Bildtext: Gut zu wissen. Wahlfreiheit ist eine faule Ausrede dafür, nichts an einer Kultur der Ausgrenzung zu ändern und ein teures Sonderschulsystem weiterzuführen, während Kinderrechte weiter missachtet werden. Philippe Narval. Schafft die Sonderschulen endlich ab! Artikel aus Heft 1/2026

Foto: © emg
aus Heft 1/2026 – Gut zu wissen
Philippe Narval

Arbeit als Menschenrecht - aber für wen gilt es wirklich?

„Es braucht Menschen, die einem etwas zutrauen, die an einen glauben – dann schafft man sehr viel!“ So einfach dieser Satz einer jungen Frau mit Behinderung klingt, so fundamental ist er für echte Teilhabe. Ich habe ihn mir vor Kurzem bei einer Tagung in Kärnten zum Thema „Inklusion von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt“ notiert.

Was die Konferenz besonders relevant und lebensnah machte: Es sprachen Betroffene, ihre Angehörigen und Mentoren über ihre Erfahrungen aus der Praxis. Unter ihnen war Alexander V., der fast 20 Jahre in einer Werkstätte für ein Taschengeld gearbeitet hatte – ohne regulären Lohn und ohne Sozialversicherung. Irgendwann äußerte er seinen Wunsch, der in einer inklusiven Gesellschaft eigentlich selbstverständlich sein müsste: eine Anstellung mit echtem Gehalt zu finden.

Alexander V. hatte „Glück“. Er bekam einen Platz im Pilotprojekt „Reallabor“, finanziert vom Land Kärnten und umgesetzt durch unterschiedliche Trägerorganisationen. Dort erhielt er das Training, das er brauchte, individuelle Förderung, Unterstützung bei Behördengängen, aber vor allem auch Ermutigung, wenn ein Praktikum in einem Betrieb nicht funktionierte. Seit letztem Sommer hat er nun eine fixe Anstellung bei einem großen Möbelhaus. Er ist sozialversichert, verdient sein eigenes Geld und will jetzt von zu Hause ausziehen.

Auch Elisabeth K. war jahrelang in einer Tagesstruktur. Ehemalige Betreuungspersonen beschrieben sie als zurückgezogen, schwer motivierbar – auch weil einige Versuche, außerhalb zu arbeiten, gescheitert waren. Im Projekt wurde zunächst ein genaues Fähigkeitsprofil erstellt und analysiert, warum frühere Arbeitsversuche nicht funktioniert hatten. Seit letztem Jahr hat Elisabeth K. eine fixe Anstellung in einem Bäckerei-Café in Klagenfurt. Dort wurde sie durch Arbeitsassistenz in der Einarbeitung begleitet – Schritt für Schritt, mit Struktur und dem Aufbau von Vertrauen. Sie tritt jetzt selbstbewusst und modisch auf und ist mit ihrem Partner in eine eigene Wohnung gezogen. Ihr Arbeitgeber ist sehr froh, eine so loyale und engagierte Mitarbeiterin gefunden zu haben.

In beiden Erfolgsgeschichten geht es nicht um Wunder. Es geht um passgenaue, personenzentrierte Lebensbegleitung, um hohe fachliche Qualifikation der unterstützenden Fachpersonen, um Arbeitgeber:innen, die Offenheit leben – und um Politik und Verwaltung, die die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Für das Kärntner Projekt wurde sogar eine eigene „Experimentierklausel“ aktiviert, um bürokratische und gesetzliche Hürden aus dem Weg zu räumen.

Doch die Geschichten von Alexander V. und Elisabeth K. sind in Österreich (und auch in Deutschland) noch immer Ausnahmen. Nicht, weil es grundsätzlich unmöglich wäre, Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf den Zugang zu einer echten Anstellung zu ermöglichen. Im Gegenteil: Beispiele wie diese zeigen, dass es geht – wenn man es ernst meint.

Warum ist Teilhabe Zufall?

Warum hängt so viel davon ab, ob gerade ein Pilotprojekt läuft, ob eine engagierte Fachkraft verfügbar ist, ob ein Betrieb „mutig genug“ ist, ob jemand die richtigen Ansprechpartner:innen kennt? Wahlfreiheit – also die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, ob, wie und wo man arbeiten möchte – ist für viele Menschen mit Lernschwierigkeiten faktisch nicht gegeben, obwohl Arbeit ein Menschenrecht ist. Noch komplizierter wird es dadurch, dass für diese Personengruppe in Österreich neun unterschiedliche Landesgesetzgebungen gelten. Wer welche Chancen bekommt, hängt damit von Wohnort, Zuständigkeiten und einer Art Geburtslotterie ab.

Wenn ich über Inklusion am Arbeitsmarkt nachdenke, drängt sich mir allerdings eine größere Frage auf: Wie sieht dieser Arbeitsmarkt eigentlich aus, an dem wir Teilhabe fordern? Bietet er für alle Menschen – mit und ohne Behinderung – überhaupt noch „gesunde“ Rahmenbedingungen?

Ich beobachte ein Wirtschaftssystem, das auf Massenkonsum und Wegwerflogik setzt. Mir scheint, als müssten sich Menschen permanent optimieren, immer effizienter und verfügbarer werden. Und nun kommt Künstliche Intelligenz hinzu, und viele Menschen fragen sich, ob es ihren Job in Zukunft überhaupt noch geben wird. Gleichzeitig konzentriert sich Wertschöpfung und Profit zunehmend auf immer weniger Konzerne, die digital den Takt vorgeben.

Die entscheidende Frage ist daher nicht nur: Wie ermöglichen wir Teilhabe am Arbeitsmarkt? Sondern auch: Wie soll dieser überhaupt aussehen? Warum wird wertvolle Care-Arbeit in Pflege und Kindererziehung nicht honoriert? Warum besteuern wir Arbeit überproportional hoch? Ich glaube, diese Fragen wird sich in Zukunft ein viel größerer Teil der Gesellschaft stellen – nicht nur Menschen mit Behinderung. Und vielleicht liegt genau darin eine Chance: Arbeit grundsätzlich neu zu denken und zu überlegen, wie wir aus einem Wirtschaftssystem, das Menschen verbraucht, eines gestalten können, das den Menschen dient!

Autor:

Philippe Narval leitete über acht Jahre lang das Forum Alpbach und entwickelte an der Universität St. Gallen (CH) das Experimentierfeld SQUARE. Seit 2023 ist er Generalsekretär der Lebenshilfe Österreich, einer Interessensvertretung für Menschen mit intellektuellen Behinderungen.

narval@lebenshilfe.at