O. T., Acryl auf Papier, 2010 s. S. 75
Jedes Verhalten macht Sinn – wenn man die Symbolik versteht
Jedes Verhalten will etwas ausdrücken. Es enthält eine Botschaft. Diese Botschaft gilt es zu verstehen, will man hilfreich handeln. Beim Verstehen kommt es darauf an, auf welche Informationen wir unsere Aufmerksamkeit richten. Es gibt nämlich mehrere Arten des Verstehens. Wir unterscheiden hier das begriffliche und das symbolische Verstehen, also das Verstehen der symbolischen Bedeutung einer Aussage oder Verhaltensweise.
Was ist ein Symbol?
Die allgemeinste Definition des Begriffs „Symbol“ besagt, dass ein Symbol ein Stellvertreter für eine Sache bzw. einen Sachverhalt ist. Alles, was als Stellvertreter dienen kann, ist ein Symbol.
Eindeutige Symbole
Wenn dieser Stellvertreter genau diese Sache meint – nicht mehr und nicht weniger –, dann ist das Symbol ein genau definiertes Zeichen für diesen Inhalt. Man weiß eindeutig, was gemeint ist. Symbole in diesem eindeutigen Sinne sind
alle Wörter, insbesondere definierte Begriffe, z. B. Stuhl = ein Sitzmöbel; 1,00 € = Geld im Wert von 100 Cent
eindeutige Piktogramme,
Zahlen und mathematische Zeichen wie + und – oder %
Verkehrszeichen, Stoppschild
Noten in der Musik, ¼- oder ½-Noten
Wenn wir uns begrifflich exakt mitteilen oder rechnen, benutzen wir also Symbolsysteme in Form von Zeichensystemen. Die Kommunikation ist eindeutig und insofern unproblematisch, denn es gibt ein klares „Richtig“ oder „Falsch“.
Mehrdeutige Symbole
Allerdings sprechen wir im Alltag in der Regel nicht begrifflich exakt. Vielmehr sind unsere verbalen und nonverbalen Äußerungen normalerweise mehrdeutig und deshalb interpretationsbedürftig. Sie bedienen sich mehrdeutiger Symbolsysteme und sind nur richtig zu verstehen, wenn man gegenwärtige oder frühere Kontextfaktoren in die Deutung einbezieht.
Das mehrdeutige Symbol steht normalerweise nicht nur für ein Ding, sondern repräsentiert einen ganzen Sachverhalt oder Zusammenhang. Darum soll es im Folgenden gehen: Solche Symbole sind
Worte, z. B. das Wort Sonne, wenn damit nicht nur der Himmelskörper gemeint ist,
Bilder, wenn es nicht nur um die Wiedergabe eines Objektes geht, sondern wenn beispielsweise eine Stimmung vermittelt werden soll
Gegenstände, an denen Emotionen hängen z. B. wichtige Erinnerungsstücke, Übergangsobjekte
körpersprachliche Äußerungen
Handlungen, z. B. Rituale, Rollenspiele, Re-Inszenierungen, also Handlungen, die mehr als den direkt sichtbaren Inhalt repräsentieren. Hier sind auch problematische Verhaltensweisen einzuordnen.
Man versteht, was gemeint ist, doch ist das Gemeinte nicht exakt definiert. Die Sonne (Wort, Bild) steht beispielsweise für schönes Wetter, für Sommer, Wärme, Licht oder alles zusammen – und noch viel mehr. Damit steht sie für etwas Gutes, für Wohlfühlen. Sie kann aber auch für Hitze stehen, für Durst und Vertrocknen und ist plötzlich gar nicht mehr so positiv. Symbole in diesem Sinn sind mehrdeutig. Man muss sie interpretieren, und dafür muss man den Kontext kennen.
Das gilt für alle Arten von Symbolen, auch für die symbolischen Aspekte von Handlungen. Ein Mensch beispielsweise, der immer gereizt und abwehrend reagiert, wenn er etwas energischer angesprochen wird, drückt damit nicht nur seinen Widerwillen gegen einen strengen Tonfall aus, sondern erzählt möglicherweise auch symbolisch die Geschichte, dass er als Kind immer streng gemaßregelt wurde, unmittelbar gehorchen musste und bei Widerstand bestraft wurde. Deshalb drückt seine heutige Reaktion mehr Angst als Unmut bzw. Aggression aus.
Wir benutzen mehrdeutige Symbole täglich in vielen Zusammenhängen. Man kann Menschen gar nicht richtig verstehen, wenn man ihre symbolischen Äußerungen nicht versteht. Denn sie sind, wie die Beispiele zeigen, angereichert mit Sinn, der über die rein „objektive“ Definition hinausgeht.
Sie tauchen auf:
in unserem Umgang mit Dingen, die uns wichtig sind, z. B. mit Erinnerungsstücken an einen lieben Menschen oder mit einem Übergangsobjekt
in unseren Handlungen, wenn wir z. B. einen Blumenstrauß verschenken. Der angereicherte Sinn besteht darin, dass wir demjenigen mitteilen möchten: „Ich möchte dir eine Freude bereiten, ich mag dich“, vielleicht auch: „Ich wünsche dir alles Gute“ oder: „Es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht bei dir gemeldet habe“.
in den Bildern, die wir malen. Durch ihre Farben und Formen teilen wir immer auch mit, was uns wichtig ist, wie es uns geht … Darum kann man Bilder auch für die Diagnostik verwenden.
in vielen Alltagshandlungen, in denen wir auch unsere früheren Erfahrungen darstellen, „re-inszenieren“. Dasselbe gilt für Rollenspiele, in denen wir unser Erleben symbolisch ausdrücken.
in Träumen: Sie sind eigentlich symbolische Geschichten über unser Erleben
in religiösen Ritualen: Die Geste, sich zu bekreuzigen, drückt beispielsweise die Zugehörigkeit zur christlichen Religion aus; darüber hinaus ist sie aber auch ein Zeichen der Ehrfurcht, der Bitte um Segen und der Abwehr von Unheil
in Märchen: Auch sie sind symbolische Geschichten über wichtige Themen des menschlichen Lebens
in der Werbung: Sie arbeitet praktisch nur mit Symbolen, die zu dem angepriesenen Produkt passen
und in Dichtung überhaupt
Im Alltag unterscheiden wir nicht zwischen eindeutigen und mehrdeutigen Symbolen, wenn wir das Wort „Symbol“ benutzen.
Wirkungsweise von Symbolen
Symbolische Mitteilungen werden einerseits – wie jede Information – rational auf ihren Sinn hin untersucht und mit einem Gefühl beantwortet. Denn sie haben ja auch eine klare, sachliche Ebene. „Aha, ich bekomme einen Rosenstrauß. Die Rosen sind schön, gerade erst am Aufblühen. Sie waren bestimmt teuer. Ich freue mich, dass XY an mich gedacht und sie mir geschenkt hat.“ Darüber hinaus erreichen sie auch unmittelbar andere Bereiche unseres Gehirns, die weitere emotionale Bedeutungen aktivieren. Sie verbinden sich mit unseren Fantasien und frühen, tief in uns verankerten Denkformen, wecken Erinnerungen, Wünsche, Hoffnungen oder Ängste, erreichen uns in unserem Innersten. Das geschieht, ohne dass wir darüber nachdenken und es kontrollieren. Darin besteht die Macht der Symbole, die heilsam wirken können – beispielsweise passende positive Symbole, die dabei helfen können, emotionale Verletzungen zu überwinden. Sie können aber auch manipulieren, Illusionen festigen und zerstören. Der Rosenstrauß könnte beispielsweise bei der Empfängerin wie ein Versprechen wirken, dass sie schön ist und geliebt wird wie eine Prinzessin – wie Dornröschen – und für immer einen schönen, tapferen, treuen Prinzen an der Seite haben wird.
Symbole im pädagogischen Alltag
Im pädagogischen Alltag ist es wichtig, zu erkennen, welche Handlungen der Klient:innen einen zusätzlichen symbolischen Gehalt aufweisen. Man erkennt ihn, wenn man die Handlungen „szenisch versteht“, was oftmals meint, dass man sie als Reinszenierung früherer Erlebnisse deutet. Darüber hinaus spielen Symbole in der Gestaltung von Ritualen (beispielsweise dem „Gute-Nacht-Ritual“) eine wichtige Rolle. Auch der Umgang mit den Übergangsobjekten der Klient:innen erfordert ein feinfühliges Symbolverständnis und die Fähigkeit, selbst symbolisch zu interagieren. Wenn man Übergangsobjekte angemessen behandelt und einsetzt, können sie sehr heilsam und entwicklungsfördernd wirken. Dann verleihen sie Sicherheit und Geborgenheit und emotionale Nähe wie eine wichtige Bezugsperson. Sie ermutigen und stärken das Ich.
Ein kleines Beispiel soll sowohl das szenische Verstehen als auch den Umgang mit dem Übergangsobjekt verdeutlichen. Es wird zeigen, wie das Verständnis der Symbolebene die Bedeutung schwieriger Verhaltensweisen erschließt.
Frau W.
Biografische Notizen
Frau W. ist eine kognitiv schwer beeinträchtigte Frau im Alter von 36 Jahren. Als Säugling wurde sie von ihrer drogenabhängigen Mutter vernachlässigt. Sie bekam nicht genügend Nahrung und verbrachte ihr frühkindliches Leben fast ohne Zuwendung ausschließlich allein im Bettchen – ohne Spielsachen, um sich zu beschäftigen. Mit zwei Jahren wog sie bei normaler Körpergröße so viel wie ein einjähriges Kind. Sie nahm keine feste Nahrung zu sich, konnte weder krabbeln noch sprechen. Mit Spielsachen wusste sie nichts anzufangen. In diesem Alter kam sie in eine Pflegefamilie, die selbst viele Kinder hatte. Nun erhielt sie zwar Zuwendung, lernte allmählich normale Kost zu essen, zu laufen und etwas zu sprechen. Doch die Erziehung erfolgte überwiegend im Befehlston. Auch erhielt sie neben dem Schulbesuch wenig Anregungen und wurde nicht zusätzlich gefördert.
Im Alter von 21 Jahren zog sie in ein Heim für kognitiv eingeschränkte Erwachsene, in dem sie bis heute lebt. Sie brachte wenig persönliche Habe mit, auch keine „Lieblingsdinge“. Ihre Kleidung war zweckmäßig, aber teilweise zu groß für sie. Man hatte nicht den Eindruck, dass diese liebevoll für sie ausgesucht worden war.
Frau W. lebte sich in ihrem neuen Zuhause gut ein und meisterte bedeutsame Entwicklungsschritte. Ihr heutiger Entwicklungsstand entspricht, gemessen an ihren lebenspraktischen und kognitiven Fähigkeiten, ungefähr dem eines dreijährigen Kindes. Sie spricht in fehlerhaften kurzen Mehrwortsätzen und kann ihre Bedürfnisse auf diese Weise recht gut äußern. Mit Unterstützung bewältigt sie ihre Körperpflege; sie hilft bei einfachen Haushaltstätigkeiten, besucht die Werkstatt für behinderte Menschen und versteht sprachlich die für ihren Alltag notwendigen Inhalte.
Schwer zu verstehende Verhaltensweisen
Nach einigen Jahren, als Frau W. sich gut in der neuen Wohngruppe eingewöhnt und schon beachtliche Entwicklungsschritte gemacht hatte, entwickelte sie eine Vorliebe für das Einkaufen neuer Kleidungsstücke. Besonders gefielen ihr Pullover, aber auch neue T-Shirts wollte sie immer wieder haben. Sie freute sich sehr, wenn sie die neuen Errungenschaften in der Tasche nach Hause trug. Doch merkwürdigerweise ließ diese Freude sehr bald nach und wandelte sich in ein angespannt-zwanghaftes Verhalten. Sie bestand – und besteht – weiterhin auf solchen Einkäufen, aber schon auf dem Heimweg wird sie unruhig, beginnt laut und aufgeregt unverständlich vor sich hin zu reden. In ihrem Zimmer muss das neue Kleidungsstück sofort im Schrank verschwinden oder sie droht es zu zerreißen, was in einem unbeobachteten Augenblick oft genug auch geschieht. Kann es „gerettet“ werden, so dauert es mehrere Wochen, ehe Frau W. eventuell doch bereit ist, es anzuziehen.
Die pädagogischen Mitarbeiter:innen stehen vor einem Rätsel. Wie sollen sie dieses Verhalten verstehen? Sie erfüllen doch nur Frau W.s Wünsche, wollen ihr etwas Gutes tun. Warum muss sie die neue, selbst ausgewählte Kleidung zerreißen? Absprachen, dass sie den neuen Pullover heil nach Hause bringen, in den Schrank legen und erst am Sonntag anziehen solle, helfen nicht, um die Anspannung zu lösen. Und auf die Einkäufe verzichten will Frau W. auch nicht. Im Gegenteil – sie fordert sie vehement ein.
Der Sinn dieser Verhaltensproblematik erschließt sich am ehesten, wenn man sie symbolisch zu verstehen versucht. Dafür ist es wichtig, sich Frau W. Lebensgeschichte zu vergegenwärtigen. Denn vermutlich erzählt sie mit ihren Handlungen über ihre frühen Erfahrungen. In Worte übersetzt könnte ihr Bericht lauten: „Ich wünsche mir so sehr schöne Kleidung. Ich habe früher nie welche bekommen. Die habe ich erst hier kennengelernt. Und auch andere Dinge habe ich kaum besessen. Ich möchte auch etwas Eigenes haben. Aber wenn ich es habe, kann ich nichts damit anfangen. Ich weiß einfach nicht, wie das ist und was ich mit den Sachen tun soll. Und das ist so schlimm. Dann kann ich nur noch schreien und die Sachen zerreißen. Und dann bin ich traurig, weil ich so böse bin. Aber es geht doch nicht anders. Verstehst du das denn nicht?“ Fachlich ausgedrückt, erlebt Frau W. in diesen Situationen vermutlich schmerzlich ihre Unfähigkeit, sich an Dingen zu freuen und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen.
Diese Unfähigkeit ist eine Folge ihrer frühkindlichen Deprivation. Sie hatte niemanden, der liebevoll für sie sorgte, ihr eine Rassel in die Hand gab und mit ihr lachte, wenn sie ein Geräusch erzeugte. Keiner pflegte sie sanft, zog ihr hübsche Sachen an und freute sich an ihrem Anblick. Weil die Resonanz fehlte, konnte Frau W. zu Dingen keine positive Beziehung aufbauen. Stattdessen entwickelte sie vermutlich das Gefühl, dass sie es nicht wert ist, überhaupt etwas zu besitzen. Noch heute stehen der Wunsch danach und ihr „inneres Verbot“ in heftigem Widerstreit und führen zu unerträglichen Spannungen, denen sie mit ihrem Verhalten Ausdruck verleiht.
Schwierig sind für Frau W. außerdem alle Übergänge von einer Situation in die nächste, zum Beispiel von der Nacht in den Tag inklusive morgendlicher Pflegesituation. Diese Übergänge setzen sie so unter Stress, dass sie auf sich selbst und andere Personen zu schimpfen beginnt, schreit, gegen Wände oder Möbel schlägt, manchmal auch andere Gruppenbewohner:innen oder Mitarbeiter:innen angreift. In allen übrigen Situationen „klebt“ sie geradezu an den Fachkräften, verfolgt sie häufig auf Schritt und Tritt und kann nicht allein sein, sich auch nicht selbst beschäftigen. Kontakt zu Mitbewohner:innen pflegt sie kaum, nimmt es aber wahr, wenn diese fehlen.
Die tiefste Ursache für dieses schwierige Verhalten liegt mit größter Wahrscheinlichkeit ebenfalls in der Vernachlässigung im Säuglingsalter. Durch ihre traumatisierenden Erfahrungen konnte Frau W. kein Urvertrauen aufbauen, keine Gewissheit entwickeln, dass das Leben es gut mit ihr meint. Deshalb ist jeder Übergang – selbst wenn er noch so gewohnt ist – ein unangenehmes Risiko. Der heutige wohlwollende Umgang mit ihr kann diesen Mangel nicht ausgleichen. Denn er erreicht „das innere Kind“ nicht. Wenn es gelänge, ihr wenigstens einen Teil der bedingungslosen Fürsorge anzubieten, die ihr innerer Säugling benötigt, dann könnte sie vielleicht schrittweise Vertrauen aufbauen und die eine oder andere schwierige Verhaltensweise überwinden.
Hilfreiche symbolische Interventionen
Hier kommt nun – neben der liebevollen, auf Geborgenheitssehnsüchte eingehenden Beziehungsgestaltung – das Übergangsobjekt ins Spiel. Denn das Übergangsobjekt ist ein hervorragendes Mittel, um den Aufbau von Vertrauen zu Bezugspersonen und das Selbstvertrauen zu unterstützen. Zudem kann man mit seiner Hilfe Beziehungswünsche hervorragend symbolisch erfüllen. Bis jetzt besitzt Frau W. keine Dinge, die ihr wichtig sind, geschweige denn ein Übergangsobjekt. Es benötigt den aktiven Einsatz der pädagogischen Bezugspersonen, um eines zu entwickeln. Das heißt, die Fachkräfte müssen das zukünftige Übergangsobjekt in ihre Beziehungsarbeit einbeziehen und ihm dadurch Bedeutung verleihen. Sie müssen es „emotional aufladen“ – wie eine Batterie. Frau W. hatte Glück, dass sich das Betreuungsteam auf diese Idee einließ. Als Objekt wurde eine schöne Puppe gewählt, ungefähr von der Größe eines wirklichen Säuglings. Diese Puppe wurde nun in die Beziehungsgestaltung einbezogen. Mit anderen Worten: Wenn Frau W. begrüßt oder geweckt wurde, wurde auch die Puppe begrüßt oder geweckt, bei den Mahlzeiten bekam auch sie etwas zu essen, zu den Spaziergängen wurde sie ebenfalls mitgenommen.
Die fachliche Erfahrung lehrt, dass Menschen sowohl sich selbst als auch ihre Bezugsperson mit ihrem Übergangsobjekt identifizieren. Deshalb wurde angenommen, dass Frau W. sich im Laufe der Zeit mit der Puppe identifizieren wird und alles, was dieser widerfährt, auf sich selbst bezieht. Darum sollte sie erleben, dass die Puppe wichtig ist, dass „ihre Bedürfnisse“ wahrgenommen werden und sie zuverlässig versorgt wird. Wird ihr auf diese Weise stellvertretend für Frau W. Geborgenheit und emotionale Zuwendung geschenkt, so kann Frau W. selbst auch beginnen, sich anzunehmen, vielleicht sogar zu lieben. Als Indikator, ob das gelingt, wird einerseits gewertet, ob Frau W. die Puppe annimmt und ihr Zuwendung schenkt, und andererseits, ob sie insgesamt emotional ausgeglichener wird. Beides war nach einigen Monaten der Fall.
Aus den Notizen der Fachkraft:
Wir haben die morgendliche Wecksituation angepasst. Anstatt anzuklopfen, setzen wir uns neben Frau W. aufs Bett und streicheln ihr über den Rücken, bis sie erwacht. Sie ist dann sehr ruhig, setzt sich und lehnt sich auch gerne mal für ein bis zwei Minuten an. So ist sie zumindest ruhiger bis zur Pflegesituation – diese stresst sie nach wie vor.
Nachdem Frau W. geweckt wurde, weckt der Mitarbeiter das „Baby“ (einen anderen Namen bekommt die Puppe von Frau W. nicht). Das Baby wird mit ins Bad und anschließend mit in den Wohnraum genommen, dann verabschieden wir uns gemeinsam. Vereinzelt hat Frau W. das Baby jetzt selbst geweckt, wenn sie darum gebeten wurde. Sie nimmt das Baby hoch und übergibt es an den Mitarbeiter, der sich dann weiter darum kümmert.
Nach Feierabend begrüßen wir Frau W. gemeinsam mit ihrer Puppe. Je engagierter die jeweiligen Mitarbeiter:innen sich um die Puppe kümmern, umso größer ist die Chance, dass Frau W. ganz eigenständig Kontakt zur Puppe aufnimmt. So begleitet die Puppe sie bei der Vorbereitung des Abendessens und sitzt danach auf dem Tisch. Wir konnten ein paarmal beobachten, dass Frau W. die Puppe anspricht und fragt, ob sie Hunger habe, und ihr anschließend ein Brot hinhält.
Da Frau W. sehr aktiv ist, genießt sie vor allem gemeinsame Spaziergänge. Sie hat besondere Freude, wenn ihre Mitbewohnerin dabei ist, der Mitarbeiter den Rollstuhl schiebt und sie das Gleiche mit dem Kinderwagen tun kann
Einige Wochen später:
„Frau W.s Baby (Puppe) war heute Nachmittag mit im Garten (im Kinderwagen). Sie hat der Puppe erst keine Beachtung geschenkt. Ich habe sie dann gefragt, wo denn das Baby sei. Sie holte es daraufhin aus dem Kinderwagen. Ich habe die Puppe dann auf meinen Schoß genommen und ‚Hoppe, hoppe Reiter‘ gesungen. Das fand Frau W. ziemlich witzig und hat sehr darüber gelacht. Danach saß die Puppe bei uns beim Abendbrot. Frau W. hat sie immer wieder berührt. Ich habe die Puppe dann ein bisschen gefüttert, wobei Britta aufmerksam zuschaute. Später hat Frau W. die Puppe (nach Aufforderung) ins Bett gebracht.“
Etwa vier Wochen später: „Frau W. wollte heute Abend schon gegen 18:40 Uhr ins Bett. Da sie jedoch ihre Nachtmedikation später nehmen sollte, habe ich mit ihr vereinbart, dass wir erst das Baby ins Bett bringen und sie dafür noch ein bisschen aufbleiben kann. Sie hat sich gefreut, dass ich das Baby ins Bett bringe und hat ‚Juhu‘ gerufen. Sie schaute mir aufmerksam und lächelnd dabei zu, wie ich das Baby ins Bett lege, es zudecke und ‚Gute Nacht‘ sage. Frau W. blieb danach auch noch eine Zeit lang wach.“
Fazit: „Insgesamt verläuft die morgendliche Pflege harmonischer als noch vor einiger Zeit.“
Die symbolische Wunscherfüllung hat also gewirkt.
Schwierigkeiten bei der Arbeit mit Symbolen
Dieses überzeugende Beispiel darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch Probleme bei der Arbeit mit dem Übergangsobjekt und mit dem symbolischen Verstehen gibt. Die größte Schwierigkeit liegt in der Mehrdeutigkeit von Symbolen. Aggressives Verhalten ist eben nicht nur ein Ausdruck von Ärger, Widerstand oder Durchsetzungswillen. Es kann auch auf Angst, Trauer, Unsicherheit und tiefe Verzweiflung hinweisen. Eine Puppe oder ein Kuscheltier sind nicht nur eine Puppe oder ein Kuscheltier. Sie sind je nach Kontext ein Symbol für das eigene Ich, für das eigene Kind, für andere Kinder oder für die Person, die die Puppe oder das Kuscheltier geschenkt hat. Sie sind ein Liebesbeweis, Rückhalt, Tröster und vieles andere mehr. Die Schwierigkeit besteht nun darin, genau zu verstehen, welche Funktion das symbolträchtige Objekt erfüllt, und es entsprechend zu würdigen und zu behandeln. Das gelingt umso leichter, je besser man die Reaktionen des Besitzers oder der Besitzerin beobachtet und auf sie eingeht. Dadurch wird einem der Weg zum angemessenen Verständnis gewiesen, und es kann eigentlich nichts schiefgehen.
Die symbolische Arbeit ist also der Königsweg der Kommunikation und der Beziehungsgestaltung. Sie vertieft das Verständnis für die Klient:innen, macht die Arbeit kreativer und ermöglicht überraschende, erfreuliche Erfahrungen und Entwicklungen.
Autorin:
Dr. B. Senckel
Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologie
Psychotherapeutin – klientenzentriert nach Rogers (GwG) und methodenübergreifend (BDP)
Supervisorin (BDP)
freiberufliche Dozentin
Gemeinsam mit U. Luxen:
Begründerin der „Entwicklungsfreundlichen Beziehung nach Senckel/Luxen“®
Entwicklung des Befindlichkeitsorientierten Entwicklungsprofils für normal begabte Kinder und Menschen mit Intelligenzminderung (BEP-KI)®
2015 Gründung der Stiftung für Entwicklungsfreundliche Diagnostik und Pädagogik (SEDiP)
bis 2024 Fachlicher Vorstand der SEDiP Stiftung
am 3.2.2024 Berufung von Herrn Dr. Oliver Schmitzer, Geschäftsführer der Lebenshilfe Dillenburg, zum ehrenamtlichen Vorstand der SEDiP Stiftung
Autorin der Bücher:
Mit geistig Behinderten leben und arbeiten, C. H. Beck, München 2021
Du bist ein weiter Baum. Entwicklungschancen für geistig behinderte Menschen durch Beziehung, C. H. Beck, München 2016
Wie Kinder sich die Welt erschließen, C. H. Beck, München 2004
Der entwicklungsfreundliche Blick (gemeinsam mit U. Luxen), Beltz, Weinheim 2021
Als die Tiere in den Wald zogen. Starke Märchen für starke Kinder, C. H. Beck, München 2022
Autorin diverser Artikel in Fachzeitschriften zu unterschiedlichen Themen.
Kontakt: www.sedip.de
barbara.senckel@sedip.de
