Inklusive Bildungswege
Das Projekt „Inklusive Bildungswege“ adressiert zentrale Herausforderungen inklusiver Bildung im österreichischen Bildungssystem, insbesondere die Diskontinuitäten und Unsicherheiten in den Bildungsbiografien von Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass Übergänge zwischen Bildungsstufen sowie unzureichende und uneinheitliche Beratungsstrukturen maßgeblich zur Bildungsungleichheit beitragen.
Vor dem Hintergrund von Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention verfolgt das Projekt das Ziel, durchgängige, transparente und qualitativ hochwertige inklusive Bildungswege vom Kindergarten bis zur Hochschule und ins Berufsleben zu entwickeln. Familien sollen dabei als kompetente Partner wahrgenommen werden, die gemeinsam mit Bildungseinrichtungen Bildungsentscheidungen treffen. Zentrale Handlungsfelder sind der Aufbau regionaler Kooperationsnetzwerke, die Entwicklung unabhängiger Bildungswegberatung, die Implementierung von Qualitätssicherungsmaßnahmen sowie eine kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung.
Das Pilotprojekt wird seit 2024 im Raum Salzburg umgesetzt und von den beteiligten Bildungseinrichtungen entlang der gesamten Bildungskette getragen. Beteiligt sind folgende Institutionen:
Elementarstufe: Kinderhaus Diakonieverein; Kindergarten Taxham; Kindergarten St. Josef Salzburg
Primarstufe: Volksschule Taxham; Montessori Volksschule Diakonieverein; Praxisvolksschule der Pädagogischen Hochschule Salzburg
Sekundarstufe I: Mittelschule Taxham; Montessori Mittelschule Diakonieverein; Praxismittelschule der Pädagogischen Hochschule Salzburg; Privatgymnasium Borromäum
Sekundarstufe II: Ausbildungszentrum St. Josef; Montessori Oberstufenrealgymnasium Diakonieverein; Privatgymnasium Borromäum; HLWM Salzburg; HLW Neumarkt
Postsekundärer Bereich: Hochschulprogramm BLuE der Pädagogischen Hochschule Salzburg
Die Umsetzung des Projekts erfolgt unter Einbindung der zuständigen Aufsichtsorgane der Elementarpädagogik sowie der Bildungsdirektion Salzburg und in Zusammenarbeit mit Elternorganisationen (u. a. Verein Initiative Autismus, Lebenshilfe Österreich). Innerhalb dieses Verbundes werden inklusive Bildungswege schul- und institutionsübergreifend entwickelt, begleitet, erprobt und wissenschaftlich evaluiert.
Die wissenschaftliche Begleitung basiert methodisch auf einem partizipativen Forschungsansatz. In einer Erhebung des Ist-Zustandes werden Schüler*innen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf, Eltern/Erziehungsberechtigte, Pädagog*innen und Schulleitungen zu ihren Erfahrungen mit Beratung, Übergängen, Bildungsgerechtigkeit und Kooperation befragt. Besonderes Augenmerk liegt auf wahrgenommenen Unterschieden in der Beratungsqualität, auf dem Einfluss struktureller Faktoren sowie auf dem Grad der Inklusionsorientierung bei Bildungsentscheidungen.
Die theoretischen Analysen verdeutlichen, dass Exklusionsrisiken weniger aus individuellen Beeinträchtigungen resultieren, sondern primär aus strukturellen Defiziten wie mangelnder Abstimmung, unklaren Zuständigkeiten und defizitorientierter Beratung. Inklusive Bildungswege erfordern daher verbindliche Kooperationen, professionelle und unabhängige Beratungsstrukturen sowie politische und institutionelle Unterstützung.
Das Projekt „Inklusive Bildungswege“ versteht sich als Modell für andere Bildungsregionen und leistet einen Beitrag zur evidenzbasierten Weiterentwicklung inklusiver Bildungssysteme. Durch die enge Verzahnung von Wissenschaft, Bildungspraxis und Bildungsverwaltung soll es langfristig die Bildungsgerechtigkeit, die Teilhabe und die nachhaltige Umsetzung inklusiver Bildung auf regionaler wie nationaler Ebene stärken.
Autor:
Dr. Wolfgang Plaute Hochschulprofessor für Inklusive Pädagogik, Vizerektor für Forschung und Entwicklung
Pädagogische Hochschule Salzburg
H-Prof. Dr. Wolfgang Plaute
wolfgang.plaute@phsalzburg.at
