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Um das richtige Team an Assistentinnen und Assistenten zu finden, braucht man Glück, ansprechende Anzeigen und Fingerspitzengefühl.

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Freak-Assistenz-Geschichten
Franz-Joseph Huainigg

Teil 2: Das ziemlich beste Team - woher nehmen?

Unser Freak steht mit seinen vier Rädern mitten im Leben. Er ist rund um die Uhr auf ein Beatmungsgerät angewiesen und kann weder Arme noch Beine bewegen. Das ist für ihn aber kein Hindernis, sondern eine Herausforderung. Mit der Unterstützung seiner Familie und zehn Assistentinnen und Assistenten führt er ein selbstbestimmtes Leben. In unserer 11-teiligen Serie gibt er ungewöhnliche Einblicke in sein Leben mit Persönlicher Assistenz und zeigt auf, wie ein Leben inmitten der Gesellschaft funktioniert, in dem Pflege zwar wichtig ist, aber nicht seinen Alltag bestimmt.

Meinen ersten Assistenten bekam ich von meiner Schwägerin vermittelt. Sie hatte Bernhard bei einem Yogakurs kennengelernt, er war damals auf der Suche nach einem Job und er hatte Interesse. Ich wusste damals noch nicht genau, was ich von einem Persönlichen Assistenten erwarten kann oder soll. Bernhard kam immer pünktlich, schritt gemächlich mit seinen riesigen Schuhen durch unsere Wohnung. Wenn er über ein am Boden liegendes Blatt oder einen Bleistift mittels eines größeren Schrittes darüberstieg, bereitete ihm das keine Mühe. Das Papier aufzuheben war nicht so seine Sache. Aber es war eine großartige gemeinsame Zeit. Vor allem hatte er viel Humor. Als es etwa einmal zum Frühstück Matzen gab, ein jüdisches ungesäuertes Brot, biss er hinein, kaute ein wenig darauf herum und meinte dann: „Ah, jetzt haben wir die jüdischen Wochen!“. Er kam in der Früh, zog mich an, bewegte mich durch, begleitete mich zur Arbeit und holte mich dort am Abend wieder ab, brachte mich von dort nach Hause und ab und zu gingen wir ins Schwimmbad. Bernhard war immer da.

Im Schuhgeschäft zur Assistentin

Mit der Zeit stieg aber mein Assistenzbedarf durch die zunehmende Behinderung und ich überlegte, wie ich zu einem zweiten Assistenten kommen könnte, vielleicht auch einmal zu einer Frau, die vielleicht andere Stärken einbringt. Als ich mit meiner Frau Judit eines Samstagnachmittags Schuhe kaufen ging und von einer netten jungen Dame, mutmaßlich einer Studentin, die samstags im Schuhgeschäft jobbt, bedient wurde, ergab sich plötzlich eine Gelegenheit. Wir sagten nämlich zum Abschied „…bis zum nächsten Mal“ und sie antwortete: „Wahrscheinlich nicht, weil ich hier bald aufhöre.“ Aha, kombinierte ich: Vielleicht ist die Studentin wieder auf der Suche nach einem Job, da habe ich doch etwas anzubieten. Und Schuhe anziehen kann sie schon mal. Ich erzählte ihr off en, dass ich eine Assistentin suche, die mich im Alltag unterstützt. Sie kam, sah, und ich siegte. Jetzt hatte ich einen Assistenten und eine Assistentin und was mir gleich auffi el: Wenn ein Bleistift am Boden lag, hob sie ihn auf. Gut in Erinnerung habe ich noch unsere gemeinsamen Autofahrten ins Büro. Ich am Steuer, sie am Beifahrersitz. Gas geben konnte ich gut und auch bremsen, nur in den Kurven tat ich mir durch die zunehmend steifer werdenden Hände schwer mit dem Lenken. Aber wozu hatte ich eine Assistentin?! Sie bekam die Aufgabe, in den Kurven das Steuer vom Beifahrersitz aus zu übernehmen. Ich kann sagen: Wir kamen immer heil ins Büro. Der Freund von S onja – so hieß sie – war Schäfer und so hing immer eine leichte Schaf duftwolke über ihr. Das muss ich hier erzählen, denn ich bin sowohl im Bett als auch am Rollstuhl stets von Schaff ellen umgeben, um Druckstellen zu vermeiden. Daher ist Sonja in meiner Erinnerung auch heute noch eine ständige Begleiterin.

Vom schwarzen Brett zur Online-Jobbörse

Nachdem Sonja aber bald mit ihrem Freund nach Deutschland ging und Bernhard anderen Jobs nachgehen wollte, hatte ich Bedarf an neuen Assistentinnen. Ich kaufte wieder Schuhe, aber diesmal ohne Nebenerfolg. Was tun? Assistentinnen von anderen Freunden mit einer Behinderung schnorren? Das probierte ich einmal bei einem Notfall, war aber keine Dauerlösung, da ich die Freundschaften gefährdet hätte, wenn ich deren Assistentinnen abgeworben hätte. Die potenzielle Zielgruppe waren und sind Studenten und Studentinnen. Und die erreicht man am besten über eine Jobausschreibung am Schwarzen Brett. Damals noch eine schwarze Wand auf der Uni, die gespickt war mit Zetteln, unter anderem zur Jobsuche. Heute läuft alles virtuell über eine Online-Jobbörse. Ich formulierte also mein erstes Inserat, das in etwa so lautete: „Junger Mann, Ende 20, im Rollstuhl, sucht eine Studentin zur Begleitung durch den Alltag!“ Tatsächlich hatte ich Erfolg damit. Das Telefon klingelte, es meldete sich Lisbeth, die gleich mit ihrer Freundin Cora zum Bewerbungsgespräch kommen wollte. Ein Inserat, und zwei auf einen Streich. Cool, dachte ich, wirklich tolles Inserat. Lisbeth und Cora wurden nach dem Gespräch sofort bei mir angestellt. Was mir beide erst später erzählten, als wir uns näher kannten und eine Vertrauensbasis aufgebaut hatten: Lisbeth las das Inserat auf der Pädagogischen Hochschule. Sie war interessiert, aber der Text war ihr doch sehr suspekt. Sie dachte, möglicherweise wollte dieser Mann mehr. Vielleicht war er sogar ein Sexualverbrecher. Sie bat also ihre Freundin Cora mitzugehen. Sie überlegten Strategien für den Fall, dass dieser Mann gewalttätig werden würde. Cora würde den Weg zur Tür sichern und damit nichts schief gehen konnte, hatte sie sogar ein Messer im Rucksack mit. Da kam ich noch einmal glimpflich davon, nahm mir aber vor, meinen Inseratentext neu zu schreiben. Der am Boden liegende Zettel und der Bleistift entwickelten sich ganz automatisch zu einem kleinen Testverfahren. Lisbeth zum Beispiel bemerkte beides gar nicht und stolperte darüber. Aber sie lernte dazu, ihre Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge des Lebens steigerte sich von Tag zu Tag. Cora lebte ihre Kreativität bei mir aus. Hob ich im Büro den Deckel meiner Jausensemmel, gab es darin immer eine Überraschung. Käsestücke in Dreiecksform, mosaikartig belegt mit Gemüsestückchen und anderen Dingen, die sie so im Kühlschrank fand. Als ich eines Tages mit einer Grippe im Bett lag, überraschten mich Cora und Lisbeth mit Gitarren in der Hand mit einem Stärkungskonzert.

Guter Draht und Humor

So lernte ich sehr bald die vielen Seiten der Assistenz kennen, die mich nicht nur im Alltag unterstützen, sondern auch meiner Seele guttun. Ich änderte mein Inserat auf „Rollstuhlfahrer sucht Assistentin. Idealer Nebenjob zum Studium“. Diesen Text verwende ich auch heute noch mehr oder weniger in etwas abgewandelter Form erfolgreich. Es kamen und gingen viele Assistentinnen. Ich merkte immer mehr, dass nicht nur die Geschicklichkeit der Personen wesentlich war, sondern auch der persönliche Draht und der Humor. An einem Freitag, den Dreizehnten, im Jahr 2000 hatte eine Assistentin, die sehr abergläubisch war, in der Früh Dienst und als sie fragte, was ich heute anziehen möchte, sagte ich: „Schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, schwarze Jacke und schwarze Schuhe. Denn heute ist Weltuntergangstag!“ Sie fand das gar nicht lustig. Der Weltuntergang kam nicht, wir hatten noch einmal Glück gehabt. Die nächste Assistentin hatte am nächsten Tag in der Früh Dienst und fragte gut gelaunt, was ich denn heute anziehen wolle. Ich sagte: „Schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, Um das richtige Team an Assistentinnen und Assistenten zu finden, braucht man Glück, ansprechende Anzeigen und Fingerspitzengefühl. schwarze Jacke und schwarze Schuhe.“ Sie sah mich fragend an. Ich erwiderte auf ihren Blick: „Naja, wann glaubst du, dass die Welt untergehen wird?“ Sie überlegte und antwortete dann: „Wohl dann, wenn es niemand erwartet!“ Ich darauf: „Na also. Gestern haben es alle erwartet, heute erwartet es niemand mehr. Heute muss es soweit sein!“ Sie kündigte.