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Juewen Zhang, Markus, Kohle auf Papier, 220 × 150 cm, 2022 s. S. 86

Foto: © Axel Schneider
aus Heft 5-6/2025 – Fachthema
Sarah Karim

Let's talk about sex?!

Behinderung und Sexualität weisen zwar viele Schnittmengen auf, der Zusammenhang gilt in unserer Gesellschaft aber als tabuisiert. Um ihn zu enttabuisieren, wird häufig das Sprechen über Sexualität und Behinderung gefordert. Mit Blick auf die Arbeiten von Michel Foucault und Schriften der Behindertenbewegung stellt sich diese Technik aber nicht automatisch als emanzipatorisch dar, sondern es sollte berücksichtigt werden, wer wann und mit wem über Behinderung und Sexualität spricht.

Behinderung und Sexualität sind zwei Themen, die einerseits selten zusammen genannt werden, andererseits viele historische und aktuelle Schnittmengen aufweisen, von denen die Eugenik in der NS-Zeit nur die drastischste bildet (vgl. Herzog 2024). Sexualität an sich, aber vor allem die Sexualität behinderter Menschen, unterliegt aktuell und historisch unterschiedlichen sexualpolitischen Regulierungen. Die fehlende Teilhabe behinderter Menschen an Sexualität speist sich einerseits aus der Annahme, Menschen mit Behinderungen, vor allem mit Lernschwierigkeiten, seien asexuell und „ewige Kinder“: Für sie sei Sexualität kein Thema und sie seien ohnehin nicht fähig zur selbstbestimmten Lebensführung und Entscheidungsfindung (vgl. Hollomotz 2009). Andererseits ranken sich auch Mythen um die Hypersexualität behinderter Menschen, die als triebhaft und mitunter gefährlich gilt, und daher am besten präventiv zu unterdrücken sei (ebd.).

1 Let’s talk about sex!?

In diesem Artikel möchte ich einen Fokus auf die Frage nach dem Zusammenhang von Behinderung, Sexualität und Tabu legen. Dazu soll der sehr häufig hervorgebrachten Aussage nachgegangen werden, dass Sexualität und Behinderung ein tabuisiertes Thema ist. Gegenwärtige behindertenrechtliche sowie an Inklusion orientierte Ansätze streben danach, auch Menschen mit Behinderungen ein (Menschen-)Recht auf Sexualität zuzugestehen und selbstbestimmte Sexualität zu ermöglichen. Dies wird zum Beispiel durch Sexualassistenz, sexuelle Bildung und Aufklärung zur Umsetzung gebracht. Insbesondere die sexuelle Bildung behinderter Menschen selbst und eine Aufklärung der Öffentlichkeit sollen die Enttabuisierung des Themas durch das Sprechen über Behinderung und Sexualität vorantreiben. Im Folgenden werde ich mich dieser gegenwärtigen Situation, in der die Forderung nach sexueller Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderungen fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, mithilfe von Foucaults (1983) Werk Sexualität und Wahrheit beleuchten. Seine These, dass nicht ausschließlich die Unterdrückung, sondern vor allem das Sprechen über Sexualität diese kontrollier- und reglementierbar macht, steht dabei im Fokus und soll auf den Themenkomplex Behinderung und Sexualität hin befragt werden. Dazu werde ich exemplarisch einige Texte der Behindertenrechtsbewegung der 1980er-Jahre, die ich als „Gegendiskurse“ verstehe, heranziehen.

2 Behinderung, Sexualität und Tabu

Kaum ein medialer oder wissenschaftlicher Beitrag zum Thema Behinderung und Sexualität kommt ohne den Hinweis aus, dass es sich bei diesem Themenkomplex um ein tabuisiertes Thema oder ein „doppeltes Tabu“ handelt. Die Sexualität behinderter Menschen werde in unserer Gesellschaft trotz der allgemeinen Liberalisierung von Sexualität im Zuge der 1968er-Bewegung tabuisiert, weshalb der Kampf für eine Teilhabe an Sexualität und Reproduktion weitergehen müsse. Die Rede von der Tabuisierung kommt sowohl in pädagogischen Diskursen wie auch in der Selbstvertretung vor.

In der Behindertenpädagogik hat sich beispielsweise Ursula Stinkes mit der Tabuisierung von Behinderung und Sexualität auseinandergesetzt und sieht insgesamt eine positive Entwicklung. In einem Beitrag von 2006 schreibt sie, dass „[ü]ber lange Zeit, bis in die 70er Jahre hinein […] die Sexualität vieler behinderter Menschen ein tabuisiertes Thema gewesen“ (Stinkes 2006, 1) sei. Durch einen gesellschaftlichen und pädagogischen Wandel sei diese Tabuisierung hinterfragt worden, sodass Sexualität nun an der Leitidee der Normalisierung orientiert und die „sexuelle Emanzipation behinderter Menschen“ (ebd., 2) ermöglicht werde.

Trotz der beobachteten Verbesserungen ist weiterhin die Rede vom doppelten Tabu: So wird beispielsweise eine Podcast-Folge der Serie echt behindert! der Deutschen Welle mit der Influencerin Charlotte Zach, die den Newsletter Berührungspunkte über Sexualität und Behinderung kuratiert, folgendermaßen angekündigt: „Sexualität und Behinderung – ein doppeltes Tabu. Selbstverständlich wollen Menschen mit Behinderung ihre Sexualität leben. Doch wie kann das gehen, wenn nicht darüber gesprochen wird und wenn immer noch davon ausgegangen wird, dass sie gar keine haben.“ (Deutsche Welle 2021, o. S.) In dieser Ankündigung stecken drei Thesen: 1) Der Wunsch nach Sexualität ist selbstverständlich. 2) Es gibt die Fehlannahme, dass Menschen mit Behinderungen asexuell sind. 3) Das Sprechen über Sexualität ist notwendig, um dieses Tabu aufzulösen.

Mai-Anh Boger (2022, 312) verdeutlicht, dass Tabu in der Psychoanalyse ein ambivalenter Begriff ist, der immer gewisse Spannungsfelder beschreibt. Abseits von psychoanalytischen Begriffen lässt sich grundsätzlich feststellen, dass es zwei mögliche Umgangsweisen mit einem Tabu gibt. Die erste geht davon aus, dass das Tabu legitim ist, etwas Vulnerables schützt und daher aufrechterhalten werden muss. Beispielsweise wird in der derzeitigen politischen Debatte über eine parlamentarische Zusammenarbeit mit der AfD meist die Metapher der „Brandmauer“ bemüht und von einem Tabubruch gesprochen, wenn eine Zusammenarbeit stattfände und daher die Brandmauer Risse bekäme. Dahinter steckt die Überzeugung, dass die Zusammenarbeit einen „Dammbruch“ (eine weitere Vokabel, die in diesem Zusammenhang bemüht wird) mit sich bringen könnte, der eine weitere Normalisierung rechten Gedankenguts Vorschub leistet. Das Tabu der Zusammenarbeit ist also wichtig, um die Gesellschaft vor diesem Gedankengut – für das sie per se anfällig zu sein scheint – und damit vor sich selbst zu schützen.

Der zweite Umgang mit einem Tabu geht davon aus, dass das Tabu illegitim ist, weil es etwas unterdrückt, das nicht unterdrückt werden sollte. Das ist häufig in den Diskussionen um Sexualität zu beobachten. Das Tabu muss in dieser Umgangsweise also ganz bewusst gebrochen werden, um die Unterdrückung aufzuheben und Freiheit, Selbstbestimmung und Emanzipation zu ermöglichen. Meist soll dies über ein freies und offenes Sprechen über das zuvor tabuisierte Thema geschehen. So verbindet beispielsweise der Anleser zum bereits erwähnten Deutsche-Welle-Podcast das Ausleben und das Sprechen über Sexualität als Selbstverständlichkeit1 miteinander: „Selbstverständlich wollen Menschen mit Behinderung ihre Sexualität leben. Doch wie kann das gehen, wenn nicht darüber gesprochen wird […]“ (Deutsche Welle 2021, o. S.) Und hier wird die Sache spannend: Warum soll denn ein erfülltes Sexualleben letztendlich selbstverständlich immer mit der Notwendigkeit einhergehen, über dieses – ob privat oder öffentlich – zu sprechen?

3 Michel Foucault und die Repressionshypothese

An der Verbindung zwischen Emanzipation, Befreiung und Selbstbestimmung durch Tabubruch und Sprechen hat sich Foucault bereits in den 1980er-Jahren in seinem bahnbrechenden Werk Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1 abgearbeitet. Seinen Auseinandersetzungen mit dem Sprechen über Sexualität widme ich mich im Folgenden. Ein Blick ins Vorwort der deutschen Ausgabe zeigt bereits, dass Foucaults Thesen gerne zu Missverständnissen führen. Um auch hier Missverständnissen vorzubeugen: Dass die Sexualität behinderter Menschen in unserer Gesellschaft kritisch beäugt, behinderten Menschen gemeinhin Sexualität abgesprochen wird und insbesondere in Wohneinrichtungen sexuelle Praxis häufig nicht nur verleugnet und unterdrückt wird und behinderte Menschen oft sexualisierte Gewalt erfahren, ist offenkundig. Die Frage richtet sich explizit darauf, ob es eine Tabuisierung von Behinderung und Sexualität im Sinne eines Sprechverbots gibt. Foucault richtet sich gegen seine französischen Kritiker:innen:

„Ich habe aber keineswegs behauptet, daß es keine Unterdrückung der Sexualität gegeben habe. Ich habe mich nur gefragt, ob man zur Entschlüsselung der Beziehungen zwischen der Macht, dem Wissen und dem Sex die gesamte Analyse am Begriff der Repression orientieren müsse; oder ob man diese Dinge nicht besser begreifen könnte, wenn man die Untersagungen, die Verhinderungen, die Verwerfungen und die Verbergungen in eine komplexere und globalere Strategie einordnet, die nicht auf die Verdrängung als Haupt- oder Grundziel gerichtet ist.“ (Foucault 1983, 7–8)

Mit dieser wichtigen Klarstellung im Hinterkopf widmen wir uns nun Foucaults Auseinandersetzung mit der Verbindung zwischen Macht, Wissen und dem Sprechen über Sexualität.

In seinem Buch bearbeitet Foucault die These, dass durch das Aufkommen der bürgerlichen viktorianischen Kultur eine zuvor angeblich frei ausgelebte Sexualität unterdrückt werde. Der bürgerliche Umgang mit Sexualität sei, anders als ein einfaches gesetzliches Verbot, durch eine Repression geprägt, die „zugleich als Verbannungsurteil und als Befehl zum Schweigen funktioniert, als Behauptung der Nicht-Existenz und – konsequenterweise – als Feststellung, daß es bei alledem überhaupt nichts zu reden, zu sehen oder zu wissen gibt“ (Foucault 1983, 12). Die Gegner:innen dieser viktorianischen Unterdrückung des Sexes haben es sich zur Aufgabe gemacht, durch Sprechen – in seinen unterschiedlichen Formen – eine Befreiung der Sexualität zu erreichen. Dieses Projekt beinhaltet laut Foucault jedoch immer eine gewisse „Pose“; das Sprechen erfolge im „Bewußtsein, der herrschenden Ordnung zu trotzen, [im] Brustton der Überzeugung von der eigenen Subversivität, [als] leidenschaftliche Beschwörung der Gegenwart und Berufung auf eine Zukunft, deren Anbruch man zu beschleunigen glaubt“ (ebd., 14). Diese Pose wird zudem in Form der Predigt hervorgebracht. Das ist Foucaults Hauptkritikpunkt: Die Repression bzw. die Tabuisierung und die diese Tabuisierung entlarvende Rede bedingen sich gegenseitig: „Die Aussage von der Unterdrückung und die Form der Predigt verweisen aufeinander und verstärken sich gegenseitig.“ (Ebd., 16)

Gegen das unreflektierte Für-wahr-Nehmen dieser „Repressionshypothese“ wendet sich Foucault (ebd., 17–18) mit drei Fragen: Erstens: Ist die Unterdrückung von Sexualität tatsächlich ausgemacht? Zweitens: Ist die Macht, mit der Sexualität begegnet wird, wirklich hauptsächlich durch Repression geprägt? Drittens: Ist der liberale Diskurs um die Repressionshypothese ein qualitativ anderer Umgang mit Sexualität oder führt er den bestehenden Umgang mit anderen Mitteln fort? Foucault nimmt an, dass es keine Unterdrückung des Sprechens über Sexualität gegeben habe, sondern im Gegenteil die Produktion von Wissen über Sexualität und das Sprechen darüber in Form des „Geständnisses“ eine „diskursive Explosion“ (ebd., 23) erfahren habe – auch wenn sich Adressat:innen, Orte, Vokabular und Formen des Sprechens verändert hätten. Seine Gegenthese lautet also, „daß seit dem Ende des 16. Jahrhunderts die ‚Diskursivierung‘ des Sexes nicht einem Restriktionsprozeß, sondern im Gegenteil einem Mechanismus zunehmenden Anreizes unterworfen gewesen ist“ (ebd., 20).

An unterschiedlichen Orten der Wissensproduktion, der Wissenschaften, auch der Pädagogik herrsche nun ein „institutioneller Anreiz, über den Sex zu sprechen, und zwar immer mehr darüber zu sprechen; von ihm sprechen zu hören und ihm zum Sprechen zu bringen in ausführlicher Erörterung und endloser Detailanhäufung“ (ebd., 24). Foucault kritisiert, dass diese Umgangsweise dem Sex keinen „Augenblick Ruhe oder Verborgenheit gönnt“ (ebd., 26). Es geht also weniger darum, zwischen dem, was gesagt werden darf, und dem, was vermeintlich tabuisiert wird, zu unterscheiden, sondern „man müßte vielmehr die verschiedenen Arten, etwas nicht zu sagen, zu bestimmen versuchen, wie sich die, die darüber sprechen können, und die, die es nicht können, verteilen, welcher Diskurstyp autorisiert und welche Form der Diskretion jeweils erfordert wird“ (ebd., 33).

Diese Überlegungen Foucaults zeigen, dass das Sprechen und die Produktion von Wissen über das Sexuelle auch als Form der – wenn auch nicht zwangsläufig der repressiven, sondern der produktiven – Machtausübung angesehen werden müssen. Das Sprechen allein kann nicht zur Befreiung beitragen, sondern es muss sorgfältig untersucht werden, wer wie und zu welchem Zweck über „behinderte Sexualität“ spricht und mit welchem Effekt. So verwundert es wenig, dass in den emanzipatorischen Behindertenrechtsbewegungen der 1970er/1980er-Jahre keineswegs Einigkeit herrschte, wie mit dem Thema Sexualität umgegangen werden sollte.

4 Gegendiskurse der Behindertenrechtsbewegung

Foucault folgend lohnt es sich immer, einen Blick in die Geschichte und auf sogenannte Gegendiskurse zu werfen, wenn Selbstverständlichkeiten behauptet werden. So kann ein Blick in den Gegendiskurs der emanzipatorischen Behindertenrechtsbewegung instruktiv sein. Inwiefern war die Enttabuisierung von Behinderung und Sexualität Thema in diesen Bewegungen? Im Rahmen dieses Aufsatzes ist es nicht möglich, eine vollständige Diskursanalyse aller Positionen zu präsentieren, aber es können einzelne Schlaglichter geworfen werden.

Auf der einen Seite gibt es einige bewegungsnahe Texte, die durchaus – wie heutzutage Charlotte Zach – für ein offenes Sprechen plädieren und sich durch Enttabuisierung eine Verbesserung der Situation für behinderte Menschen versprechen. Hier können zwei Varianten unterschieden werden. Die erste Variante plädiert für ein offenes Sprechen über Sexualität, insbesondere innerhalb aktivistischer Kreise. Beispielsweise wird in einem Artikel in der Zeitschrift „Randschau“ von 1987 im Zuge eines Reiseberichts über Nicaragua Folgendes ausgesagt:

„Von besonderem Interesse für die behinderten Nicaraguaner waren noch zwei andere Themen: Ralph Hutchkiss’ Super-Gelände-Rollstuhl und Sex. ‚lch konnte mir nicht vorstellen,‘ erinnert sich Karen Parker, ‚warum alle zu denken schienen, daß über Sexualität und Behinderung zu reden an sich revolutionär ist. Es war das erste Mal für viele der Leute etwas über Sexualberatung zu hören und ganz besonders über Sexualberatung Behinderter. Ich erzählte von meinen Erfahrungen und Ängsten und ermutigte die anderen über sich zu reden. Was dabei herauskam[,] war eine Menge von Ängsten und Mythen, wie etwa Querschnittsgeähmte [sic] könnten keine Kinder bekommen und keinen sexuellen Verkehr haben. Ich beschrieb Brustorgasmen und sie waren sehr interessiert.‘ Das amerikanische Team bot noch verschiedene Formen von Sexualberatung an einschließlich einer speziellen Sitzung für Paare. Die Reaktionen waren offen und positiv.“ (N. N. 1987, 23)

Diese erste Variante plädiert für ein Community-Wissen, das Menschen mit Behinderungen untereinander teilen, um gängige Mythen und Unsicherheiten abzubauen. Hier wird über dieses offene Sprechen im Rahmen eines internationalen Austauschs berichtet und der „Tabubruch“ vor allem für behinderte Menschen untereinander als notwendig und emanzipatorisch erachtet.

Die zweite Variante zeigt sich exemplarisch im Rahmen einer Debatte, in der es darum ging, ob Menschen mit Behinderungen mit Nichtbehinderten politisch zusammenarbeiten sollen – eine in der Bewegung damals vehement geführte Auseinandersetzung. Hier argumentiert ein Leser der „Krüppelzeitung“ für eine Zusammenarbeit:

„Wir, die als behindert gelten, sind eine Minderheit in unserer Gesellschaft […], also müssen wir Krach machen, Druck erzeugen, damit wir nicht übergangen und übersehen werden. Zum Beispiel, erst wenn die meisten Menschen wissen, was es heißt, querschnittgelähmt zu sein, daß es nicht nur bedeutet, nicht laufen zu können, sondern auch Schwierigkeiten beim Pissen und Kacken, daß es auch die große Schwierigkeit bedeutet, ganz andere Formen der Sexualität als die sonst üblichen zu erlernen, erst dann hört es langsam auf, für mich ein nerviges Lotteriespiel zu sein, wenn ich jemanden um Hilfe frage.“ (Gerlef aus Hamburg 1981, 33)

Da behinderte Menschen letztendlich auf die Unterstützung der nichtbehinderten Mehrheitsgesellschaft angewiesen sind, geht es dem Autor hier um Bewusstseinsbildung und nicht darum, ausschließlich in einem „Safe Space“ Wissen zu teilen und sich auszutauschen. Gesellschaftliche Aufklärung im Sinne schonungsloser Offenheit auch mit schambesetzten – eben tabuisierten – Themen sei der einzige Weg, um Verständnis und Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft zu erhalten.

Interessanterweise gibt es aber auch Stimmen, vor allem aus den radikalen „Krüppelgruppen“, die einen anderen Umgang mit Sexualität pflegen und fordern. In einer heutzutage selten anzutreffenden Vehemenz weist beispielsweise eine Rezension in der Krüppelzeitung zu dem Fachbuch „… aber nicht aus Stein“ (1981) auf die Mängel einer pädagogisierten, medizinierten und „Experten“-dominierten Sicht auf Behinderung und Sexualität hin. Das Urteil der Rezensentin ist vernichtend, das Buch enthalte eine „geballte Ladung Frauen- und Krüppelfeindlichkeit“ (Nati 1982, 48). Sie kritisiert insbesondere die in dem Buch enthaltene Normalisierung, wie das folgende Zitat zeigt:

„Außerdem finde ich es wichtig, daß in diesem Buch Sexualität als Teilprogramm der Integration aufgefaßt wird. D. h. wir sollen die gleiche kaputte Sexualität der Nichtbehinderten übernehmen. Das funktioniert nach dem Prinzip, erst wird uns jegliche Sexualität abgesprochen und zerstört, bis wir uns als Neutrum fühlen. Dann werden Sexualprogramme entwickelt, um uns eine künstliche Sexualität aufzuzwingen. Die Anpassung ist perfekt.“ (Ebd.)

Integration wird hier nicht als wünschenswert für behinderte Menschen beschrieben, sondern als Anpassungsprogramm an eine nichtbehinderte Normalität, die ihre Probleme und Tücken hat. So soll eben nicht eine selbstbestimmte und selbstgewählte Sexualität ausgelebt werden können, sondern die Autorin sieht hier ein Macht-Wissen am Werk, das lediglich eine Anpassung an die „gleiche kaputte Sexualität der Nichtbehinderten“ verfolgt. Sie stellt fest, dass Normalisierung letztlich Anpassung heißt, und deutet stattdessen die Frage an, in welche Normalität sich behinderte Menschen eingliedern sollen und ob diese Normalität denn wirklich so attraktiv sei. Der Tabubruch bedeutet hier, nicht lediglich über Behinderung und Sexualität zu sprechen, sondern die von der nichtbehinderten Mehrheit (vermeintlich) gelebte „Normalsexualität“ zu hinterfragen und gegebenenfalls abzulehnen. Sie beendet die Rezension mit den Worten:

„Klar geworden ist mir, daß für Sexualität keine Regeln aufgestellt werden können – ich mir meine Sexualität schon gar nicht vorschreiben lassen will – ich möchte sie jeden Tag neu entdecken und sie auf keinen Fall auf meine Geschlechtsteile beschränken. Lieber lebendig als normal!“ (Ebd., 48)

5 Who talks about sex?

Festhalten lässt sich, dass mit der Rede von der tabuisierten Sexualität häufig das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Es ist gar nicht notwendig, Sexualität und deren Ausleben als Grundbedürfnis, Lebensenergie oder anthropologische Grundeigenschaft zu rahmen. Es lässt sich rein empirisch feststellen, dass viele Menschen mit Behinderungen am Ausleben ihrer Sexualität gehindert und desexualisiert werden, obwohl sie den Wunsch nach einem erfüllten Sexualleben äußern. Daher ist sicherlich ein offener Umgang mit Sexualität und die Förderung einer inklusiven Sexualkultur notwendig, um diesen Wünschen gerecht zu werden, ohne diese mit einer neuen Sexualmoral aufzuladen.

Die Feministin Gayle Rubin plädiert 1990 für eine (ergebnisoffene, Community-basierte) politische Auseinandersetzung mit Sexualität: „In der westlichen Kultur wird Sex viel zu ernst genommen. […] Wenn Sex zu ernst genommen wird, wird sexuelle Verfolgung/Unterdrückung nicht ernst genug genommen.“ (Rubin 1990, 171, Übers. d. Verf.2) Was sie hier mit Blick auf rechtliche Repressionen von LGBTIQ*-Personen durch Staat und Polizei beschreibt, lässt sich meiner Meinung nach auf die sanfteren (mithin pädagogischen) Machtformen übertragen, denen Menschen mit Behinderungen sich häufig gegenübersehen. Die bereits genannten Einschränkungen und Übergriffe in Wohneinrichtungen und der fehlende Zugang zu Sexualassistenz sollten als ebensolche Repressionen verstanden werden. Zur Überwindung dieser Repressionen braucht es aber nicht einfach mehr Sprechen über Sexualität und erst recht keinen neuen moralischen Überbau, der gute von schlechter Sexualität unterscheidet, sondern politische Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung.

Mai-Anh Boger (2022) beendet ihren Text zu „Totem und Tabu“ mit einem Zitat von Sigmund Freud, an das sich auch mit Foucault anschließen lässt. Anstatt „ethische Gebote“ aufzubauen, ginge es um eine „reale Veränderung in den Beziehungen der Menschen“ (Freud 1977, 268, zit. in Boger 2022, 319), also eine Veränderung der Praxis, über die meines Erachtens nur politisch und vor allem selbstvertretend diskutiert werden kann und muss. Dazu ist auch die Einsicht wichtig, dass nicht jedes Sprechen über die Sexualität behinderter Menschen zu deren Befreiung führt, sondern dass insbesondere der Bereich Sexualität im Sinne Foucaults immer von feinen – repressiven und produktiven – biopolitischen Machtstrategien durchzogen ist, die es zu analysieren gilt.

Literatur:

Boger, M.-A. (2022): Totem und Tabu in der Inklusionspädagogik. In: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik 98, 305–320.

Deutsche Welle (2021): Echt behindert! Sexualität und Behinderung – ein doppeltes Tabu. Online verfügbar unter: https://www.dw.com/de/28-sexualit%C3%A4t-und-behinderung-ein-doppeltes-tabu/audio-58993477 (zuletzt aufgerufen am 12.03.2025).

Foucault, M. (1983): Sexualität und Wahrheit I: Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Gerlef aus Hamburg (1981): Zusammenarbeit von Behinderten und Nichtbehinderten? PRO. In: Krüppelzeitung (1), 31–35.

Herzog, D. (2024): Eugenische Phantasmen. Eine deutsche Geschichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Hollomotz, A. (2009): Selbstbestimmung, Privatsphäre und Sexualität in Wohneinrichtungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten in England. In: Behinderte Menschen. Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, o. Jg. (2), 66–75.

Kim, E. (2011): Asexuality in disability narratives. In: Sexualities 14(4), 479–493.

Nati (1982): Endlich mal wieder ein Buch über Krüppel und ihre Sexualität … In: Krüppelzeitung (2), 48.

N. N. (1987): Power oder Armut? Nicaragua. In: die randschau (2), 22–23.

Rubin, G. (1990): Thinking Sex: Notes for a Radical Theory of the Politics of Sexuality. In: Vance, C. S. (Hrsg.): Pleasure and Danger: Exploring Female Sexuality. Oxfordshire: Pandora P, 143–178.

Stinkes, U. (2006): Sexualität und Behinderung – kein Tabuthema mehr?! Online verfügbar unter: https://www.margarete-steiff-schule.de/application/files/2015/0446/7138/vortrag_stinkes.pdf (zuletzt aufgerufen am 05.02.2025).

Autorin:

Dr. Sarah Karim ist Soziologin und arbeitet zu Behinderung, Arbeit, Sexualität und soziale Ungleichheit aus Perspektive der Disability Studies mit ethnografischen, diskurs- und dispositivanalytischen Methoden. Sie arbeitet als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der HU Berlin und vertritt aktuell die Professur für Soziologie und Politik der Rehabilitation, Disability Studies an der Universität zu Köln.

sarah.karim@uni-koeln.de

Buchtipps:

Waldschmidt, Anne (Hrsg.). (2022). Handbuch Disability Studies. Unter Mitarbeit von Sarah Karim. Wiesbaden (Springer VS).

Karim, Sarah. (2021). Arbeit und Behinderung. Praktiken der Subjektivierung in Werkstätten und Inklusionsbetrieben. Bielefeld (transcript).

Kuhn, Karolin; Renzikowski, Joachim; Schellhammer, Barbara (Hrsg.): Sexuelle Selbstbestimmung bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen? Herausforderungen zwischen Ermöglichung und Schutz. Baden-Baden (Nomos). S. 69–85.

Fußnoten:

1 Darauf, dass auch diese Selbstverständlichkeit nicht universell ist, macht uns ein Text von Eunjung Kim (2011) aufmerksam. Menschen mit Behinderungen, die sich selbst als asexuell verstehen, finden sich in einer schwierigen Lage, da einerseits behinderten Menschen die Sexualität eben häufig unfreiwillig und zu Unrecht abgesprochen wird. Andererseits wird auch die Asexualität historisch betrachtet pathologisiert, woraus sich eine zweite Schwierigkeit für asexuelle Menschen mit Behinderungen in der Asexuellen-Community ergibt, die sich vor allem dagegen wehrt, als medizinische Abweichung angesehen zu werden anstatt als sexuelle Minderheit. Abhilfe könnte eine klare Begriffsverwendung schaffen, sodass für das unfreiwillige Absprechen von Sexualität der Begriff der Desexualisierung genutzt wird und der Begriff Asexualität denjenigen vorbehalten wird, die ihn nutzen, um die eigene sexuelle Orientierung zu bezeichnen.

2 „In Western culture, sex is taken all too seriously. […] If sex is taken too seriously, sexual persecution is not taken seriously enough.“ (Rubin 1990, 171)