Taub, nicht stumm

Grafik: Eva Gugg

Taub, nicht stumm: Gehörlose Menschen sind keineswegs sprachlos – sie kommunizieren nur anders

von Elisabeth Hess

Hannah Kandinsky kann in dieser einen Stunde nichts hören, nichts verstehen. Ido, ihr Begleiter dieser stummen Stunde, zeigt ihr, wie ein gehörloser Mensch die Welt erlebt, vor welchen Problemen er steht, wie er mit den Händen kommuniziert. Und mit Smartphone und Tablet. Beides ist für Leopoldine und Erika Neuland: Von ihnen war in der Coronakrise noch nie die Rede, den gehörlosen Pensionisten.

Hannah ist hilflos. Sie kann keine einzige Gehörlosen-Gebärde, die Situation ist komplett neu für sie. Ihr gehörloser Begleiter Ido führt die 24-jährige Studentin in den Keller von „Hands-Up“, einer Erlebnisausstellung in Wiens Innenstadt. Sobald Hannah den Kopfhörer aufgesetzt bekommt, taucht sie ein in die Welt von gehörlosen Menschen. Gerade sie, die Musikstudentin, die auf ihr Ohr angewiesen ist, wird das erste Mal in ihrem Leben erfahren, wie es ist, nichts hören zu können. Es folgt ein verlegenes Lachen, gemischt mit etwas Verzweiflung und Hannahs Bemühung, Ido verstehen zu wollen. Die Verständigung erfolgt über Körpersprache, manchmal braucht es dafür länger, doch Hannah und Ido verstehen sich immer besser. Ido zeigt Hannah, dass Mimik und Körperhaltung in der Gebärdensprache äußerst wichtig sind. Also üben sie traurig, überrascht, freudig, verzweifelt, böse, verliebt und glücklich zu schauen. Nein, das ist kein Schauspielseminar. Das ist für gehörlose Menschen Teil der Verständigung. Für sie ist die Gebärdensprache der unmittelbarste Weg für eine problemlose Kommunikation.
Das Lippenlesen ist kein Ersatz für die Gebärdensprache – dabei werden maximal 30 Prozent vom Inhalt erfasst. Hannah probiert das sofort aus. Die nächste Station der „Hands-Up“-Führung handelt vom Lippenlesen: Eine computeranimierte Person sagt ein Wort und Hannah versucht, es zu erraten. Die Musikstudentin hat ein gutes Ohr, in diesem Fall sind aber ihre Augen gefragt. Manche Wörter erfasst sie überraschend gut, manches bleibt für sie total unverständlich.

Poldis ungehörte Realität

In der Wohnung der Pensionistin Leopoldine Baier ist es ruhig. Sobald sie zu gebärden beginnt, ist ihre Wohnung lebendig, ihre Hände sind stets in Bewegung. Leopoldine Baier, Poldi genannt, ertaubte im Alter von fünf Jahren. Sie ist im niederösterreichischen Putzing bei Großebersdorf aufgewachsen. Eines Tages, als ein starkes Unwetter gewütet hat, ging sie hinaus ins Freie. Es regnete so stark, dass der Fünfjährigen das Wasser bis zur Brust stand. „Als ich heimkam, hat mich meine Mutter geschimpft und warm gebadet. Am nächsten Tag waren meine Augen verklebt und ich war gelähmt, konnte nicht mehr gehen.“ Kurz darauf wurde bei Poldi Kinderlähmung diagnostiziert. Die gebürtige Niederösterreicherin wirkt keineswegs verbittert – im Gegenteil, sie zuckt die Schultern und sagt: „Trotz all dem bin ich da, hab’s überlebt.“ Wenn Poldi in ihrer Wohnung im 20. Wiener Gemeindebezirk bei Kaffee und selbstgemachtem Kuchen sitzt, denkt sie gern an ihre Kindheit zurück. Sie war damals noch in einer Schule für hörende Kinder. Sie sitzt wie eine Königin auf ihrem antiken Sessel: „Ich werde nie vergessen, dass ein Lehrer von mir einen Bart hatte und ich nicht von seinen Lippen ablesen konnte. Als mich seine Frau gefragt hat, ob ich ihn verstehe, habe ich ihr gesagt, dass mich sein Bart stört, da ich nicht von den Lippen ablesen kann. Als ich am nächsten Tag in die Schule kam, saß er ganz angefressen da, aber ich war zufrieden, weil er seinen Bart abrasiert hatte.“

ZubeHör

Zurück in den ersten Bezirk zu „Hands-Up“: Ido zeigt Hannah die technischen Hilfsmittel, die gehörlose Menschen im Alltag benötigen. Wie soll ein Gehörloser morgens geweckt werden, wenn er das Läuten des Weckers nicht hört? Wie soll ein gehörloser Mensch Besuch empfangen können, wenn er die Türklingel nicht wahrnimmt? Wie soll ein gehörloser Elternteil sein schreiendes Baby hören? Der Fortschritt der Technik macht es möglich, diese „Alltagshürden“ zu bewältigen. So kann der Wecker, der unters Kopfkissen gelegt wird, durch Vibration wecken, ein Lichtsignal die Türklingel ersetzen und ein Bildtelefon die akustischen in visuelle Signale übersetzen. Das alles ist ZubeHör, wie eine Firma für solche Hilfsmittel heißt. Junge Gehörlose bedienen sich ungehemmt, was Internet und Co. ihnen bieten kann, wie Videotelefonie beispielsweise.
In Poldis Wohnung gibt es kein Internet, sie besitzt auch kein Smartphone oder Tablet. Im Lockdown hat sie viele SMS oder Faxe geschrieben, um so mit ihren Mitmenschen in Kontakt zu bleiben. Informationen über Corona erfuhr sie nur übers Fernsehen: „Ich habe das so schade gefunden, weil es fast kein Gebärdensprachenangebot gab. Das Lesen von Untertiteln ist sehr anstrengend, das war echt mühsam“, sagt sie. Wenn hörende Betreuerinnen oder Betreuer in ihre Wohnung kommen, müssen sie die Maske abnehmen. Poldi könnte sonst nicht von den Lippen ablesen. Die Pensionistin trägt dann ein Visier und hält den Abstand ein. Sie seufzt: „Der Coronavirus ist etwas ganz Furchtbares. Jetzt kommt der Winter, das wird schlimm.“
Das Alleinsein im ersten Lockdown sei für Poldi nicht so schlimm gewesen: „Ich bin schon seit 34 Jahren verwitwet, mein Sohn wohnt oberhalb meiner Wohnung und meine Schwester kommt mich manchmal besuchen.“ Poldi meint, dass ihr schon nicht langweilig werde: Sie liest Zeitung, löst Kreuzworträtsel, gießt ihre Blumen, sonnt sich am Balkon, beobachtet Güterzüge und ist immer wieder überrascht, wenn sie einen Fuchs daher spazieren sieht.

Danke, Sex und Österreich

Hannah lernt ein paar Gebärden von Ivo. Es reicht natürlich nicht, um ein komplexes Gespräch zu führen, trotzdem ist sie stolz auf die neuen Wörter, die sie in der kurzen Zeit gelernt hat. Sie ist erstaunt, wie bildlich die Gebärdensprache ist. Zum Schluss kann sie die Gebärden für: Hund, Katze, Schildkröte, Fußball, Wiener Schnitzel, Danke, Sex und Österreich. Die Musikstudentin, deren Hände imstande sind, der Geige atemberaubende Töne zu entlocken, setzt ihre Hände nun ein, um ein zunehmend unbeschwertes Gespräch mit einem gehörlosen Menschen zu führen.
Die Gebärdensprache hat Poldi mit elf Jahren in einer Gehörlosenschule gelernt: „Ein Bauer aus dem Dorf hat meiner Mutter die Gehörlosenschule in Wien empfohlen. In der Straßenbahn habe ich vor lauter Angst geweint“, erinnert sie sich. Da sie in dieser Schule nicht viel gelernt habe, hat sie drei Klassen übersprungen. „Das Niveau war wie im Kindergarten, ich war ja die Schule für Hörende gewohnt, wo viel mehr Inhalt unterrichtet wurde.“
Auch in der Gebärdensprache gibt es, wie in der Lautsprache, verschiedene Dialekte und somit in jedem Bundesland andere Gebärden. Wie bei den Hörenden verwendet die junge Generation der Gehörlosen teilweise andere Vokabeln, der Erzählstil ist ebenfalls anders. Für Marietta Gravogl, die Gebärdensprachendolmetscherin des Gesprächs mit Poldi, sei genau das die Kunst des Dolmetschens, dass man eben alle Dialekte versteht.

WITAF – der Ort, wo sich jeder versteht

Florian Gravogl, Ehemann der Gebärdensprachendolmetscherin Marietta, ist Mitarbeiter des WITAF, eines seit 1865 bestehenden Wiener Vereins für Gehörlose. Er ist seit seiner Geburt gehörlos, seine Eltern sind es auch. Der 40-Jährige besuchte eine Gehörlosenschule in Wien Hietzing, hat dann bei Siemens eine Lehre als Elektrotechniker gemacht und dort gearbeitet. Später hat Florian eine Abendschule für das digitale Filmemachen besucht und begonnen, bei WITAF im Medienbereich und im Sozialbereich als Peer-Berater zu arbeiten. „Die Leute im WITAF kennen mich sehr gut, ich war hier schon als Kind mit meinen Eltern. Dadurch haben sie ein starkes Vertrauensverhältnis zu mir und ich weiß wiederum, wie ich mich auf die Leute einlassen muss“, erzählt er. Im Lockdown habe er sehr viel Kontakt zu den gehörlosen Senioren gehabt und bei ihnen nachgefragt, ob es Kinder und Freunde in der Nähe gebe, die ihnen helfen können.
Wenn eine Pressekonferenz oder Sondersendungen der Zeit im Bild mit einem Gebärdensprachendolmetscher übersetzt wurde, schrieb Florian Gravogl den Senioren eine SMS, damit sie wissen, wann sie den Fernseher einschalten sollen. Für viele Gehörlose sei es noch immer ein Problem, an Informationen zu gelangen: „Man muss sie extra verständigen, viele haben nicht Deutsch als Muttersprache und können beim Lesen nicht immer alles verstehen“, bedauert Florian: „Dann entstehen Missverständnisse.“
Ein Fixpunkt für viele gehörlose Senioren ist der Pensionistenklub des WITAF. Auch für Erika. Von dort habe sie auch alle Informationen zu Corona bekommen, auch sie war im Lockdown immer allein. „Ich habe kein Internet zu Hause und mit meinen Freunden SMS geschrieben. Die Mitarbeiter des WITAF haben die Einkäufe für mich erledigt“, erzählt sie, kurz bevor sie einen Stock höher zum Pensionisten-Café des WITAF geht. Im Lockdown hat Florian Gravogl vereinzelt gehörlose Senioren besucht, um ihnen bei der Einblendung der Gebärdensprachendolmetscher im Fernsehen zu helfen. Beim ORF gibt es drei Sendungen, die übersetzt werden. Die restlichen Sendungen haben einen Untertitel. Wie für Poldi ist es auch für Erika schwer, beim Untertitellesen immer mitzukommen.

Kultur gehört gespürt

In der Erlebnisausstellung „Hands-Up“ erfährt die Musikstudentin Hannah, wie gehörlose Menschen Musik empfinden. Sie hat noch immer ihren Kopfhörer auf und hört nichts. Dafür spürt sie die Schallwellen. Bei Hip-Hop und Heavy Metal vibriert der Boden gewaltig, bei Jazz und klassischer Musik spürt sie kaum etwas. Wie sieht das kulturelle Leben für gehörlose Menschen aus? „Manchmal sind Kultursendungen einfach der Bilder wegen schön anzuschauen. Es ist aber schon verstörend, wenn man nicht weiß, wo genau das ist und worum es geht. Da fehlt mir die Information. Bei den Bildern von Schönbrunn ist mir das klar, aber von anderen Ländern erkenne ich nicht sofort, worum es geht. Da gehen schon viele Informationen an einem vorbei“, sagt Florian Gravogl. Ins Theater oder in die Oper gehe er nie, dafür ins Kino, wenn Untertitel eingeblendet werden. Bei Erika ist es ähnlich: „Gibt es einen Film mit Untertiteln schaue ich ihn, wenn nicht, lasse ich es bleiben.“ Vor Corona gab es viele Führungen für Gehörlose, im Moment gibt es kein Kulturerlebnis für gehörlose Menschen, bedauert Erika. Anfang Oktober hat der WITAF erstmals nach dem Lockdown eine Führung im Lainzer Tiergarten für den Pensionstenklub angeboten.
Hannah setzt den Kopfhörer ab, verlässt den Keller der „Hands-Up“- Führung und ist sprachlos: „Ich hätte nie gedacht, dass man ohne Gehör doch so viel hört.“