Auf einer leicht abfallenden Wiese vor dem Camphill-Haus stehen viele Frauen, Männer und Kinder in einem großen Kreis und halten sich an den Händen.

Vor 80 Jahren setzte eine kleine Gruppe von Flüchtlingen aus Wien eine weltweite Bewegung für heilende Gemeinschaftsbildung in Gang: die Camphill-Bewegung. Hier ein historisches Foto vom Johanni-Fest 1953.

Foto: Archiv des Karl König Instituts
80 Jahre Camphill-Bewegung
Richard Steel

Vision einer heilenden Gemeinschaft

Vor 80 Jahren setzte eine kleine Gruppe von Flüchtlingen aus Wien eine weltweite Bewegung für heilende Gemeinschaftsbildung in Bewegung: die Camphill-Bewegung. Am 1. Juni 1940 fand der Einzug in das Camphill House statt.

Am Beginn stand die Begegnung zweier Menschen    

Karl König wurde 1902 in Wien geboren. In seiner Jugend erlebte er in sehr starker Weise das Leid, das durch den Ersten Weltkrieg über die Menschheit kam, und wie Europa – vor allem seine Heimat in der österreichisch-ungarischen Monarchie – und die Kulturimpulse gerade dieser Gegenden zerstört wurden. Wie könnte er dem Geschehen etwas Heilendes entgegenstellen? Sehr früh reifte eine tiefe Empathie und ein Gefühl der Verantwortung für die Situation seiner Zeit. Obwohl er in eine jüdische Familie hineingeboren wurde, bewegten ihn die Worte des Christus‘ nachhaltig: „Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan.“ Immer deutlicher erlebte er die Notwendigkeit einer Heilung des Menschen, der Erde und des Sozialen als eine zusammenhängende, ganzheitliche Aufgabe, studierte Medizin in Wien und wurde Assistent bei Dr. Ita Wegman, die kurz zuvor gemeinsam mit Rudolf Steiner die anthroposophische Medizin und Heilpädagogik in der Schweiz begründet hatte.
Mathilde („Tilla“) Maasberg wurde 1902 in der Herrnhuter-Siedlung Gnadenfrei geboren. Sie kam am gleichen Tag im November 1927 wie König im Schweizer Arlesheim an. Er sollte dort unter anderem Fortbildungskurse für Ärzte, Therapeuten und Krankenschwestern halten. Tilla war genau für eine solche Fortbildung gekommen. Als Kinderkrankenschwester führte sie mit ihrer Schwester zusammen ein kleines Kinderheim. 1929 zog er zu ihr nach Schlesien (heute Polen), sie heirateten und gründeten gemeinsam mit einer kleinen Gruppe ein heilpädagogisches Heim im Schloss Pilgramshain in der Nähe von Gnadenfrei. Das Schloss hatte der Familie von Jeetze gehört und das Gut wurde bereits nach dem „Landwirtschaftllichen Kurs“, den Rudolf Steiner 1924 in der Nähe gehalten hatte, nach den neuen, biologisch-dynamischen Methoden bewirtschaftet. Tillas Erfahrung in Pflege, Erziehung und häuslicher Gestaltung und ihr Familienhintergrund in der Herrnhuter-Tradition waren große Gaben, die sehr hilfreich vor allem in den Aufbau-Jahren in Camphill waren, auch für das Anleiten der jungen und unerfahrenen Mitarbeitenden.

Die Pioniergruppe aus Wien

Viele der jungen Menschen, die zwischen 1936 und 1938 in Wien zur Jugendgruppe um Karl König gehörten, begeisterten sich für die Aufgabe, aus der Anthroposophie Rudolf Steiners heraus eine Gemeinschaft zu gründen, in der Heilendes für die Zukunft gepflegt werden könnte – in der ein Stück der Kulturaufgabe Mitteleuropas gerettet werden könnte. Als im März 1938 Nazi-Deutschland den sogenannten „Anschluss“ Österreichs herbeiführte, versprachen sie einander, individuelle Fluchtwege zu suchen, um zu gegebener Zeit irgendwo an einem sicheren Ort für diese gemeinsame Aufgabe wieder zusammenzufinden. Im Frühjahr 1939 wurde Kirkton House im Norden Schottlands der Ort, wo sie sich wiederfinden konnten. Von dort aus ging es am 1. Juni 1940 zu dem Gut namens „Camphill“, in der Nähe von Aberdeen.
Zur Gruppe gehörten Trude Amann, geb. Blau (Wien 1915 – Camphill 1987), sie entstammte einer jüdischen Familie, ihre Mutter wurde in Auschwitz ermordet. Sie hatte Erfahrung mit behinderten Kindern und blieb dieser Aufgabe ein Leben lang verbunden.
Ihr Mann, Willi Amann, war zuerst nach England geflüchtet und zog dann zu den anderen nach Schottland und baute dann eine Einrichtung in Garvald bei Edinburgh auf.
Alex Baum (1910 Wien – 1975 München) musste nach dem „Anschluss“ wegen seiner jüdischen Herkunft sein Studium der Chemie an der Universität in Wien abbrechen. Seine Eltern wurden im Minsker Ghetto ermordet. Ihm gelang es, über die Schweiz und Frankreich eine Woche vor Englands Kriegseintritt nach England einzureisen.
Seine Frau Thesi, geborene Therese von Gierke (1913 Karlsruhe – 1990 Camphill School, Ringwood), floh bereits 1937 aus Deutschland nach England und wurde 1941 als erste neue Person von der Ursprungsgruppe in Camphill aufgenommen. Nach Kriegsende halfen Alex und Thesi dabei, die Arbeit der Camphill-Schulen in Südengland aufzubauen. Thesi erlernte das Weben, um es den Jugendlichen beibringen zu können. Beide unterstützten in großem Maße die künstlerische Arbeit – Theater, Musik, Malen und Eurythmie. Durch Alex konnte die Camphill-Eurythmieschule in Ringwood etabliert werden.
Marie Blitz, später Korach, (1915 Wien – 2002 Camphill Aberdeen) hatte bereits vier Jahre des Medizinstudiums absolviert, als ihr die Fortsetzung des Studiums aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verweigert wurde. Sie flüchtete nach England und arbeitete zunächst als Hilfskrankenschwester in London. Zu Pfingsten 1939 war sie für die Eröffnung von Kirkton House zu den anderen gestoßen. Bis ins hohe Alter blieb sie ein sehr aktives Mitglied verschiedener Schulgemeinschaften und besuchte häufig andere britische Camphill-Orte, um die pädagogische und sprachtherapeutische Arbeit und das Kulturleben zu unterstützen.
Barbara Lipsker, geboren als Sali Gerstler (1912 Wien – 2002 Glencraig, Nordirland), war Kindermädchen der Familie König, als diese, nach der Flucht aus Schlesien, die Praxis in Wien wieder etablierte. Ihre Eltern und ihr jüngster Bruder sind im Holocaust ermordet worden.
Ihr Mann Bernhard (1913 Hamburg – 1979 Glencraig) musste wegen seiner jüdischen Herkunft sein Studium der Mathematik und Physik abbrechen, emigrierte 1938 nach England, wo er in dem anthroposophischen heilpädagogischen Heim in Clent arbeitete. Dort lernte er Karl König kennen. Für den Rest seines Lebens war er ein eifriger Gärtner.
Carlo Pietzner (1915 Wien – 1986 Camphill Village Copake, USA) absolvierte die Kunstakademie Wien und widmete sein ganzes Leben der Kunst, vor allem der Malerei. Er war nicht jüdischer Herkunft, aber nachdem er den Militärdienst für die deutsche Wehrmacht verweigert hatte, musste auch er aus Österreich, das nun zum Deutschen Reich gehörte, fliehen. Über Prag, später die Schweiz, gelangte er nach London. Sein ganzes Leben war durch die Künste geprägt: Er trug diesen Impuls in die sich ausweitende Camphill-Bewegung bis in die USA und weit darüber hinaus.
Alix Roth (1916 Wien – 1987 Village Aigues Vertes, Genf) war die jüngere Schwester von Peter. Über Zagreb kam sie im Januar 1939 in London an und war eine der ersten Bewohnerinnen in Kirkton House. Zusammen mit Tilla König setzte sich Alix sehr stark für die pflegerische Arbeit ein und bahnte den Weg für die Ausbildungskurse in Krankenpflege. Sie blieb stets mit dem Impuls der regionalen und weltweiten Gestaltung Camphills aktiv verbunden.
Peter Roth (1914 Wien – 1997 Camphill St. Albans) studierte Medizin in Wien. Schon im Juni 1938 konnte er aus Wien fliehen. Peter war in der ersten Zeit ein talentierter Lehrer für die Kinder und Jugendlichen in den verschiedenen Lebensaltern. Noch während des Zweiten Weltkriegs, bald nach seiner Internierung auf der Insel Man, studierte Peter und wurde zum Priester in der Christengemeinschaft geweiht. Ein sehr starkes Interesse für das Schicksal und eine Gabe des „heilenden Zuhörens“ verband ihn mit unzähligen Menschen.
Anke Weihs, geborene Ann Nederhoed, (1914 Melbourne, Australien – 1987 Camphill) war professionelle Tänzerin und war die einzige in der Anfangsgruppe, die der englischen Sprache von Grund auf mächtig war. Sie war aber eng mit Peter Roth befreundet, den sie bei der Ankunft in London 1938 gleich heiratete. Anke gestaltete das Leben in der Hausgemeinschaft mit großem Können und Hingabe, war eine versierte Pädagogin und setzte sich in besonderer Weise für die Entwicklung der sozialen Formen ein, sowohl vor Ort als auch im Ganzen der sich ausweitenden Camphill-Bewegung. Sie trug Verantwortung bis in die praktischen Details für die Entstehung weiterer Lebensgemeinschaften im schottischen Umkreis.
Thomas Weihs (1914 Wien – 1983 Camphill) studierte Medizin an der Wiener Universität. Am 1. Oktober 1938 verließ er mit seiner ersten Frau Henny Österreich. In Basel konnte er sein letztes Studienjahr wiederholen und das Medizin-Studium abschließen. Nur eine Woche vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs konnten sie den Ärmelkanal mit dem letzten zivilen Fährschiff überqueren und kamen schließlich im September 1939 im Kirkton House an. Thomas war stets die „rechte Hand“ von Karl König und erledigte alles gleichermaßen gerne, ob praktische Handwerksaufgaben, Gärtnerisches, Haushalt, als Lehrer oder als Ersatz-Vortragender, wenn König ausfiel. In der Kriegszeit übernahm er immer wieder die Betreuung junger traumatisierter Menschen, die teilweise erhebliche Verhaltensschwierigkeiten aufwiesen. Nachdem seine erste Ehe gescheitert war, heiratete er Anke. Als König 1954 ernsthaft erkrankte, übernahm Thomas die medizinische Leitung. Er wurde immer bekannter und gestaltete zunehmend die Ausbildung in Schottland.
Hans und Elisabeth Schauder. Hans Schauder war Medizinstudent an der Wiener Universität und musste ebenfalls, da er Jude war, sein Studium abbrechen, setzte aber sein Studium in Basel fort. 1940 reisten Hans und Liesl durch das bereits vom Krieg zerrüttete Frankreich und heirateten bei ihrer Ankunft in London. Hans Schauders Eltern wurden in Konzentrationslagern ermordet.

Die Geburt Camphills Flüchtlinge helfen Flüchtlingen

Die Camphill-Bewegung wurde aus der dunkelsten Zeit der modernen Geschichte heraus geboren, fokussierte stets auf die Nöte der Gegenwart, behielt dabei die Vorbereitung einer zukünftigen Form der Gesellschaft im Blick.
Das Gut Camphill wurde im Juni 1940 bezogen. Der Impuls, der seine embryologische Vorstufe in einem kleinen Pfarrhaus im Nordosten Schottlands durchgemacht hatte, wurde nun geboren und empfing seinen Namen: Camphill.
Im Zuge der Ereignisse im Frühling 1940 wurden alle deutschen und österreichischen Männer, deren Identität noch nicht genügend abgeklärt worden war, auf unbestimmte Zeit interniert. Die Frauen aber, die in dem kleinen Pfarrhaus verblieben waren, beschlossen, trotzdem –und gegen alle Vernunft – die Pläne fortzusetzen und zu dem vereinbarten Termin den Umzug in das neue Haus wahrzunehmen. Nach und nach wurden Karl König und seine Freunde aus der Internierung entlassen, Kinder begannen aus allen Teilen des Landes den Weg nach Camphill zu finden.
Unter den ersten Kindern waren zwei, die mit einem Kindertransport aus Deutschland gekommen waren. Peter Bergel, das erste betreute Kind, durfte wegen seiner Behinderung nicht mit seinen Eltern in die USA einreisen. Er sah seine Mutter nie wieder.

Besondere Art der Lebensgestaltung

Die drei Bereiche der Arbeit sind die des Diagnostisch-Therapeutischen, des Erzieherischen und des Sozialen. Ein viertes Element war dann der spirituell ausgerichtete sozio-ökonomische Rahmen, der die drei Bereiche umfasste. Die Anfangsphase in Camphill war ganz besonders der Entwicklung dieses vierten Elementes gewidmet. Vom Anfang an wurde die Arbeit als eine freiwillige Leistung gesehen und daher wurden alle Einnahmen in die Verantwortung der ganzen Gemeinschaft gegeben. Mit den Kindern zusammen das Leben zu gestalten, war Hauptaufgabe der Gemeinschaft und deswegen sollten die zwischenmenschlichen Verhältnisse den größtmöglichen menschlichen und spirituellen Schutz für die Kinder hergeben.

Kulturinseln

Es ist nicht nur unsere Aufgabe, Heilpädagogik zu tun, sondern mit und durch die seelenpflegebedürftigen Kinder Kulturinseln zu schaffen.
Karl König in einem Brief an Carlo Pietzner, 1950
In „The Sheiling“ in Ringwood, nahe der Südküste Englands, begannen 1951 die ersten Schritte der Camphill-Arbeit auf dem Weg zu einer weltweiten Bewegung.
1954 eröffnete Karl König die Camphill-Schule Glencraig, nahe Belfast. Gleichzeitig entstand die erste sozialtherapeutische „Dorfgemeinschaft“, Botton Village, in Nordengland, die 1956 offiziell eröffnet wurde.
„Die Feste und alle anderen Lebensformen – groß oder klein – bis hin zu der Art der Verwaltung und des wirtschaftlichen Gebarens, die zu der Lebensweise führten, die Camphill-eigen ist, sind alle in diesen ersten Jahren in Camphill-Zentrum des Bemühens und Übens gewesen. In der Mitarbeiterschaft der Camphill-Schulen sind nun viele jüngere Menschen, was es ermöglicht, dass trotz der fünfundzwanzigjährigen Entwicklung Camphill nicht ‚alt‘ geworden ist. Es scheint, dass es noch viel zu lernen hat, sich sehr bemühen muss, an der vordersten Front mitkämpfen zu können in dem Kampf für Menschen mit Behinderung, weil jedes neue Jahrzehnt neue Herausforderungen und Aufgaben mit sich bringt – neue Gefahren wie auch Einsichten. Und die Situation des Menschen mit Behinderung in der Welt von heute und morgen muss immer neu gesehen und beurteilt werden.“
Anke Weihs, 1965
Nach 21 Jahren der Pionierarbeit und der ersten Ausweitungsphase Camphills, am Johanni-Fest 1961, konnte der Grundstein für einen Festsaal gelegt werden. Der Saal wurde zum Mittelpunkt einer wachsenden, internationalen Bewegung; über die nächsten beiden Jahrzehnte wurde in der Woche nach Ostern der Saal zum Treffpunkt der „Camphill Conferences“, wo an den Idealen, Aufgaben und Anliegen gearbeitet und die innere Verbindungen der dezentralisierten Bewegung gepflegt wurden.
Karl König machte die Skizze für den Saalbau in Murtle Estate; Gabor Tallo war der Architekt, der auch in Camphill lebte. Durch Gabor entstand ein eigenes Architektenbüro, „Camphill Architects“, das mit einem gewachsenen Team heute noch in Newton Dee tätig ist.
„Wir mussten feststellen, dass überall da, wo das Bild des Menschen verstellt, erniedrigt wird, die Bewegung eine Aufgabe haben wird. Und wir werden einen wichtigen Schritt machen müssen, denn gegenwärtig müssen wir uns für die Heilpädagogik besonders einsetzen – und dies wird weiterhin notwendig sein – und aus dieser Arbeit heraus können neue Siedlungen gegründet werden“.
Karl König, Bericht an die Camphill-Bewegung, Januar 1960
In den 1950er Jahren wurde die Frage der gemeinsamen Identität immer wichtiger, je mehr sich die Arbeit über Schottland hinaus ausweitete und differenzierte – eben eine „Bewegung“ wurde. Karl König entwarf dafür ein neues Logo, das in künstlerischer Form der jeweiligen lokalen Situation angepasst wurde.

Mission der Camphill-Bewegung

Das Ideal, das den Ursprung der Camphill-Bewegung bildete, so wie es von Tilla und Karl König und ihren Freunden getragen wurde, kann folgendermaßen beschrieben werden: ein Verständnis für das wahre Bild des Menschen zu pflegen und diesem auch im sozialen Leben Rechnung zu tragen; ein Anerkennen, dass das eigentliche Wesen eines jeden Menschen gesund ist, unabhängig von dem, wie der einzelne Mensch einem äußerlich erscheinen mag, da das Wesen des Menschen spiritueller Natur ist. Ihre Aufgabe sahen die Gründungsmitglieder darin, jedem Individuum dabei zu helfen, dieses eigene spirituelle Wesen immer mehr erlebbar zu machen – vergleichbar einem pfingstlichen Geschehen kann es in Erscheinung treten, und in der Bemühung, Gemeinschaft auf dieser Basis zu bilden, immer mehr das Geistige in der gegenwärtigen Kultur zum Ausdruck zu bringen.

Ausweitung und Differenzierung

Die neue, 1961 beginnende Phase der Camphill-Bewegung, die mit dem Saalbau in Schottland einherging, brachte eine Vielfalt an Gemeinschaften und neuer Arbeitszusammenhänge über einen geographisch breiten Umkreis. Es entstand dadurch die Notwendigkeit, deutlicher an den ursprünglichen Ideen und Idealen zu arbeiten, die neue Identität als Gemeinschaft von Gemeinschaften zu etablieren und das Verhältnis zur Anthroposophie als Grundlage der Aufgaben erneut ins Bewusstsein zu bringen.
1979 wurde dann die internationale Kooperation für die soziale Arbeit innerhalb der gesamten anthroposophischen Bewegung am Goetheanum in Dornach, Schweiz begründet, die jetzt den Namen Anthroposophic Council for Inclusive Social Development trägt.

Das Streben nach dem Heilenden

„Nur die Hilfe von Mensch zu Mensch – die Begegnung von Ich mit Ich –, das Gewahrwerden der anderen Individualität, ohne des Nächsten Bekenntnis, Weltanschauung und politische Bindung zu erfragen – sondern einfach das Aug’-in-Auge-Blicken zweier Persönlichkeiten schafft jene Heilpädagogik, die der Bedrohung des innersten Menschseins heilend entgegentritt“.
Karl König, Aufsatz „Vom Sinn und Wert heilpädagogischer Arbeit“ 1965
Aus dem anthroposophischen Menschenverständnis entstehen besondere Impulse für die medizinisch-therapeutische und pflegerische Arbeit. Dies spielte von Anfang an eine große Rolle in der Entwicklung Camphills und eine Vielfalt – auch von innovativen – Therapien entstand, um den individuellen Notwendigkeiten zu entsprechen.
Das gemeinsame Leben in der Hausgemeinschaft bildete die Grundlage des sozialen Lebens und Lernens. Anfangs lebten alle Kinder und Jugendlichen zusammen mit ihren Lehrern, Therapeuten und Helfern. Eine heilend wirkende Umgebung in allen Aspekten sollte entstehen. Eine gesunde Ernährung und eine gepflegte Esskultur waren stets im Mittelpunkt.
Sinnvolle Arbeit bildet eine wichtige Voraussetzung für die Menschenwürde. Wenn die Arbeitsbedingungen und die Produkte gut und gesund sind, wird nicht nur den eigenen Bedürfnissen Rechnung getragen, sondern auch den Bedürfnissen der unmittelbaren Umgebung und der weiteren Gesellschaft. So können individuelle Formen gefunden werden, durch welche ein jeder Mensch seine eigene Umgebung und die Gesellschaft mitformen und gestalten kann.
Damit in Zusammenhang steht das Ideal in Camphill, neue und gesunde Formen des Wirtschaftens zu entwickeln, die die Menschenwürde und soziale Verantwortung fördern. Diese Ziele werden heute immer wesentlicher in einer Zeit zerstörerischen globalen Handelns.
Eine heilende Pflege der Umwelt gehört zu den Ursprungsideen Camphills, denn hier ist die erste Grundlage für den Menschen, zu sich selbst im Verhältnis zur Welt zu finden und sowohl individuell wie auch sozial Mitverantwortung für die Welt zu üben und zu tragen. Die Gärtnerei und die Landwirtschaft, so wie auch die Landschaftsgestaltung sind Formen der Pflege der Naturbereiche, die in unseren Verantwortungsbereichen sind. Biologisch-dynamische Wirtschaftsprinzipien sind die Leitlinien dieser Arbeit, um mit unserer Umwelt nachhaltig und regenerativ umzugehen. Viele innovative Projekte sind über die Jahrzehnte entstanden – auch im Bereich der Energie und des Wassers.

Die Zukunft hat begonnen

Inzwischen sind es viele Gemeinschaften und soziale Initiativen, die weltweit aus dem Geiste Camphills heraus gegründet worden sind; viele sind mehr oder weniger stark mit der Internationalen Camphill-Bewegung verbunden. Es gehört zu der heutigen Entwicklungsphase von Camphill, dass eine Vielfalt von Initiativen immer noch aus dem inneren Quell des Camphill-Impulses heraus entstehen und in verschiedener Weise den äußeren Zusammenhang suchen.     
Möge der „Geist Camphills“ an vielen Orten – heute und morgen – hilfreich sein im „Kampf um das Menschsein“, ob in den bisher entstandenen Gemeinschaften mit ihrem nicht einfachen Stand in der Gegenwartskultur oder in den neuen Initiativen, zum Beispiel in Vietnam, in Ruanda, in Sri Lanka und in Litauen, oder einfach dort, wo Einzelne, mit diesem Impuls im Herzen, versuchen, Gutes in der Welt zu bewirken. Die Gefahr, dass das eigentlich Menschliche in der modernen Gesellschaft verloren geht, ist ebenso aktuell heute wie im letzten Jahrhundert und nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwunden. Die hohen Ideale der „Teilhabe“ und der „Inklusion“ müssen im Kontext der Situation eines jeden einzelnen Menschen verstanden und umgesetzt und können nicht pauschal verordnet werden. Die Frage, die den damaligen Flüchtlingen vor 80 Jahren vor Augen stand, lautete: „In welche Art von Gesellschaft kann der Mensch als Individuum inkludiert werden?“ Ihr Versuch war es, einen Samen für eine neue Art des Zusammenlebens und -arbeitens zu säen. Der Dreiklang vom eigentlichen Zwischenmenschlichen, einer gesunden Arbeitswelt und einem den Menschen erhebenden Kulturleben war ihr Übungsfeld. Camphill, so verstanden, ist nicht schon alt und nach 80 Jahren ausgedient, sondern steht erst am Anfang seiner großen Aufgaben!
Wie können wir im Heute die Notwendigkeiten für das Morgen erkennen und dazu beitragen, dass diese Samen in richtiger Weise bewahrt, aber auch gesät und gepflegt werden? Karl König würde wahrscheinlich antworten: „Das kann man sich gar nicht ausdenken, sondern nur im Tun erkennen.“

Mehr als 100 Einrichtungen in über 22 Ländern

„Wenn es uns gelingt, unsere Begeisterung und Liebe für die Arbeit jeden Tag aufs Neue anzufachen, sei es nun Brot backen, Schuhe herstellen, Kühe melken, werden wir Freiheit gewinnen; denn wahre Freiheit kann nur erfahren werden, wenn wir unser Mühen in Liebe einem Höheren, Wesentlichen widmen.
In dieser Weise können in einer Gemeinschaft die drei großen Ideale der modernen Menschheit verwirklicht werden: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – Ideale, die während der Französischen Revolution in Dreck und Blut getrampelt wurden und die darauf warten, erneut in die Menschheit aufgenommen zu werden. […] Das Camphill-Dorf ist eine aktive Bemühung, etwas zu dieser Aufgabe beizutragen. Die heute noch Ausgestoßenen sind die Vorläufer der Zukunft.
Karl König, bei der Eröffnung von Botton Village, 1956
Das Karl König Institut versteht dies als eine seiner Aufgaben im Dienst der Camphill-Bewegung und versucht, mit diesen Initiativen in Kontakt zu sein, Hilfe und Ermutigung anbietend, wo dies möglich ist, und an dem Netzwerk der Verbindungen zwischen den verschiedensten Ausdrucksformen zu arbeiten, die in der heutigen Welt und für die heutigen Nöte aus dem Camphill-Geist heraus entstehen wollen.

Richard Steel wurde 1952 in Oxford geboren. Nach dem Studium der Sprachwissenschaften absolvierte er 1975 das Camphill-Seminar für Heilpädagogik in der Schulgemeinschaft Föhrenbühl am Bodensee, wo er anschließend mit Familie in einer Hausgemeinschaft mit seelenpflegebedürftigen Kindern und Jugendlichen lebte und arbeitete und auch am Camphill-Seminar unterrichtend tätig war.
Seit 2008 ist er für die Pflege und Erschließung des Nachlasses von Karl König mitverantwortlich und leitet das Büro des Karl König Archivs in Berlin.
Neben der freien Tätigkeit als Vortragender und Publizist gibt er die neue Karl König Werkausgabe heraus. 2011 war er Mitbegründer des Internationalen Karl König Instituts für Kunst, Wissenschaft und soziales Leben in Berlin.

Karl König Institut, Richard Steel, Meiereifeld 35 DE-14532 Kleinmachnow r.steel@karlkoeniginstitute.org
www.karlkoeniginstitute.org