Ein Mann in bunter Jacke und Mütze sitzt in einem Rollstuhl. Auf seinem Schoß liegt ein Kind in grüner Jacke und grauer Mütze mit geschlossenen Augen.

Mit der Zeit wurde mein Schoß zu Emils absoluten Lieblingsplatz - Kinderwagenersatz, Rückzugsort, Tankstelle für Nähe.

Foto: © Reinfried Blaha
aus Heft 2/2026 – Aus Elternsicht
Reinfried Blaha

„Papa, Schoß!“

Erste Tragetuch-Spaziergänge, improvisierte Lösungen und ein kleiner Mensch, der die Welt entdeckt. Zwischen Herausforderungen, Unsicherheit und kleinen Alltagshacks erzähle ich von den ersten Monaten mit meinem Sohn – eine Geschichte über Nähe, Chaos, Stolpersteine und einen Lieblingsplatz, der mich als Vater für immer prägt.

Wie soll ich mein Baby vom Boden aufheben, baden oder von A nach B tragen? Wie soll ich mein Kind jemals zur Kinderärztin oder in den Kindergarten bringen? Was bedeutet es für mein Kind, wenn ich nicht mit ihm Fahrradfahren, Klettern oder Fußballspielen kann? Wie wird ein Kind mein ohnehin bereits eingeschränktes Leben weiter verändern? Kann ich im Rollstuhl ein guter Papa sein? Und will ich überhaupt Papa sein?

Lange schon dachten meine Partnerin und ich über Nachwuchs nach, doch meine inneren Zweifel hemmten jeden Schritt in diese Richtung. Diese Lebensveränderung blieb gedanklich nicht fassbar. Seit einem Unfall vor 20 Jahren bin ich von der Brust abwärts komplett gelähmt. Ich hatte Angst, als Vater meinen Ansprüchen nicht zu entsprechen und hoffnungslos überfordert zu sein – auch wenn ich bei Freund:innen sah, dass Elternschaft selbst mit größeren Einschränkungen erfüllend sein kann.

Durch meinen Querschnitt war unser Weg zum Kind kein spontaner, sondern ein bewusst gewählter. Eine Entscheidung, die irgendwann aus meinem Kopf in mein Herz rutschte. Nach einem emotional herausfordernden Prozess hielt ich schließlich tränenüberströmt ein schreiendes kleines Wesen in meinen Armen, und alle Zweifel waren wie weggeblasen. Die Geburt war das Krasseste, das ich je erlebt habe. Noch nie war ich der Essenz des Lebens so nah. In diesem Moment war mir klar, dass ich mit meinem Sohn zwar nicht Fußballspielen oder Wandern, ihn aber aus vollem Herzen lieben würde.

Für einige Situationen hatte ich Vorkehrungen getroffen: einen unterfahrbaren Wickeltisch oder eine höhenverstellbare Babyinsel mit Liegeebene in meinem Greifbereich. Doch vieles blieb unklar: Wie trage ich mein Baby im Arm, während ich mich fortbewege? Wie hebe ich es mit nur einer Hand hoch oder in die Badewanne? Wie geht Alltag überhaupt?

Ich musste eigene Lösungen finden. Einige Tipps holte ich mir aus dem Internet oder von befreundeten Eltern im Rollstuhl, doch die meisten entwickelten sich direkt aus dem Leben. Ich konnte nicht alles machen, aber das meiste – nicht einfach so, sondern anders. Überraschenderweise war viel mehr möglich, als ich anfangs dachte.

Die Katzenmutter und ein Saugroboter

Als es anfangs Schwierigkeiten beim Stillen gab, legte ich Emil1 auf den Küchentisch und fütterte ihn mit Spritze und Schlauch an meinem kleinen Finger. Papa-Bonding pur. Ich lernte, dass Babys am sichersten am Boden liegen oder krabbeln. Nur konnte ich ihn nicht von der Krabbeldecke aufheben. Dafür bräuchte ich beide Hände, eine wiederum benötige ich aber, um mich abzustützen. Schnell entdeckte ich einen Trick: Ich packte ihn wie eine Katzenmutter hinten am Strampelanzug und hob ihn einhändig hoch. Das Ganze funktionierte erstaunlich gut, solange er angezogen war und die Druckknöpfe hielten.

Für das Baden war meine neue Hebetechnik allerdings ungeeignet. Weil die Tiefe der Badewanne für mich unerreichbar blieb, legte ich ihn einfach in unser unterfahrbares, großes Doppelwaschbecken. Selbst unsere Hebamme sagte, sie habe selten ein Wesen so genießen sehen wie Emil im lauwarmen Wasser in meinen Händen. Heute bade ich ihn immer noch so, obwohl er inzwischen über einen Meter groß ist. Ein neuer Life-Hack wird bald fällig.

Mit seinen ersten eigenen Fortbewegungsversuchen begann für mich eine neue Disziplin: vorausschauendes Fahren – mit besonderem Blick auf zehn kleine Finger und ebenso viele Zehen. Außerdem besorgte ich ziemlich schnell einen Saugroboter, um zu verhindern, dass Emil beim Robben den Boden reinigt. So konnte ich den Boden vorher sauber machen, bevor er ihn eroberte.

Der „Thron“ und ein Lieblingsplatz

Weil ich für die Fortbewegung beide Hände an den Treibreifen brauche, lag Emil oft nicht in meinem Arm, sondern auf meinem Schoß. Nach akribischer Kissenrecherche entstand Emils „Thron“: purpurrot, gemütlich, stabil. Speziell in Bauchlage mit Blick auf den vorbeiziehenden Fußboden schlief er oft schneller ein als in Mamas Arm. Für die weniger poetischen Seiten des Alltags musste der Platz allerdings kurz frei werden. Zum Kathetern parkte ich ihn kurzerhand im Waschbecken – gut gebettet, versteht sich.

Die Kissentechnik klappte vor allem in unserer Wohnung mit gut berollbarem Boden. Draußen war sie ungeeignet. Erst eine professionelle Trageberaterin zeigte mir ein Tuch, mit dem ich unabhängig wurde. Stundenlang spazierte ich mit dem schlafenden Emil an meiner Brust durch den Park – Erinnerungen gefüllt mit Sonnenschein am Himmel und im Herzen.

Als Emil selbstständig sitzen lernte, drehte ich ihn auf meinem Schoß nach vorne um. Das war für uns beide großartig – aber wackelig. Einmal fiel er mir bei einer schnellen Drehung vom Schoß. Ein Riesenschreck. Durch Tipps aus der Querschnitt-Community fand ich schließlich den passenden Sicherungsgurt. Mit der Zeit wurde mein Schoß zu seinem absoluten Lieblingsplatz – Kinderwagenersatz, Rückzugsort, Tankstelle für Nähe.

Zwischen Blicken und Barrieren

Immer wieder schlief er dort auch ein. Unterwegs bedeutete das für mich: stehen bleiben. Ich stützte ihn mit einem Arm und hatte damit keine Hand mehr frei für die Treibreifen. Also wartete ich, manchmal richtig lange. Auch wenn wir es eilig hatten, oft mitten auf dem Gehweg im Trubel der Stadt. Warten wurde Teil des gemeinsamen Unterwegsseins. Wenn nur noch wenige Meter bis zur Haustür fehlten, fuhr ich manchmal trotzdem weiter – Emil gut gesichert, aber (wenig elegant) kopfabwärts quer über meinem Schoß.

An seinem Lieblingsplatz hat sich bis heute nichts verändert. Längst kein Baby mehr, sucht er bei Unsicherheit oder Müdigkeit zielsicher diesen Vertrauensort. „Ich will auf deinen Schoß“ wird aber immer noch mit dem Kürzel „Papa, Schoß!“ abgekürzt. Darauf kann ich so vertrauen, dass wir bei unseren teilweise auch größeren Reisen den Kinderwagen irgendwann nicht mehr mitnahmen.

Wenn wir so als „Schoßmobil“ unterwegs sind, fallen wir auf. In unserer Heimatstadt Berlin, aber besonders auf Reisen begegnen uns viele freundliche Blicke – kleine Momente, die Mut schenken, gerade dann, wenn sich der Tag besonders herausfordernd anfühlt.

Berlin ist nicht so barrierefrei wie Graz oder Wien, wo ich früher lebte. Kopfsteinpflaster, fehlende Gehsteigabsenkungen oder Rampen, kaputte Aufzüge und Einzelstufen erschweren mir die Fortbewegung durch die Stadt. Speziell in der Babyzeit war ich dadurch verunsichert und blieb viel zu Hause oder im direkten Umfeld unserer Wohnung. Aus Mangel an barrierefreien WCs und Wickelmöglichkeiten lernte ich schnell, Emil direkt auf meinem Schoß zu wickeln – eine äußert brauchbare Fähigkeit, auf die auch meine Partnerin gern zurückgriff.

Die Wucht des Familienalltags

Für viele Situationen habe ich eigene Techniken entwickelt. Doch nicht alles lässt sich lösen. Elternschaft bleibt ein permanenter Lernprozess. Meine Partnerin ist dabei Rückhalt und Rückenwind zugleich. Sie lässt mich ausprobieren, auch scheitern, ohne vorschnell einzugreifen, und begleitet mich geduldig, bis ich meine Lösung finde.

Die Care-Arbeit teilen wir uns bewusst und fair. Wir sind ein Team und tragen beide gleichermaßen Verantwortung für unser Kind, für seine Bedürfnisse, Fragen, Wutanfälle oder neuen Schuhe. Es tut gut, sich abwechseln zu können: das Kind einmal zu übergeben, durchzuatmen und Kraft zu sammeln. Trotzdem bin ich nach einem regulären Betreuungstag oft am Ende meiner Kräfte.

Auch wenn ich heute so oft wie nie zuvor mit meinen körperlichen Grenzen konfrontiert bin, betreffen die meisten Herausforderungen überraschenderweise nicht meine Einschränkungen, sondern die Elternschaft selbst. Wie kann ich ein gutes Vorbild sein – entspannt, liebevoll, geduldig –, wenn der Alltag stressig ist und die Nerven dünn werden? Wie pflegen wir unsere Partnerschaft zwischen Einkaufsliste, Wäschekorb und Einschlafbegleitung? Wie organisieren wir Unterstützung, damit sich die Verantwortung – im Sinne des sprichwörtlichen Dorfs – auf mehrere Schultern verteilt? Und wie finde ich im Strudel der To-do-Listen Raum für mich selbst?

Je länger ich Vater bin, desto klarer wird mir: Meine Grenzen liegen weniger in meinem Körper als vielmehr in der Wucht des ganz normalen Familienlebens. Meine Fragen sind nicht die eines „Vaters im Rollstuhl“. Es sind die Fragen eines Vaters, der wachsen will, gelassen bleiben möchte, Lösungen sucht – und dabei manchmal scheitert. Niemals hätte ich geahnt, wie sehr mich das Papa-Sein erfüllen würde. Müde Augen, inneres und äußeres Chaos, kleine Katastrophen jeden Tag – all das verblasst, wenn ein inzwischen größer gewordener Mensch auf mich zuläuft, „Papa, Schoß!“ ruft und sich selbstverständlich auf seinen Lieblingsplatz setzt. In diesem Moment fühlt sich alles genau richtig an.

Autor:

Reinfried Blaha, Kommunikationstrainer, Key-Note-Speaker, Architekt und Experte für barrierefreies Bauen und Inklusion.

Kontakt: www.reinfriedblaha.net