Eine Person in einer grünen Jacke steht in einem Aufzug und drückt mit ausgestrecktem Arm einen Knopf an der Bedienleiste. Die Aufzugskabine hat Metallwände und seitliche Glasflächen. Auf der Leiste sind mehrere Tasten, ein Lautsprecherfeld und kleine Beschriftungen zu sehen.

Das Leben ist ein Wunschkonzert: Wenigstens für Willi, wenn die Akkus seiner Geräte voll sind

Foto: © Matthias Wittkuhn
aus Heft 1/2026 – Aus Elternsicht
Birte Müller

Das Leben ist ein Wunschkonzert

Mein Sohn Willi drückt gerne Knöpfe. Er hat das Ursache-Wirkung-Prinzip verstanden: Sein Handeln bewirkt eine unmittelbare Reaktion und bringt Elektrospielzeuge dazu, auf Knopfdruck Musik und Geräusche von sich zu geben. Was aus Elternsicht nervenaufreibend sein kann, erfreut Willi sehr. Es macht ihn handlungsfähig und gibt ihm Sicherheit – bis die Batterien leer sind und seine Welt ins Wanken gerät.

Das Verständnis des Kausalitätsprinzips ist ein wichtiger Schritt der kindlichen Entwicklung hin zur Selbstbestimmung.

Willi ist nun groß. Er versteht, dass sein Handy (das sich in einer wasserfesten Panzerhülle befindet) an ein Kabel gehängt werden muss, wenn es aufhört, Musik abzuspielen. Willi möchte dann nicht zu seinen Eltern rennen. Er will solche Probleme selbst lösen. Dass man aber nicht irgendeinen Stecker reinstecken darf und der Ladevorgang auch längere Zeit benötigen kann, macht dies schwierig. Darum nehmen wir ihm diese Sache (so wie viele andere) oft aus der Hand. Mir fällt das erst richtig auf, seit Willi ausgezogen ist. Erst jetzt habe ich sowohl die Zeit als auch die Nerven, ihn viel mehr selbst machen zu lassen.

Wenn wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, fordert Willi beispielsweise oft, den Fahrstuhl vom Bahnsteig bis nach unten selbstständig zu benutzen. Der hat nämlich auch sehr schöne Knöpfe.

Wenn Willi also mit strenger Geste erst auf mich und dann auf die Treppe zeigt, ermahne ich ihn kurz, nicht den Alarm zu drücken, und gehe die Stufen. Dabei schließe ich mit mir selbst Wetten ab, ob Willi wohl die dafür nötige Impulskontrolle aufbringt oder nicht. Aber spätestens, wenn ich unten um die Ecke komme, drückt er auf jeden Fall den entsprechenden Knopf und grinst mich dabei breit an. Willi freut sich dann wie Bolle über den schrillen Alarmton, meine verdrehten Augen und die Stimme, die sich aus der Zentrale meldet. Er hört sich an, wie ich mich förmlich dafür entschuldige, dass mein Sohn „versehentlich“ den Notruf gedrückt hat. Zufrieden mit der erzielten Wirkung hakt er sich bei mir ein, um fröhlich weiterzumarschieren.

Manche Leute finden es nicht in Ordnung, dass ich Willi das tun lasse. Ich halte es für vertretbar. Genau wie ich es für vertretbar halte, Willi mit anderen Menschen im Fahrstuhl fahren zu lassen, ohne dass ich dabei bin. Ein gutes Lernfeld, nicht nur für Willi.

Übrigens bieten die Bedienfelder der Fahrstühle der Hamburger Hochbahn Willi viel Abwechslung. Sie scheinen mir ständig unterschiedlich aufgebaut zu sein. Es gibt große runde Knöpfe und flache, eckige Edelstahltaster. Manche haben sogar schöne LED-Leuchtringe. Es gibt reliefierte Ziffern oder Pfeile und natürlich Brailleschrift, wobei ich wirklich niemanden darum beneide, in den oft versifften Aufzügen die Wände abtasten zu müssen. Selbst der Notrufknopf ist an unterschiedlichen Stellen zu finden, hat unterschiedliche Formen und Farben, trägt manchmal ein gelbes Glockensymbol und konkurriert neuerdings mit einem zusätzlichen, grün leuchtenden SOS-Taster, der mich vollends verwirrt. Doch ich will mich nicht beschweren – immerhin gibt es jetzt an fast allen Bahnhöfen Fahrstühle. Das war früher anders, als Willi noch Anfälle hatte und wir Absauggeräte und Sauerstoffflaschen in einer gigantischen Reha-Karre umherschleppen mussten. Ich erinnere mich an so manche Träne der Erschöpfung, die ich geweint habe, als wir erst noch mit dem Bus zum nächsten U-Bahn-Fahrstuhl fahren mussten – nur um festzustellen, dass dieser kaputt war. Es ist absolut großartig, wie sich das in nur zehn Jahren so komplett verändert hat!

Leider konnte ich im Internet keine Informationen oder Abbildungen vom Hamburger Verkehrsverbund darüber finden, wie die verschiedenen Bedienfelder der Aufzüge aufgebaut sind, damit ich sie Willi zu Hause in Ruhe zeigen kann. Ehrlicherweise hätte ihn das wohl auch nicht interessiert. Mit den Suchbegriffen „Fahrstuhl“, „Aufzug“ oder „Personenaufzug“ findet man auf der offiziellen Website keine Informationen über die behindertengerecht ausgebauten Haltestellen in Hamburg. Stattdessen muss man sich über die Service-Navigation zu „Barrierefrei unterwegs“ und weiter zu „Aufzüge im hvv“ durchklicken, um eine entsprechende Übersicht zu erhalten.

Willi hätte hier natürlich weder Leichte Sprache noch bessere Menüführung geholfen, denn er kann ja nicht lesen. Aber wenn ich selbst als gut lesende Deutsch-Muttersprachlerin diese Informationen erst suchen muss, gibt es wahrscheinlich Verbesserungspotenzial. Ich wünschte, Metacom-Symbole würden sich überall durchsetzen. Von mehr intuitiver Verständlichkeit würden alle Menschen profitieren.

Ich glaube, in Aufzügen orientiert Willi sich allgemein an den Bedienfeldern des Fahrstuhls „seiner“ Station: an den Farben Grün (damit das Teil losfährt) und Rot (für den coolen Sound und die starken Reaktionen seiner Mitmenschen). Andernfalls untersucht er die kausalen Zusammenhänge kurzerhand durch mehr oder weniger systematisches, vielfaches Ausprobieren aller Knöpfe. Seine Forschungen haben übrigens ergeben, dass sich selbst bei kurzem Drücken des Alarms verlässlich IMMER die Notrufzentrale meldet – beruhigend!

Auf Sprachansagen, die akustisch informieren, auf welcher Ebene der Aufzug sich befindet oder in welche Richtung er sich bewegt, kann man sich dagegen nicht verlassen. Genauso wenig wie auf Haltestellenansagen in Bussen. Dabei gibt es im Bus einen Menschen, der ihn fährt. Der könnte die Ansagen machen, wenn das Fahrgastinformationssystem wieder einmal nicht funktioniert. Von diesem Menschen sind auch Rollstuhlnutzer:innen abhängig, denn er muss manuell eine Rampe ein- und ausklappen, über die man in den Bus rollen kann.

Auf der Internetseite des Verkehrsbetriebs finde ich folgende Anleitung für Fahrgäste mit eingeschränkter Mobilität (auch diesmal leider ohne Abbildungen oder Piktogramme): „Benutze immer eine Tür in der Mitte des Busses, mache dich bei unseren Busfahrerinnen und Busfahrern deutlich bemerkbar oder drücke beim Ein- und Ausstieg den gekennzeichneten Knopf. Dieser befindet sich außen rechts neben den mittleren Eingangstüren. Innen findest du den Knopf auf der Fahrerseite im Mehrzweckbereich neben der Stellfläche für Fahrgäste mit Mobilitätshilfen.“

Der blaue, mit dem Rollstuhlsymbol gekennzeichnete Knopf wird ständig gedrückt, weil die Leute erwarten, er würde die Tür öffnen. Um sich bei Busfahrerinnen und Busfahrern deutlich bemerkbar zu machen, während man mit seinem Rollstuhl im Gedränge an der mittleren Tür steht, muss man also sehr laut brüllen. Seit ich mitbekommen habe, dass auch Begleitpersonen und andere Fahrgäste die Rampe selbstständig ausklappen, mache ich das ebenfalls, obwohl die Bedienung laut Vorschrift des Verkehrsunternehmens aus Sicherheitsgründen nur dem Fahrpersonal erlaubt ist. Beschwert hat sich aber noch nie jemand über die Arbeitserleichterung. Ich habe allerdings auch noch nie erlebt, dass das Fahrpersonal beim Ausklappen der Rampe genervt gewirkt hat (wenigstens nicht genervter als ohnehin schon).

Beim Busfahren fällt es mir oft schwer, die sachgerechte Bedienung der Knöpfe zu verstehen. Es gibt zum Beispiel zuweilen einen Knopf neben der Tür mit der schönen Beschriftung „Fahrgastwunsch“. Ich musste so lange darüber nachdenken, ob das wohl einfach „Stopp“ bedeutet – und warum zum Henker man dann ein Wort dafür gewählt hat, das viel schwerer zu lesen ist und nichts erklärt –, dass ich fast vergessen hätte auszusteigen.

Wahrscheinlich dachte man, dass Leichte Sprache für einen so komplexen Sachverhalt, wie er hier vorliegt, nicht angebracht wäre. Ich habe nämlich herausgefunden, dass die Bedienung des Fahrgastwunschknopfs lediglich den Wunsch des Fahrgastes anzeigt, an der nächsten Station auszusteigen. Ob der Wunsch erfüllt wird, liegt bei der oder dem Berufskraftfahrenden.

Aus Gründen der Höflichkeit – und damit es nicht zu einer Verwechslung mit der Notbremse kommt – hat man den Knopf nicht mit den Worten „Stopp“ oder „Halt“ beschriftet.

Seltsam. Auf der einen Seite traut man mir nicht zu, diesen Knopf von einer Notbremse zu unterscheiden (dabei gibt es im Bus ohnehin keine Notbremsen und überall dort, wo es welche gibt, kommt nicht mal Willi auf die Idee, sie anzufassen).

Auf der anderen Seite scheint man davon auszugehen, dass es selbsterklärend ist, dass die sogenannte „dritte Tür“ (also die mittlere Tür eines Gelenkbusses) an einer Haltestelle nur durch die Bedienung ebendieses Knopfs geöffnet werden kann – und nicht (wie die anderen Türen auch) zentral durch die berufskraftfahrende Person (selbst dann nicht, wenn man quer durch den Bus „Ey, mach ma’ auf“ brüllt). Öffnet sich die mittlere Tür an einer Station auch nach Betätigung des Fahrgastwunschknopfs nicht, muss sie erst von vorne freigegeben werden (jetzt hilft Brüllen), damit durch die erneute Betätigung des HKW (Haltewunschknopf) der Türöffnungsmechanismus in Gang gesetzt werden kann. Alles klar? Fahrgastwunsch eben!

Die komplexe Bedeutung und Handhabung des blauen Knopfs mit dem Kinderwagensymbol erkläre ich ein anderes Mal. Bis dahin machen wir es am besten einfach alle so wie Willi: nicht zu viel grübeln, sondern lieber fröhlich auf allen Knöpfen herumdrücken – und wenn nichts passiert, laut schreien.

Autorin:

Birte Müller, geboren 1973 in Hamburg, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Seit sie Kinder hat (eins davon mit extra Chromosom), schreibt die ausgebildete Bilderbuchillustratorin hauptsächlich Kolumnen – zurzeit für die taz über ihre „Schwer mehrfach normale Familie“. Sie erschienen auch in Buchform unter dem Titel „Willis Welt“ und „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg“.

E-Mail: birte@illuland.de