Willi hat nicht das Recht, zusätzlich zur Behinderung noch einen mit Schokoladeneis beschmierten Mund zu haben.
Willi - Problem im Stadtbild?
In Deutschland ist seit der letzten Bundestagswahl die rechtspopulistische AfD (Alternative für Deutschland) die zweitstärkste Partei – im Osten ist sie sogar stärkste Kraft. Mich beunruhigt das sehr.
Unser Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) betont, dass es mit ihm als Parteivorsitzendem keine Zusammenarbeit mit der AfD geben werde. Er beschwört die sogenannte „Brandmauer“.
Leider beruhigt mich das kaum, da ich fürchte, dass auch die CDU um die Wähler vom ganz rechten Rand buhlt, in dem sie dieselben Narrative und Vorurteile wie die AfD zementiert, durch die Vermittlung des diffusen Gefühls, fast alle unsere Probleme seien durch Migration verursacht. Zwar spricht Friedrich Merz von unkontrollierter oder illegaler Migration, aber ich fürchte, in den Köpfen vieler Menschen verfestigt sich dabei nur weiter die Vorstellung, „die Ausländer“ seien die Quelle allen Übels.
Leider ist es in Deutschland schwierig, sachlich über die Belastungen durch die hohe Zahl von Asylbewerber:innen zu sprechen, ohne sich einem Rassismusverdacht auszusetzen. Das halte ich für fatal, weil wir diese Themen dadurch denjenigen überlassen, die tatsächlich fremdenfeindlich sind.
Ich wünsche mir Deutschland als ein Land, in das andere Menschen gerne kommen, um zu leben und zu arbeiten, und das offen ist für Schutzbedürftige. Aber ich möchte keine Menschen hier, die unsere demokratischen und freiheitlichen Grundwerte ablehnen oder sogar bekämpfen – und zwar ganz unabhängig davon, ob sie Migrant:innen sind oder nicht.
Kürzlich sagte unser Kanzler bei einem Pressetermin – angesprochen auf das Erstarken der AfD –, dass man frühere Versäumnisse in der Migrationspolitik nun korrigiere und dabei gute Fortschritte mache. Dann sagte er folgenden Satz: „Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“
Der Satz schockierte mich. Was sollte das bedeuten: „dieses Problem im Stadtbild“?
Da es um Abschiebungen ging, klang es für mich eher nicht so, als würde er über versiffte Bahnhöfe sprechen. Ich hoffe inständig, dass er nicht die Menschen in unseren Städten meinte, die ihm nicht „deutsch“ genug aussehen, denn damit wären wir direkt beim Nazi-Kernthema: „Rassenhygiene“. Mir stellte sich sofort die Frage, ob vielleicht zu viele Menschen mit Behinderungen eines Tages auch wieder ein unerwünschter Anblick im Stadtbild sein könnten.
Ich war nicht die einzige Person, die irritiert war, und die „Problem-im-Stadtbild“-Äußerung wurde (und wird) heiß diskutiert. Während ein Teil der Menschen davon spricht, die Aussage sei eine krasse Herabwürdigung großer Teile unserer Bevölkerung, loben andere den Bundeskanzler, denn er habe „endlich Klartext“ geredet. Dabei hatte Friedrich Merz gar nicht ausgesprochen, welches Problem im Stadtbild er genau bezeichnen wollte. Hatte er absichtlich Interpretationsspielraum gelassen? Unser Bundesinnenminister Alexander Dobrindt bezeichnet es als „totalen Unsinn“, wegen der Worte „Problem im Stadtbild“ Rassismus zu unterstellen, und sagte, dies drücke lediglich aus, was alle empfinden. Also doch Rassismus? Ich jedenfalls empfinde nicht so.
Auch ich sehe im Hamburger Stadtbild vielerorts Probleme: kaputte Gehwege, abgewrackte Wohnhäuser mit Müllbergen davor, geschlossene Läden, Straßenunterführungen und Fahrstühle, die unerträglich nach Fäkalien stinken. Es gibt heruntergekommene Stadtteile, in denen sehr viele ärmere Menschen leben, von denen viele einen Migrationshintergrund haben. Aber ich empfinde keinen Hass oder Abscheu gegen sie. Vielmehr wird mir klar, wie unglaublich privilegiert ich bin, in ein friedliches, reiches Land und in eine liebende Familie hineingeboren worden zu sein.
Ich habe bereits sowohl in einem sozialen Brennpunkt gewohnt als auch in einem Stadtteil, in dem man sich ziemlich sicher sein kann, dass die wenigen farbigen Frauen auf der Straße nur zum Putzen angereist sind. Mir hat beides nicht gefallen.
Doch bei der Schulwahl für unsere Tochter haben wir bewusst die Gesamtschule gewählt, deren bunte Mischung an Kindern die Vielfalt unserer Stadt abbildet, anstelle des viel homogeneren Gymnasiums. Auch wollte ich nicht, dass Olivia eine Schule besucht, die meint, Inklusion gehe sie nichts an. Ich selbst fühle mich nicht wohl an solchen Orten. Wo immer ich andere Menschen mit Behinderungen sehe, geselle ich mich in ihre Nähe. Manchmal geht das mit Willi allerdings auch nach hinten los. Einmal setzte ich mich intuitiv mit ihm im Zug zu einer Mutter mit ihrem Sohn, dem ich bereits auf dem Bahnsteig die Schnelldiagnose „Autismus“ verpasst hatte. „Schön“, dachte ich, „dass hier nicht nur mein Sohn komische Geräusche macht“. Leider waren sowohl Willi als auch der andere Junge nicht besonders tolerant gegenüber den Lauten des jeweils anderen. Willi wiederholte die lauter werdenden Schreie des anderen, der wiederum durch Willis Lautstärke immer mehr in Stress geriet. Es genügte ein kurzer Blickkontakt mit der anderen Mutter, um uns gütlich darüber zu verständigen, dass wir das Abteil wechseln mussten.
Menschen, die wegen Willi den Platz oder sogar den Wagen wechseln, gibt es zwar sonst auch manchmal, aber sie schauen mir nie in die Augen. Schön ist das nicht, aber es ist mir viel lieber als Leute, die mit abgewandtem Blick kopfschüttelnd missbilligende Kommentare murmeln.
Auch wenn so eine Ablehnung nicht häufig vorkommt, ist doch jedes einzelne Mal schmerzhaft und hängt mir lange nach. Wie muss es denjenigen gehen, die täglich Diskriminierung erfahren, indem man ihnen das Gefühl vermittelt, ihre Anwesenheit verschandele unser Stadtbild? Wenn ich schon das Gefühl schwer ertrage, auf das Wohlwollen anderer angewiesen zu sein, damit sie mein Kind dulden (wofür ich auch noch mit Dankbarkeit bezahlen soll), wie geht es dann Müttern mit behinderten Kindern, die schon durch Kopftuch, Sprache oder Hautfarbe manche Menschen aufregen?
Das Gefühl, auf der Hut sein zu müssen, um nicht aufzufallen, damit mein Kind nicht das Opfer verletzender Blicke oder Kommentare wird, strengt mich wahnsinnig an.
Es ist sogar ein richtiges Scheißgefühl, das mich in der Öffentlichkeit oft mehr erschöpft als die Betreuung meines behinderten Kindes selbst. Es löst auch Trotz und Widerwillen bei mir aus – manchmal macht es mich sogar wütend.
Einmal wurde vor der Elbphilharmonie in vorwurfsvollem Ton von mir gefordert, Willi „zu entfernen“, der auf dem Boden saß und ausgiebig das Opernhaus betrachtete. Die Leute wollten ihn nicht im Foto haben, sprachen ihn aber auch nicht direkt an. Unbehinderte Menschen durften im Hintergrund bleiben.
Ich habe mich – bockig wie ein Kind – geweigert, Willi wegzunehmen. Ich habe zwar eingesehen, dass Willi mit seinem Maurerdekolleté und der rausschauenden Zunge nicht besonders „instagramable“ aussah, aber ich war trotzdem so beleidigt, dass ich mich weigerte.
Als Willi noch klein war, war es einfacher. Zwar hörte ich immer mal wieder: „So was kann man heute doch testen“, aber wenn Willi nicht zu sehr nervte und fleißig lachte, konnte er seine Behinderung anscheinend irgendwie ausgleichen. Jetzt, mit 18 Jahren, Pickeln und weit über 70 kg findet nur noch seine eigene Familie ihn niedlich, und seine Laustärke ist selbst für uns oft schwer erträglich.
Spätestens wenn ich am Wochenende mit ihm öffentlich Blasmusik hörend ein Schokoladeneis esse, sehen ihn manche Mitbürger:innen in der feinen Fußgängerzone wahrscheinlich auch als ein Problem im Stadtbild und -klang. Ich spüre, dass manche ihn „eklig“ finden, und sie weichen vor ihm zurück. Manchmal höre ich etwas in der Art wie: „So einer“ sollte wenigstens ein sauberes Shirt tragen. Willi hat nicht das Recht, zusätzlich zur Behinderung noch einen mit Schokoladeneis beschmierten Mund zu haben. Wie krass diskriminierend es ist, meinen Sohn aufgrund seiner Behinderung dazu verpflichten zu wollen, sauberer, braver oder leiser zu sein, begreifen viele Leute anscheinend genauso wenig wie Politiker:innen, die meinen, es sei nicht diskriminierend, im Zusammenhang mit Migration von einem „Problem im Stadtbild“ zu sprechen.
Warum ich diese klare Verbindung zwischen Rassismus und Behindertenfeindlichkeit sehe? Weil die Auffassung, Menschen könnten – WARUM AUCH IMMER – mehr oder weniger wert sein, immer menschenverachtend und somit brandgefährlich ist.
Das Schüren von diffusen Ängsten gegenüber allem Fremden vergiftet unser soziales Klima. Das wird niemanden glücklicher machen, auch nicht die, welche jetzt so laut pöbeln.
Heute ist es die Herkunft, morgen vielleicht schon das Alter, der Chromosomensatz oder die Leistungsfähigkeit, die über das Existenzrecht von Menschen entscheiden sollen. Hass wird uns nie weiterbringen. Es ist immer nur die Liebe, die unser Land – ja das Leben an sich – lebenswert macht.
Auch die Probleme mit Migration lassen sich nur MIT den vielen Menschen lösen, die es betrifft – niemals gegen sie. Sie sind ein wichtiger und wertvoller Teil unserer Gesellschaft, genau wie auch Willi einer ist.
Autorin:
Birte Müller, geboren 1973 in Hamburg, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Seit sie Kinder hat (eins davon mit extra Chromosom), schreibt die ausgebildete Bilderbuchillustratorin hauptsächlich Kolumnen – zurzeit für die taz über ihre „Schwer mehrfach normale Familie“. Sie erschienen auch in Buchform unter dem Titel „Willis Welt“ und „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg“.
E-Mail: birte@illuland.de
