Ein leerer Rollstuhl steht am Strand. Im nahen Wasser genießt Reinfried Blaha rückenliegend das salzbedingte Schweben im Toten Meer.

Kurz vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie, als das Reisen noch möglich war, durchkreuzte Reinfried Blaha mit seiner Freundin Israel und Palästina. Die Gegenden waren barrierefreier als er gedacht hatte. Einige Situationen führten ihn trotzdem an seine Grenzen.

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Anderswo
Reinfried Blaha

Hüte, Hummus, Heiligtümer – Mit dem Rollstuhl durch Israel und Palästina

Kurz vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie, als das Reisen noch möglich war, durchkreuzten meine Freundin und ich Israel und Palästina. Die Länder waren barrierefreier als ich gedacht hatte. So konnte ich die religiösen, konfliktbeladenen, kulturellen und kulinarischen Dimensionen der Region fast ungestört entdecken. Einige Situationen führten mich freilich an meine Grenzen.

Es ist dunkel, als Brinda und ich den Grenzübergang erreichen. Wir folgen den schwach beleuchteten Absperrungen, Rampen und Gängen, auf denen frühmorgens Palästinenser*innen zu Hunderten auf die Eintrittskontrolle warten, um tagsüber in Israel zu arbeiten. Plötzlich versperrt eine massive Drehgittertür den Weg. Ich sitze in einem Rollstuhl. An ein Weiterkommen ist nicht mehr zu denken. Vergeblich suchen wir eine Umgehungsmöglichkeit. Unsere Hilferufe verhallen in der Dunkelheit. Vereinzelte Männer, die mit ratlosen Blicken an uns vorbeilaufen, versprechen, israelische Grenzsoldat*innen zu schicken. Wir warten. Nichts passiert. Schließlich brechen wir auf, um den Checkpoint für Fahrzeuge zu finden, der hier in der Nähe sein muss. Weil der Gehsteig zu schmal ist, muss ich auf die unbeleuchtete Fahrbahn ausweichen, die steil bergauf führt. Autos und LKWs rattern so dicht an mir vorbei, dass mir angst und bange wird. Als hätte das Schicksal unsere zunehmende Verzweiflung gespürt, taucht just in diesem Moment ein junger Mann auf, der uns bis zum Grenzübergang führt und wortlos lächelnd in der Nacht verschwindet. Jetzt wird es leicht sein, zurück zu unserem Mietwagen zu gelangen, der auf der israelischen Seite auf uns wartet. Falsch gedacht – die zwei schwerbewaffneten Grenzsoldat*innen lassen uns nicht durch, weil dieser Checkpoint ausschließlich Fahrzeugen vorbehalten ist. Zuerst schicken sie uns weg, dann ignorieren sie uns. Wir erklären, insistieren und bitten. Schlussendlich telefonieren sie mit Vorgesetzten – und lassen uns doch noch einreisen. Schalom, Israel!

Geballte Lebensfreude in Tel Aviv
Wie alle internationalen Flugreisenden landeten wir in Tel Aviv, wo wir von sommerlichen Temperaturen begrüßt wurden. Mit seinen mehr als drei Mio. Einwohner*innen zählt Tel Aviv zu den größten Wirtschaftsmetropolen im Nahen Osten. Das Stadtbild könnte kontrastreicher nicht sein: Steinbauten in der biblischen Altstadt Jaffa, elegante Gebäude im Bauhaus-Stil in der „Weißen Stadt“, moderne Hochhäuser und Hotels an der Strandpromenade und eine blühende Street-Art-Szene in angesagten Stadtvierteln. Inspiriert von Tel Avivs Lebhaftigkeit warfen wir das Sightseeing-Programm über Bord und uns in das vibrierende Stadtleben. Im Carmel Market tranken wir frisch gepressten Granatapfelsaft, shoppten durch Neve Tzedeks Szene-Läden, kosteten uns durch kulinarische Spezialitäten in Florentin und landeten am Ende des Tages immer wieder in einer der Strandbars am Meer.
An Rosh ha-Shana, dem jüdischen Neujahrstag, der das urbane Treiben zum Stillstand brachte, flanierten wir durch das arabisch geprägte Jaffa, wo das alltägliche Leben weiterlief. Nach Sonnenuntergang wollten wir – auf der Suche nach dem besten Hummus – zum, laut Reiseführer, delikatesten Restaurant der Gegend. Auf dem Weg unterhielten wir uns mit dem Taxifahrer über sein Leben als arabischer Israeli – und über das leckerste Hummus der Stadt. „Das gibt es in Jaffa!“ meinte er. Kurzentschlossen wendeten wir, fuhren zurück, wo wir gerade herkamen, zum Lieblingslokal unseres spontanen Stadtguides. Fernab der Touristenpfade saßen wir an Plastiktischen am Straßenrand, genossen das authentische Abendmahl und übten uns im Diskurs über Zubereitungsvarianten der Kichererbsenpaste.

Reise nach Jerusalem
Keine Reise ins gelobte Land kommt an ihr vorbei: Jerusalem, der ewigen Stadt. Sie ist eine der ältesten Städte der Menschheit und als Zentrum dreier Weltreligionen seit jeher umfochten. Politisch ist sie die Hauptstadt Israels; gleichzeitig wird der Ostteil von palästinensischer Seite als Hauptstadt beansprucht. Die umstrittenen Besitzansprüche machen diesen Ort zu einem der Brennpunkte des Nahostkonflikts. Das erklärt auch die hohe Militärpräsenz in der gesamten Altstadt. Trotzdem ist dem jahrtausendealten Gassengewirr eine geheimnisvolle, fast mystische Atmosphäre erhalten geblieben. Während Tel Aviv zum Großteil flach und gut berollbar ist, bedeutet das Auf und Ab der treppenreichen Wege hier für einen Rollstuhl die pure Katastrophe. Es war klar, dass ich beim Besuch der Altstadt an meine Grenzen stoßen würde. Aber sollte ich es deswegen gar nicht erst versuchen?
Wir wollten die Herausforderung annehmen und unsere Stadtbesichtigung beim größten Heiligtum des Judentums beginnen. Durch das hohe Pilgeraufkommen hat die Western Wall Plaza sicher schon viele Rollstühle gesehen. Dennoch war ich von der einfachen und stufenlosen Erreichbarkeit der Klagemauer überrascht, wie auch von der Pracht der Hutformationen, die die Häupter jüdisch-orthodoxer Männer schmückten. Wie die Gläubigen neben mir steckte auch ich meine auf kleine Zettel geschriebenen Gebete in die Ritzen der Wand, die einst den wichtigsten jüdischen Tempel umschloss.
Dass ich von hier aus auch den höher gelegenen Tempelberg über eine mächtige, hölzerne Rampenanlage stufenlos erreichen konnte, überraschte mich noch einmal. Nach einer Runde um den Felsendom, eines der bedeutsamsten Heiligtümer des Islam, setzte ich mich in den Schatten, um das Gebäude zu zeichnen. Da Nicht-Muslimen nur in schmalen Zeitfenstern Zutritt zu diesem Areal gewährt wird, tauchte bereits wenig später ein Wächter auf, um alle Tourist*innen zu den Ausgängen zu treiben. Interessiert an meiner Skizze, trat er näher, brummte billigende Laute und gab uns ein Zeichen zu bleiben – bis wir die einzigen Besucher*innen weit und breit waren. Da die anderen Wärter allerdings nichts von unserer Ausnahmeregelung wussten, wurden wir bald lautstark über die Vorschriften belehrt und beim nächstbesten Ausgang hinausgeworfen. Da standen wir nun, vor uns Treppen, neben uns Treppen und ohne Rückzugsmöglichkeit. Bei den ersten Versuchen weiterzukommen, ernteten wir nur das Kopfschütteln mehrerer Passant*innen. Immer wieder verwiesen sie uns heftig deutend in andere Richtungen, bis sich ein paar palästinensische Jungs unseres Schicksals annahmen. Wild motiviert trugen, zogen, hoben und schoben sie mich so schnell über die Stufen der steilen Gassen, dass Brinda kaum hinterherkam. Erst irgendwann, mitten im Labyrinth der Jerusalemer Altstadt, fragten sie uns, wo wir eigentlich hinwollten. Wir gestikulierten: „Zur Grabeskirche!“
Wenig später standen wir vor der heiligsten Stätte des Christentums. Wie in einer anthropologischen Feldforschung beobachteten wir zuerst die Pilger*innen bei ihren außergewöhnlichen Ritualen. Später inhalierten wir selbst die geheimnisvolle Atmosphäre des nur vom Kerzenschein erhellten Kirchenraums. Als uns Father Sliman, ein palästinensischer Priester, in die innerste Kammer zu dem Stein, von dem Jesus auferstanden sein soll, führte, umhüllte mich die Mystik des Ortes mit zarten Schwingen. Halleluja!
Nach so viel Heiligkeit und urbaner Intensität sehnten wir uns nach Ruhe. Mitten im städtischen Treiben fanden wir im Österreichischen Hospiz eine Oase der Stille, in der wir bei Wiener Melange und Apfelstrudel die Erlebnisse des Tages rekapitulierten. Was für ein Tag! Was für eine Stadt!

Palästinensische Territorien und israelisch besetzte Gebiete
Israel und die besetzten Gebiete sind so reichhaltig an bedeutenden Sehenswürdigkeiten, dass man zwischen all den alten Steinen schnell die brisante Lage der Region vergisst. Um das Gebiet in seiner Fülle zu erfahren, wollten wir auch die Lebensrealität in Palästina kennenlernen. Kein israelischer Mietwagen ist in den palästinensischen Gebieten versichert. Darum ließen wir unseren am Checkpoint stehen und warfen uns nicht fern des Pilgerstroms in die Lebendigkeit der Straßenmärkte Bethlehems. Am Walled Off Hotel (nach eigener Bezeichnung das Hotel mit dem schlechtesten Ausblick der Welt) standen wir dann erstmals vor der acht Meter hohen Grenzmauer, Teil einer mehr als 700 km langen israelischen Sperranlage, die die palästinensischen Territorien umschließt und von Israel trennt. Je nachdem, von welcher Seite sie betrachtet wird, ist sie ein Terrorabwehr- oder ein Apartheits-Instrument. Der internationale Gerichtshof bezeichnet sie als völkerrechtlich illegal. Wir folgten lokalen Guides der mit Graffiti überzogenen Mauer entlang bis in das nahe gelegene Flüchtlingslager Aida. Im Zuge der Staatsgründung Israels 1948 wurden 750.000 Palästinenser*innen aus dem bis dahin britischen Mandatsgebiet vertrieben. Diese Flüchtlinge müssen bereits in der vierten Generation in Lagern leben, obwohl ihnen eine UN-Resolution das Rückkehrrecht ausspricht. Als Bürger*innen zweiter Klasse in einem repressiven System haben die Menschen hier kaum Chancen, diesem Gefüge zu entkommen. Der immer wieder aufkeimende Protest und die unverhältnismäßigen Reaktionen des israelischen Militärs darauf machen Aida zum tränengasreichsten Ort der Welt.
Erst dort wurde mir bewusst, dass internationale Medien kaum von der Lebenssituation auf der palästinensischen Seite der Sperranlage berichten. Direkt konfrontiert mit den Schicksalen der lokalen Bevölkerung ließ uns die Ungerechtigkeit, die die Menschen hier erfahren, betroffen und sprachlos zurück.

Auf den Spuren Jesu
Eine wiederkehrende Herausforderung beim Reisen mit dem Rollstuhl ist es, geeignete Unterkünfte zu finden. Mein Reiseverhalten veränderte sich dadurch. Gerne bleibe ich ein paar Tage am Stück in einem Quartier, in dem ich zurechtkomme, anstatt jeden Tag aufs Neue weiterzuziehen. Aufgrund der geringen Distanzen – Israel und Palästina sind so groß wie ein Drittel Österreichs – bereisten wir die Region von nur drei Stationen aus. In Tel Aviv baute mir unser Vermieter gleich eine Rampe über die Eingangsstufen. Wegen des hohen Preisniveaus in Israel (vergleichbar mit Wiener Verhältnissen) wohnten wir in Jerusalem im günstigsten barrierefreien Zimmer der Stadt. Was wir bei der Online-Buchung nicht erfahren hatten, – es war fensterlos. Dafür wurden wir vom Hotelmanager persönlich zum leckersten Shakshuka-Frühstück eingeladen. Um die Israel-Erfahrung zu komplementieren, quartierten wir uns anschließend in einem Kibbuz ein.
Sara, unser Superhost, fuhr uns mit einem Golfwagen durch das Gelände. Sie erzählte vom gemeinsamen Eigentum und den basisdemokratischen Strukturen der Dorfgemeinschaft, in der sie aufgewachsen war. Von hier aus besuchten wir den Norden des Landes, flanierten durch die Altstadt von Akko und ließen uns in Safet, einem Zentrum jüdischer Mystik, von orthodoxen Jugendlichen die Bedeutung der Kippa und Schläfenlocken erklären. Speziell die Region um den See Genezareth ist für die Anfänge des Christentums bekannt. Auf den Spuren Jesu meditierten wir am Ort der Bergpredigt und zelebrierten das Fischessen am Seeufer wie zur Speisung der Fünftausend.

Wiederkehr nach 13 Jahren
Aufgrund der spirituellen Geschichte hatten Israel und Palästina schon lange eine besondere Anziehungskraft auf mich. Das erste Mal besuchte ich das gelobte Land 2007, nur vier Monate nach meiner Entlassung aus der Rehaklinik. Weil ich das Reisen so fortsetzen wollte, wie ich es vor meinem Unfall kannte, tourten meine damalige Freundin, ihr Bruder und ich mit dem allergeringsten Budget durch das Land. Wir übernachteten in unbeheizten Schlafsälen in Jugendherbergen ohne Aufzug und in Beduinenzelten im Negev. Damals war ich von der Reise (und der noch so ungewohnten Situation im Rollstuhl) maßlos überfordert. Im Vergleich zu der geschützten Umgebung der Klinik erwies sich die Welt hier voller Barrieren. Beim Baden im Toten Meer dachte ich sogar, ich müsste ertrinken, da der starke Auftrieb meine Hüfte hob und dadurch meinen Kopf senkte. Das Land war gewiss heilig, aber für mich zu viel des Guten.
Als ich nun, 13 Jahre später, Israel nochmals eine Chance gab, war meine Erfahrung eine andere. Einerseits war die Querschnittslähmung Teil meines Lebens geworden und ich beim Reisen im Rollstuhl erprobt. Wenn es die Situation erleichtert, gönne ich mir eine Taxifahrt durch die Stadt. Ein barrierefreies Zimmer, das zumeist in besseren Hotels zu finden ist, lasse ich mir – sofern vorhanden – auch einmal etwas kosten. Andererseits ist Israel ein entwickeltes Land und das Thema Barrierefreiheit wurde in den letzten Jahren spürbar großgeschrieben. Barrierefreie Eingänge, Parkplätze, Toilettenanlagen und Strandzugänge verblüfften mich immer wieder. Sogar das Schwebebad im Toten Meer konnte ich diesmal sorgenfrei genießen.
    
www.reinfriedblaha.net