Staunen und Verstehen
Intro:
Staunen und Verstehen
Wir halten plötzlich inne, der Atem stockt, die Augen weiten sich – und die Welt ist nicht mehr alltäglich. Staunen ist eine der ursprünglichsten
und kraftvollsten Erlebensformen des Menschen, wir werden am ganzen Leib ergriffen. Staunen ist ein Riss im Gewebe der Gewohnheiten: Was eben noch
selbstverständlich war, verlässt den Horizont der Vertrautheit. Staunen ist eine Grunderfahrung des Daseins. Es setzt der „Wut des Verstehens“ – also
dem Drang, alles einzuordnen und zu kategorisieren – Grenzen. Nicht das rasche Erklären, sondern das geduldige Aushalten des Erscheinens ist wesentlich.
Dieses Heft trägt die Handschrift von Ulrike Barth und Angelika Wiehl, die auch Mitherausgeberinnen dieser Ausgabe sind. Viele Beiträge zitieren den kürzlich verstorbenen Philosophen Bernhard Waldenfels, der den Menschen als nach Antworten suchendes, pathisches Wesen versteht. Der Mensch ist der Welt ausgesetzt, in der ihm andere begegnen. Dabei begegnet uns ständig etwas, das uns fremd ist, das uns erstaunt oder irritiert. Dieses Fremde wirkt auf uns – es affiziert uns –, bevor wir es gedanklich erfassen können. Es fordert uns auf, Eigenes infrage zu stellen, eröffnet aber zugleich neue Erfahrungen. Das Soziale entsteht in den Urmomenten der „Widerfahrnis“. In jeder Antwort liegt die Herausforderung, dem Anspruch des Anderen gerecht zu werden, ohne ihn sich zu eigen zu machen.
Im Staunen erklingt die Welt. Staunen regt an, die Quellen des Verstehens und Erkennens aufzusuchen, verbreitet seelische Wärme und stimmt Menschen auf das Gemeinsame ein – so Angelika Wiehl in ihrem Essay „Zum Staunen sind wir da!“.
In seinem Beitrag „Staunen über die Welt“ eröffnet Malte Brinkmann phänomenologische, inklusive und didaktische Perspektiven. Staunen erscheint hier als eine grundlegende Haltung des In-der-Welt-Seins: „Staunen ist keine bloße Emotion oder Erkenntnisleistung, sondern eine leiblich verkörperte Erfahrung, die sich dem intentionalen Zugriff entzieht und stattdessen auf das Sich-Zeigen der Phänomene selbst verweist. Staunen wird so zum Aspekt einer Bildung und Erziehung, der nicht auf Kontrolle oder vollständiges Verstehen abzielt, sondern vielmehr auf die Erfahrung von Welt in ihrer Vielfalt und Rätselhaftigkeit vertraut – und damit auf eine Demut vor dem, was sich zeigt.“
„Als präreflexiver Affekt ist Staunen für inklusive Pädagogik bedeutsam“, meint Theresa Stommel. Staunen in der Bildung zielt dabei nicht auf Finden, sondern auf gemeinsames Suchen und Fragen ab. „Bedeutsam für Bildung und Staunen im gemeinsamen Unterricht ist somit eine Stimmung, die dem Auftreten des Staunens Raum bietet.“
Ulrike Barth und Angelika Wiehl nähern sich den Phänomenen, die sich uns zeigen, durch Wahrnehmungsvignetten. Sicht- und Hörbares wird in kurzen phänomenologischen Beschreibungen festgehalten – ohne Ausschmückungen, urteilssensibel formuliert. Das Unsichtbare erkunden sie in einer spontanen und einer kriteriengeleiteten Reflexion. So eröffnen sie neue Deutungshorizonte und Perspektiven für innere Entwicklung.
Im Beitrag „Ich sehe was, was du nicht siehst“ von Ulrike Barth reflektieren Studierende anhand solcher Wahrnehmungsvignetten ihre eigene Haltung. Auf das Aufschreiben einer Wahrnehmungsvignette folgt zunächst eine erste persönliche, spontane Ebene, die Staunen und Irritation zulässt, dann eine fachlich erarbeitete Perspektive und schließlich eine dritte Reflexion: Wie und wodurch habe ich mich verändert? Durch diese Reflexionsebenen wird ein „resonantes Dazwischen“ offenbar. Es sei eindrücklich zu lesen, wie die Studierenden sich entwickeln, „Antworten finden und durch diese Arbeit eine professionelle Sicherheit gewinnen, die sich an den erlernten Maßgaben von Inklusion orientiert und in ihren Alltag zurückstrahlt“.
In „Sinneserfahrung und Erkenntnisbildung“ spürt Angelika Wiehl dem phänomenologischen Lernen in der Waldorfpädagogik nach. „In einem auf Erfahrung gründenden phänomenologischen Unterricht muss der ganze Prozess vom Staunen und Wahrnehmen über die innere Anschauung bis hin zur Ideenbildung einschließlich der Reflexion dieses phänomenologischen Erkenntnisvorgangs vollzogen werden, und die dafür notwendigen Übungen müssen bewusst gemacht werden.“
Immer wieder bringen wir gelungene Beispiele von inklusivem Zusammenleben. Diesmal berichtet Bernd Hauser vom weltweit ersten Medienhaus für Journalistinnen und Journalisten mit Beeinträchtigungen in Kopenhagen. Franz Wolfmayr schildert, was wir von einem Dorf im Kongo über Inklusion lernen können.
Wenn wir uns die weltpolitische Lage vor Augen führen, so kommen wir aus dem Staunen nicht heraus: Fassungslos, mit offenem Mund beobachten wir, wie schnell die Grundfesten des Zusammenlebens zerschlagen werden und welche Auswirkungen das auf die Schwächsten der Gesellschaft hat. Unser Staunen sollte daher auch Empörung, ja Widerstand hervorrufen, um diesen menschenverachtenden Tendenzen entgegenzutreten.
Inhalt:
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Staunen: Die geheime Superkraft, die uns gesünder und klüger macht
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Das Leben ist ein Wunschkonzert
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Zum Staunen sind wir da!
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"Ein Tag im Leben von ..."
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Geyso20 - ein Kunstatelier zum Staunen
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Helma Striffler - ein künstlerischer Werdegang
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Staunen über die Welt - phänomenologische, inklusive und didaktische Perspektiven
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Staunen: Bildungstheoretische und inklusionsorientierte Reflexionen
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Wahrnehmungsvignetten. Phänomenologisch-reflexive Annäherungen an Sichtbares und Unsichtbares
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Ich sehe was, was du nicht siehst. Studierende reflektieren ihre Haltung anhand von Wahrnehmungsvignetten
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Sinneserfahrung und Erkenntnisbildung. Vom phänomenologischen Lernen in der Waldorfpädagogik
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Menschlich auf Sendung
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Was wir von einem Dorf im Kongo über Inklusion lernen können
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Humanitäre Krise in Gaza
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Gemeinsam Rechte durchsetzen
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Arbeit als Menschenrecht - aber für wen gilt es wirklich?
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Inklusive Bildungswege
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"Mich nicht finden, auch mitnehmen wollen"
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50 Jahre Winter-Paralympics
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Sportlerinnenporträt
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"Schifoan is des Leiwandste, wos ma si nur vorstellen kann!"
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Herausforderungen und Chancen für bedarfsgerechte Unterstützungsstrukturen
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Spannungsfelder des Handelns bei komplexen Beeinträchtigungen
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Der Schulschwänzer
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(Un-)Bekannte Originale
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Carlotta und das Staunen in der Philosophie oder: Philosophie für alle
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Wanted: Superassistenz (Teil 3)
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Beat the Silence auf Österreich-Tour
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Lillis Ballroom
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Buchrezensionen
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Barrierefreier Tourismus in der Provence: zertifizierte Ferienhäuser in Gigondas
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