der Deutungsraum offen bleibt, entstehen Antworten, die eher ermöglichen als begrenzen.“

Wie ein Perspektivenwechsel gelingen kann, zeigt Sophia Falkenstörfer am Beispiel des Konzepts VEMAS (VErhalten MAcht Sinn) konkret auf. Alle Handreichungen, Porträts, Erklärvideos und sämtliche Arbeitsmaterialien sind auf der VEMAS-Homepage (vemas-perspektive.de) kostenfrei verfügbar. VEMAS steht für eine Praxis, „die den Menschen in seinem Verhalten ernst nimmt, Verstehen ins Zentrum rückt und darauf zielt, Lebensbedingungen so zu gestalten, dass neue Möglichkeiten des Sich-Zeigens, der Teilhabe und der Anerkennung entstehen können“.

Julia Tierbach arbeitet die Differenz zwischen Beschreiben, Erklären und Verstehen heraus. „In Bezug auf Menschen im Autismus-Spektrum bedeutet dies, dass sich das Verstehen auf eine Annäherung an den subjektiven Sinn bezieht, um gemeinsame Sinnbildungsprozesse anzuregen.“ Der konkrete Sinn lässt sich jedoch nur in der dialogischen Begegnung erarbeiten.

An einem konkreten Beispiel verdeutlicht Barbara Senckel das szenische Verstehen und den Umgang mit Übergangsobjekten. Das szenische Verstehen öffnet einen Zugang zum symbolischen Gehalt einer Handlung. „Das Übergangsobjekt ist ein hervorragendes Mittel, um den Aufbau von Vertrauen zu Bezugspersonen und das Selbstvertrauen zu unterstützen.“

Thomas Müller lenkt den Blick auf Ansätze des Verstehens, die den Sinn auffälligen Verhaltens im Kontext des oft widersprüchlichen und konfliktreichen inneren Erlebens auszuleuchten versuchen. „Von subjektiv sinnvollen Verhaltensweisen kann wohl erst dann die Rede sein, wenn die Notwendigkeit und Logik, die dem kindlichen Verhalten zugrunde liegen, in sozialen Kontexten Anerkennung erfahren.“

Aus ihrer heilpädagogischen Praxis berichtet Maria Höfflin. Wenn Kinder und Jugendliche in Not zu ihr kommen, bietet sie zunächst Ruhe und Sicherheit an. In einem zweiten Schritt sucht sie nach Verhaltensweisen, die sie loben kann, und vermittelt so Anerkennung.

Christian Mürner, der dieser Zeitschrift als Autor über Jahrzehnte freundschaftlich verbunden war, hat uns kurz vor seinem Tod am 19. April 2026 den Text und die Bilder von Martin Gertler übermittelt. „Die Schlumper“ waren ihm ein besonderes Anliegen. Christian Mürner war ein umfassend gebildeter Mensch und ein scharfer Denker. Seine unermüdliche Schaffenskraft setzte er für die Gleichstellung behinderter Menschen ein. Wir verlieren einen großen, liebenswerten Menschen, der uns allen fehlen wird.

Josef Fragner, Chefredakteur

 

Inhalt:

Artikel
"Papa, Schoß!"
Menschen mit Downsyndrom auf der Roten Liste
Die Schule der Seele
Community Dance an der Oper Graz: Vom Chaos zur Komposition
Pädagogik der Ermöglichung
Verstehenwollen in einer zutrauenden Grundhaltung
Verstehen braucht Erklären - zum Sinn autistischer Verhaltensweisen
Jedes Verhalten macht Sinn - wenn man die Symboik versteht
Auffälliges Verhalten - auf dem Weg zu einer Grammatik des Verstehens
Herausforderndes Verhalten - heilpädagogische Zugänge zu Verstehen und Handeln
Lukáš Hosnedl – Teiresiás-Zentrum der Masaryk-Universität in Brünn
Das Projekt und Konzept VEMAS 2.0
"Du darfst dein Leben mitgestalten"
Herausforderndes Verhalten ist nicht das Problem, sondern die Lösung
Mit dem schönsten Abendkleid der Welt auf Segelurlaub: über Inklusion und Segeln
Wir lassen niemanden zurück - oder doch?
Menschen, Häuser, Bäume, Wolken
Einsamkeit: Zuflucht, Fremdheit, Unverbundenheit
Liebig's berühmte "Zwerge"
Gemeinsam geteilte Ereignisse
Zwischen Befund und Wirklichkeit
Zwischen Algorithmus und Teilhabe: Wie Technologie Inklusion prägt
Denn sie weiß, was sie tut
Wenn der Vater den Sohn fragt
Wanted: Superassistenz mit Bernadette Feuerstein
Markus Salcher: Sport, der bleibt
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