Sich beim Tango der Erfahrung von Führen und Geführtwerden und dem Rhythmus der Musik hingeben.
Lillis Ballroom
„Es war nicht leicht, hierherzufinden, aber jetzt bin ich da!“, lache ich, als ich vom dunklen Weg am Donaukanal aus das hell erleuchtete, moderne und inklusive Tanzstudio Lillis Ballroom betrete. „Ja, mit dem Blindenstock geht es leichter“, sagt Petra Schön, die das Projekt Lillis Ballroom seit 2015 mitentwickelt und seit 2018 die Leitung innehat. „Es gibt am Boden ein Leitsystem, das der 9. Wiener Gemeindebezirk gemeinsam mit unserem Team umgesetzt und zu drei Vierteln gezahlt hat, was für Wien einzigartig ist.“
Dieses Leitsystem habe ich in der Tat nicht gesehen. Ich habe beim Verlassen der U-Bahn-Station Spittelau einen Vorplatz gequert und bin dem orangen Schild „Lillis Ballroom“ zuerst über eine Rampe und dann eine nicht barrierefreie Metalltreppe – Lift war auf den ersten Blick keiner zu sehen – hinab in die Dunkelheit gefolgt. Schließlich bin ich zwischen einem Parkdeck und einer Mülltonne auf einem einsamen, nicht beleuchteten Weg am Donaukanal gelandet. „Ein blinder Kollege hat einmal gesagt, dass er das super finde, denn so hätten es nämlich alle – auch die Sehenden – gleich schwer, hierherzukommen. Das macht alle wieder gleich“, fügt Petra Schön hinzu und führt mich durch die schönen Räume, in denen Menschen bereits Tango tanzen.
Von Gebärdensprachdolmetschung bis zum Tanzen mit Augenmaske
Lillis Ballroom hat seinen Namen von Lilli Kahane, die seit frühester Kindheit stark sehbeeinträchtigt ist. Sie ist Sängerin und tanzt seit ihrer Kindheit Ballett sowie klassische und lateinamerikanische Tänze. Der Tango Argentino, den sie in Buenos Aires und Wien erlernte, eröffnete Lilli jedoch eine ganz neue Welt – auch zu ihren eigenen Empfindungen. Er gab ihr ein Gefühl der Freiheit. Bald wollte sie ein Tanzstudio eröffnen, in dem Grenzen überwunden werden können, wo Menschen sich – unabhängig von physischen und psychischen Fähigkeiten, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, ethnischer Herkunft, Nationalität, Religion und Weltanschauung – in entspannter Atmosphäre tanzend begegnen. Ein Ort, wo man sich wertgeschätzt und willkommen fühlt, wo man voneinander lernt und Erfahrungen austauschen kann. Hierfür wurden in den Stadtbahnbögen am Donaukanal ehemalige Lagerräume barrierefrei umgestaltet und mit viel Glas für Tageslicht versehen. Die Materialien wurden nach haptischen Kriterien und mit starken Kontrasten ausgewählt, zudem sind die Beschriftungen taktil ausgeführt.
„Es gibt im Hintergrund private Finanziers, damit die Miete gezahlt werden kann“, sagt Petra Schön. Es sei trotzdem schwierig, weitere Kosten alleine durch die Tanzkurse zu decken, weil inklusives Tanzen mehr personelle Ressourcen brauche und das Personal wahnsinnig teuer sei. Deshalb kann man die Räumlichkeiten nun auch für Geburtstagsfeiern mieten – und weil es hier keine Nachbarn gibt, kann man „open end“ Musik spielen, was in Wien sonst kaum wo möglich ist. Auch Firmen veranstalten hier Seminare.
„Wir sind ein Social Business. Wir haben die Vermietung, den Verein ‚Tanz ohne Grenzen‘, wo wir Sensibilisierungs-Workshops anbieten, und Lillis Ballroom, das Herz des Ganzen.“ Ins Tanzstudio kommen Menschen, die einfach Tango lernen wollen. „Die Inklusion bekommt man halt mit, weil wir inklusiv arbeiten. Aber die Leute kommen nicht deshalb, und sie zahlen auch nicht dafür. Es gibt auch nicht so viele blinde Menschen in Wien, nur etwa 0,3 Prozent – und auch von diesen wollen nicht alle Tango lernen, sondern vielleicht auf einen Ball gehen und Walzer lernen. Das bieten wir aber nicht an. So gesehen ist die Zahl blinder Menschen schon repräsentativ, aber wir könnten nie einen Kurs füllen.“
In der Vergangenheit hat man viel experimentiert. Einmal gab es einen Tango-Fusion-Kurs für Rollstuhlfahrer:innen, und es wurde auch viel mit gehörlosen Menschen gearbeitet. „Die Tanzpädagogin Lucia ist gebärdensprachkompetent und hat ihre Abschlussarbeit über Tanzen mit Hörbehinderung gemacht. Interessanterweise ist die Gehörlosen-Community aber ganz anders als die Blinden-Community. Tango eignet sich für Blinde relativ gut, weil man beim Tango sehr viel spüren muss – und das geht sogar besser, wenn man die Augen schließt. Tango sei zudem ein gehender Tanz. Wer allerdings nichts höre, könne nicht nach der Musik tanzen und bewege sich dann eigentlich nur im Kreis, meint Petra Schön. „Es müsste zumindest einer hören. Dann geht es, weil der andere über den Körper des anderen hört. Es hat ihnen durchaus Spaß gemacht, aber letztlich stellt sich immer die Frage, wofür man sein Geld ausgibt – auch für gehörlose Menschen. Salsa wäre da schon besser geeignet, weil man da den ganzen Körper bewegt. Doch das hat sich damals nicht so ergeben, und wir können nicht alle Kurse gebärdensprachdolmetschen. Das ist eine Frage der Ressourcen. Wenn man Hörende, Sehende, Nichthörende, Nichtsehende in einem Kurs hat, müssen auch alle Trainer:innen unterrichten können. Es ist immer eine Gratwanderung, alle zusammenzubringen und das Gefühl zu vermitteln, dass es sich lohnt, hierherzukommen.“
In Lillis Ballroom wird regelmäßig mit Augenmaske getanzt. Den Sehsinn wegzunehmen, sei ganz wichtig – daher wurde auch das Format „Dancing in the Dark“ entwickelt. Da man aber länger braucht, um etwas nicht sehend zu erlernen, kann das auch anstrengend sein. Der Anfängerkurs ist eine Einführung ins Tanzen mit allen Sinnen und dauert eineinhalb Stunden. Man gibt sich dieser Erfahrung hin, ohne Tango lernen zu müssen. Der Kurs für „Improver“ richtet sich an Tango-Tänzer:innen, die ihre Feinwahrnehmung und das Spüren noch stärker trainieren wollen – vor allem, wenn sie dabei nichts sehen. Auch hier werden häufig Rollen und Partner:innen getauscht.
„Preis der Vielfalt“ auf schwierigem Feld der Inklusion
Im Herbst 2025 wurde Lillis Ballroom mit dem „Preis der Vielfalt“ und dem Bezirks-Business-Award ausgezeichnet, die Anerkennung und Ansporn zugleich sind. Petra Schön, die auch zwei Jahre lang „Inklusion und Transformation in Organisationen“ studiert hat, reichte für den Preis sechzehn Seiten ein. „Inklusion ist ein weites Feld, und man kann leicht ausrutschen. Ich habe zum Beispiel einmal ein Foto mit Nadine, einer blinden Trainerin, gemacht. Damit es gut ausschaut, haben wir eine Topfpflanze dazugestellt und Nadine hat ihren Stock in die Höhe gehalten. Es gibt aber eine Fraktion im Blindenverband, die sagt, der Stock müsse auf dem Boden sein. Nadine war das gar nicht bewusst und sie hat gesagt: ‚Ich kann doch mit meinem Stock machen, was ich will.‘ Doch wenn das Foto dann irgendwo veröffentlicht wird, weiß niemand, dass Nadine das von sich aus gemacht hat. Und dann hat mich noch der Behindertenrat darauf hingewiesen, dass die Pflanze auf dem Leitsystem stand.“
Es kommt auch vor, dass ganze Veranstaltungen abgesagt werden müssen, weil ein:e Gebärdensprachdolmetscher:in krank ist. Es gibt nur wenige Gebärdensprachdolmetscher:innen, und die muss man Monate im Voraus buchen. Außerdem braucht man immer zwei, die sich abwechseln, und das ist sehr teuer. „Inklusion ist ein spannendes Feld, aber auch frustrierend, denn es ist schwer, alle Anforderungen zu erfüllen. Österreich hat einen Aktionsplan und eine Behindertenkonvention ratifiziert, und dennoch wird das Budget gekürzt, sodass manche Vereine sogar wieder schließen müssen,“ meint Petra Schön, schließt aber versöhnlich: „Trotzdem ist viel geschehen.“
Voller Bewunderung denke ich an die Begeisterung und den langen Atem, als ich nach der Schnupper-Tango-Stunde die Augenmaske abnehme und alleine ins Freie trete. Der Weg ist dunkel und einsam. Ich zögere kurz und gehe beherzt an einem Mann vorbei, der in einer finsteren Ecke neben dem Parkdeck lehnt. Noch etwas schneller laufe ich die Metalltreppe hinauf und bis zur U-Bahn. Auf tragisch-komische Weise zeigt sich mir hier, dass es manchmal – bei bestem Willen und besten Absichten – auch „blinde Flecken“ gibt.
Autorin:
Andrea B. Schramek, Historikerin, Schauspielerin, Journalistin
office@andrea-schramek.at
Info:
www.lillisstadtbahnboegen.com
www.lillisballroom.at
www.tanzenohnegrenzen.com
