Beschreibung

Die kleine Malak überlebte einen Bombenangriff und verlor dabei ihre Eltern und Brüder. Zudem musste ihr rechtes Bein amputiert werden. Handicap International unterstützt sie mit Prothese, Physiotherapie sowie mit psychologischer Hilfe.

Foto: © K. Nateel / HI
Oliver Schulz

Humanitäre Krise in Gaza

Der Konflikt im Gazastreifen verschärft die Lage für Menschen mit Behinderungen erheblich. Der relative Waffenstillstand hat die Situation kaum verbessert. Die zerstörte Infrastruktur und der daraus resultierende Zusammenbruch des Gesundheitssystems erschweren den Zugang zu medizinischer Versorgung und Rehabilitation.

Seit Ausbruch des Konflikts im Gazastreifen hat sich die humanitäre Lage für die Bevölkerung dramatisch verschlechtert. Ausgelöst worden war der Krieg durch den Großangriff der radikalislamischen Palästinenserorganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Dabei wurden nach israelischen Angaben mehr als 1 200 Menschen getötet. 251 Menschen wurden als Geiseln in den Küstenstreifen verschleppt. Als Reaktion auf den Hamas-Überfall startete Israel im Gazastreifen eine massive militärische Kampagne. Dabei wurden bislang zehntausende Menschen getötet. Zwar wurde am 10. Oktober 2025 eine relative Waffenruhe geschlossen, doch die humanitäre Lage in Gaza hat sich seither kaum verbessert. Besonders schwer trifft es Menschen mit Behinderungen, die aufgrund der Kriegshandlungen, der Zerstörung der Infrastruktur und der anhaltenden Blockaden in einer extrem prekären Situation leben. So schildern die Vereinten Nationen (UN) schon in ihrem Bericht vom August 2025 eine alarmierende Realität: Mindestens 21 000 Kinder im Gazastreifen haben infolge der kriegerischen Auseinandersetzungen körperliche Behinderungen erlitten, die meisten durch den Einsatz explosiver Waffen. Insgesamt wurden etwa 40 500 Kinder infolge des Krieges verletzt. Die UN-Berichte zeichnen ein Bild des völligen Zusammenbruchs eines zuvor funktionierenden Gesundheitssystems. Viele Krankenhäuser sind zerstört oder schwer beschädigt. Weiters wurde medizinisches Personal bei Angriffen getötet oder ist geflohen. Die Lieferung von Prothesen, Rollstühlen, Hörgeräten und anderen Hilfsmitteln ist nahezu zum Erliegen gekommen. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Einstufung dieser Güter durch Israel als sogenannte Dual-Use-Güter, also Produkte, die sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke genutzt werden können. Diese Einstufung verhindert die Lieferung lebensnotwendiger Hilfsmittel, was insbesondere für Menschen mit Behinderungen verheerende Folgen hat. „In einer normalen Situation leiden Menschen mit Behinderungen am meisten. Und in Kriegszeiten verschärft sich die Lage natürlich noch weiter“, sagte Muhannad Salah Al-Azzeh, Mitglied des UN-Ausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, bei einem öffentlichen Dialog in Genf.

Handicap International (HI) arbeitet nach eigenen Angaben seit 1996 in den palästinensischen Gebieten. Der Schwerpunkt des Programms liegt auf der Unterstützung von Behindertenorganisationen. 1999 startete HI eine Aufklärungsinitiative über die Gefahren durch Landminen und andere explosive Kriegsreste. Seitdem gibt es eine Vielzahl von Entwicklungsmaßnahmen in Zusammenarbeit mit lokalen Verbänden in den Bereichen Rehabilitation, psychosoziale Unterstützung, Zugang zu Bildung und behindertengerechte Anpassung von Wohnungen. Seit dem 7. Oktober letzten Jahres und der Eskalation des Konflikts zwischen der israelischen Regierung und der militanten Palästinenserorganisation Hamas leisten HI und ihre Partner in Flüchtlingscamps im Gazastreifen unter anderem Nothilfe und psychosoziale Unterstützung für die vertriebenen Menschen. Zudem organisiert HI Freizeitaktivitäten für Kinder und verteilt Hilfsmittel wie Hygieneprodukte sowie warme Kleidung für den Winter. Die derzeitige Situation in Gaza beschreibt Marwa Rostom, eine Rehabilitationsfachkraft bei HI, folgendermaßen: „Laut aktuellen Daten des Gesundheitsministeriums in Gaza benötigen mindestens 6 000 Menschen mit Amputationen eine langfristige Rehabilitation. Für viele von ihnen ist die Amputation erst der Anfang ihrer Herausforderungen. Sie leiden nicht nur unter physischen Schmerzen und Komplikationen wie schlechtem Stumpfheilungsverlauf, Phantomschmerzen oder dem Bedarf an weiteren Operationen, sondern auch unter erheblichen sozialen und psychischen Belastungen.“ Rostom berichtet weiter: „Viele warten monatelang auf Prothesen, Rollstühle oder Gehhilfen. Die Versorgung ist so knapp, dass sie oft auf Pflegepersonen angewiesen sind, was ihre Unabhängigkeit stark einschränkt und das Risiko von Infektionen, Druckstellen oder anderen Komplikationen erhöht.“ Dabei fehlt es den Betroffenen häufig an psychosozialer Unterstützung, obwohl die psychische Belastung durch den Verlust von Gliedmaßen, die Flucht vor dem Krieg, die Zerstörung ihrer Häuser und die Trennung von ihren sozialen Netzwerken immens ist.

Die Folgen dieser Versorgungslücken sind gravierend. Marwa Rostom beschreibt, wie die fehlende Mobilität viele Menschen in eine Abhängigkeit von anderen treibt: „Ohne funktionierende Hilfsmittel sind viele gezwungen, in behelfsmäßigen Unterkünften zu leben, die nicht barrierefrei sind. Das erschwert den Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildung und sozialer Teilhabe erheblich.“ Die gesellschaftliche Marginalisierung nimmt zu, und die psychische Gesundheit leidet enorm. Besonders für Kinder bedeutet der Verlust der Mobilität oft eine lebenslange Ausgrenzung, da inklusive Bildung und soziale Integration kaum möglich sind. Die Situation verschärft sich durch die Zerstörung wichtiger Infrastruktur. Die UNRWA, die UN-Agentur für Flüchtlingshilfe, berichtet, dass ein Rehabilitationszentrum, das seit 1962 Kinder mit Sehbehinderungen versorgt hat, durch Bombardierungen zerstört wurde. Dieses Zentrum war nach Angaben der UN das einzige seiner Art in Gaza und bot Unterstützung für mehr als 500 Kinder pro Jahr. „Heute liegt es in Trümmern“, sagt Hector Sharp, Vertreter von UNRWA in Genf. Auch Schulen, Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen sind Ziel von Angriffen geworden, was die Rehabilitation und die gesellschaftliche Integration weiter erschwert.

Behinderung als zusätzlicher Risikofaktor

Kinder mit Behinderungen sind die größte Gruppe der Betroffenen. Viele von ihnen leiden an schweren Verletzungen, die oft zu Amputationen führen. Ammar Dwaik, Generaldirektor der Palästinensischen Unabhängigen Kommission für Menschenrechte, schätzte im August, dass täglich durchschnittlich 15 weitere Kinder durch die Kriegshandlungen Behinderungen erleiden. Das bedeutet, dass Gaza möglicherweise die höchste Zahl an kindlichen Amputierten in der modernen Geschichte aufweist.

Menschen mit Seh- oder Hörbehinderungen sind bis heute besonders stark gefährdet, da die Evakuierungsbefehle der israelischen Armee häufig unzulänglich sind. HI-Mitarbeiterin Marwa Rostom erklärt: „Für Menschen, die beispielsweise nichts hören oder sehen können, ist das Verstehen und Befolgen von Evakuierungsanweisungen oft unmöglich. Das erhöht ihr Risiko, im Konflikt ums Leben zu kommen.“ Viele Betroffene müssen unter unzureichenden Bedingungen fliehen und haben keinen Zugang zu Hilfsmitteln oder Unterstützung. Das Fehlen von Gebärdensprachdolmetschern, taktilen Leitsystemen und anderen barrierefreien Maßnahmen ist eine weitere Hürde. Über 83 Prozent der Menschen mit Behinderungen in Gaza verfügen derzeit nicht über die notwendigen assistiven Geräte wie Prothesen, Hörgeräte oder Rollstühle. Die Batterien, die diese Geräte antreiben, sind knapp, was die Nutzung zusätzlich erschwert. Rostom verdeutlicht: „Viele Betroffene haben keine Ersatzteile oder funktionierenden Geräte mehr. Das macht es nahezu unmöglich, medizinische Versorgung oder sogar grundlegende Lebenshaltung zu sichern.“ Die Folge ist eine zunehmende Abhängigkeit, die soziale Isolation und die Verschärfung psychischer Leiden.

Seit den Angriffen ist die Infrastruktur im Gazastreifen weitreichend zerstört. Theoretisch würde eine funktionierende Infrastruktur die gesellschaftliche Integration fördern, doch in der aktuellen Situation ist sie kaum vorhanden. Daher fordert Rostom: „Wir brauchen eine sofortige Wiederherstellung der Infrastruktur, Zugang zu Hilfsmitteln und eine nachhaltige Versorgung, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.“ Neben der physischen Rehabilitation ist die psychische Gesundheit der Betroffenen ein zentrales Thema. Viele Menschen, insbesondere Kinder, leiden unter Traumata, Depressionen und Angstzuständen. Marwa Rostom betont: „Viele Betroffene haben den Verlust ihrer Angehörigen, ihrer Heimat und ihrer Gesundheit erlebt. Es ist essenziell, dauerhafte psychosoziale Unterstützung anzubieten, um ihre Resilienz zu stärken.“ Das Fehlen spezialisierter Therapien und Gemeinschaftsprogramme verschärft die psychische Krise.

Angesichts dieser dramatischen Lage forderte Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die israelischen Behörden bereits vor Monaten auf, mehr Hilfsmittel und Technologien durchzulassen – sowohl für Menschen mit bestehenden Behinderungen als auch für diejenigen, die im laufenden Konflikt neue erleiden. Er verlangte außerdem eine Ausweitung medizinischer Evakuierungen, um Menschen mit Behinderungen den Zugang zu lebenswichtiger, spezialisierter Versorgung zu ermöglichen. Letztendlich, so sagte er, sei Frieden „der einzige Weg, das Leiden der Palästinenser zu beenden, einschließlich derjenigen mit Behinderungen.“ Daran hat sich wenig geändert. Marwa Rostom bekräftigt: „Nur durch einen echten Waffenstillstand, der den Zugang zu allen Teilen des Gazastreifens gewährleistet, kann sich die Situation verbessern. Die humanitäre Hilfe muss vollständig und nachhaltig sein. Es geht um Leben, Würde und die Zukunft der Menschen hier.“

Die Situation der Menschen mit Behinderungen in Gaza ist eine humanitäre Herausforderung von unvorstellbarem Ausmaß. Die aktuellen Berichte von Handicap International und den Vereinten Nationen zeichnen ein Bild von großer Not und eher verzweifelter Hoffnung. Es ist unerlässlich, dass die internationale Gemeinschaft ihre Verantwortung wahrnimmt und den Menschen im Gazastreifen endlich wirksame Hilfe zukommen lässt, um ihr Überleben, ihre Würde und ihre Zukunft zu sichern. Nur durch einen dauerhaften Frieden und nachhaltige Unterstützung kann das Leid gelindert und die Gesellschaft wiederaufgebaut werden.

Autor:

Oliver Schulz arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren als freier Journalist und Buchautor. Einer seiner Themenschwerpunkte sind Menschen mit Einschränkungen.

Kontakt: www.oliverschulz.net