Der Autor Reinfried Blaha sitzt in seinem Rollstuhl auf einer Aussichtsterrasse in Machu Picchu und zeichnet die Reste der Stadt aus Inkazeiten nach.

„Jetzt will ich mir einen meiner Reise-Träume erfüllen“, dachte sich der von Lateinamerika faszinierte Reinfried Blaha noch vor Corona und erlebte spannende und nachdenkliche Zeiten in Peru.

Foto: Reinfried Blaha
Peru
Reinfried Blaha

Machu Picchu im Regen – oder wie ich lernte, Inka-Cola zu lieben

Lateinamerika faszinierte mich schon immer. „Jetzt will ich mir einen meiner Reise-Träume erfüllen“, dachte ich mir und machte mich – noch vor Corona – auf nach Peru. Ich wusste, dieses Unterfangen wird nicht leicht, denn ich bin ab der Brust abwärts gelähmt. Ist eine Reise durch Anden und Dschungel mit dem Rollstuhl überhaupt möglich? Werde ich, ohne gehen zu können, nach Machu Picchu gelangen?

Mit meiner Reisetasche auf dem Schoß stehe ich vor dem Check-In-Schalter am Flughafen in Lima. Peru hat mich in den letzten drei Wochen reich beschenkt. Mein Kopf ist voller Erinnerungen an wundervolle Begegnungen und farbenfrohe Erlebnisse. Als ich gerade meine Tasche auf das Förderband legen will, schüttelt der Mann hinter dem Schalter seinen Kopf: „No es possible!“ Was? Die Fluglinie verwehrt mir den Rückflug, weil ich im Rollstuhl sitze und ohne Begleitung reise! David, mein Freund und Reisepartner aus den U.S.A., bleibt noch etwas länger, um an den besten Surfstränden des Landes wellenzureiten. Während er wieder nach San Diego fliegen wird, will ich nach São Paolo und in Brasilien Freunde besuchen. Ich bin schon oft alleine geflogen – sogar bei meiner Anreise mit derselben Airline! Alle meine Beschwerden verhallen. Verzweifelt drehe ich mich zur Seite, wo gerade eine junge Brasilianerin ebenfalls nach São Paolo eincheckt. In wenigen Sätzen schildere ich ihr meine prekäre Lage. Sie ist sofort dabei. „Ich habe eine Begleitperson!“ rufe ich über meine Schulter und zeige auf die Frau am Nachbarschalter. Verdutzte Blicke. Gemurmel. Schulterzucken. Ein Nicken. Noch ein Nicken. Es klappt! Mit dem Ticket in der Hand darf ich doch noch an Bord und meine Rückreise antreten.

Wie Gott in Lima

Da ich bereits vor David in Lima, einer 9 Mio.-Einwohner-Metropole am Pazifik, eingetroffen war, sah ich mich mit einer herausfordernden Situation konfrontiert: Nichts war barrierefrei und mein Spanisch mehr als nur lückenhaft. Wenn sich das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Perus schon so barrierevoll zeigte, was würde mich im Hinterland erwarten? Einigermaßen erleichtert fiel ich zwei Tage später meinem kalifornischen Studienfreund in die Arme. In Barranco, in den Straßen der Altstadt, feierten wir unser Wiedersehen mit Pisco Sour und im Trendviertel Miraflores genossen wir in Gourmet-Restaurants Ceviche wie Gott in Lima. (Die Stadt gilt als kulinarisches Zentrum Lateinamerikas und ist für die Cocina Novoandina, eine Fusionküche aus europäischen, indigenen und asiatischen Einflüssen, weltbekannt). Hier schmiedeten wir die Reisepläne für die kommenden Wochen. Wir wollten zu den legendären Inka-Ruinen von Machu Picchu. Ob das möglich sein würde, ohne gehen zu können? Keine Ahnung, aber ich würde es probieren. Wenig später saßen wir in einem Flugzeug nach Cusco, der historischen Hauptstadt des Inkareiches in den Anden.
Man hatte uns vor der Höhenkrankheit gewarnt, liegt die UNESCO-Welterbe-Stadt doch rund 3400 Meter über dem Meeresspiegel. Ein wenig kurzsichtig dachte ich, mir könne die Höhe nichts anhaben, war ich doch vor meinem Unfall oft in den Alpen gewesen. Geplagt von extremen Kopfschmerzen und unendlicher Müdigkeit wurden wir eines Besseren belehrt. Tagelang lagen wir im Bett und schleppten uns – nur um das Allernötigste zu erledigen – durch die Nachbarschaft unserer Unterkunft. Die ringsum (mit von Plakatwänden lächelnden Tourist*innen) beworbenen Soroche-Pills (eine Mischung aus Aspirin und Koffein) vermochten unseren Zustand nicht zu lindern. Unsere Gastgeberin servierte uns die traditionelle Medizin: „Mate de Coca“, Tee aus den Blättern des Cocastrauchs. Während die Pflanze in Peru gebräuchlich, der indigenen Bevölkerung sogar heilig ist, kam sie in unserer Kultur in Verruf – ist sie doch in der verarbeiteten Form als das Suchtmittel Kokain bekannt. Wirkliche Abhilfe verschaffte uns nur die natürliche Akklimatisierung nach ein paar Tagen.

Machu Picchu im Regen

Es gibt zwei Möglichkeiten nach Machu Picchu zu gelangen: Entweder wandernd über den Inka-Trail oder mit dem Zug über Aguas Calientes, eine künstlich und rein für den Tourismus angelegte Stadt im Urwald. Die Zugfahrt war zweifellos ein landschaftliches Erlebnis, gleichzeitig die allerteuerste, die ich je gemacht habe – und bei weitem nicht barrierefrei. Hilfsbereite Eisenbahnarbeiter wuchteten mich mitsamt Rollstuhl (über ihren Köpfen balancierend!) bei einer Waggontür hinein, als wäre ich ein Gepäckstück. Halleluja, wie schätzte ich plötzlich das (mitunter langwierige) Service der Österreichischen Bahn!
Als ich am nächsten Morgen nach einer serpentinenreichen Busfahrt (wieder brauchte ich Tragehilfe zum Ein- und Aussteigen) vor dem Eingang zur Inka-Stadt angekommen war, zog ich ungläubige und verwirrte Blicke auf mich. Mir wurde klar: Die wahre Herausforderung begann erst jetzt. David verschwand, um die Lage auszukundschaften. Ich wartete im Ungewissen, ob ein Besuch für mich möglich sein würde. Während wir uns beratschlagten, kam jedoch Bewegung in die Sache. Ein auf die Schnelle zusammengestelltes Träger-Team schnappte meinen Rollstuhl an allen vier Seiten und startete voller Tatendrang los – so ungestüm, dass mir auf den engen und verwinkelten Stufen richtig bange wurde. Nach etlichen Treppenläufen und Pausen erreichten wir eine erste Terrasse mit Blick auf die Ruinenstadt. Dort ließ ich mich für den restlichen Tag nieder. Während David über Stunden die Gesamtanlage erforschte und gestresste Tourist*innen an mir vorbeischnauften, hatte ich alle Zeit der Welt, die Mystik des Ortes zu inhalieren und meinen Ausblick in aller Ruhe zu zeichnen.
Eines hatte ich allerdings nicht bedacht: Es war peruanischer Sommer und damit Regenzeit. Als der tägliche Schauer vom Himmel plätscherte und sich die meisten Besucher*innen (und Lamas) geschwind einen Unterstand suchten, blieb mir nichts anderes übrig, als sitzenzubleiben und der Dinge zu harren. Jetzt war die Zeit gekommen für einen Schluck Inka-Cola, ein knallgelbes peruanisches Getränk, das ich schon eine Weile mit mir trug, aber wegen seiner Farbe nicht zu verkosten gewagt hatte. Während die Ruinen, der Regen, der Zucker und mein Leben sanft miteinander verschmolzen, vergoldete der Leuchtdrink mein verregnetes Gemüt.

Das heilige Tal und ein kaputtes Auto

Nach diesem Abenteuer blieben wir noch eine Woche in der Region, dem „Valle sagrado“ oder Heiligen Tal. Wir wanderten über landschaftsfüllende Inka-Terrassen, flanierten durch farbenprächtige Märkte, besorgten uns Mützen aus Alpaka-Wolle, lachten über Peruanische Nackthunde und plantschten in mystischen Thermalquellen. Um mir den Rein- und Raus-Trageprozess bei öffentlichen Bussen zu ersparen, fuhren wir viele Strecken mit Taxis – wobei ein jedes Fahrzeug mit ein wenig Stauraum und annähernd passender Destination zu einem potentiellen Taxi avanciert. Ich schätzte die oft stundenlangen Gespräche mit unseren Chauffeuren, dank derer wir ein bisschen in die Freuden und Probleme des Alltaglebens der ortsansässigen Bevölkerung eintauchten: An und für sich eine perfekte Art und Weise, mit einem Rollstuhl durch das Land zu reisen. Nur einmal wurde es brenzlig: Bei einer Fahrt über den fast 4400 Meter hohen Pass Abra Málaga und auf matschigen Schotterstraßen steil über dem Río Urubamba ging unser Auto kaputt. In den letzten Zuckungen stotterte das Gefährt gerade noch an den Ortsanfang des nächsten Dorfes. Dort blieben wir über Nacht – und weil wir uns in der entspannten Atmosphäre der uns zugefallenen Reisedestination so wohlfühlten, gleich noch eine.

Herbergssuche und Baumhäuschen

Eine der größten Herausforderungen war die Suche nach für mich passenden Unterkünften. In ganz Peru habe ich kein einziges Nachtquartier gefunden, das nach europäischen Standards barrierefrei genannt werden könnte. So musste mich David oft über mehrere Stufen ins Foyer, zum Zimmer oder ins Badezimmer ziehen, und ich manchmal bei meinen privatesten Geschäften die Badezimmertüre hinter mir offen lassen, oder auf eine sehnlichst erhoffte Duschmöglichkeit verzichten. Mittlerweile haben die großen Internet-Buchungsplattformen wie Booking oder Airbnb die praktische Filteroption „behindertenfreundlich“ oder „barrierefrei“, die vielerorts die Herbergssuche massiv vereinfacht. Nur blieb dann an den meisten Orten schlicht keine einzige Option übrig. So studierten wir die Online-Fotos, besorgten uns eine peruanische SIM-Karte, erörterten in vielen Einzeltelefonaten die Übernachtungstauglichkeit und buchten ab und zu die nächste Bleibe einfach „auf gut Glück“. Und weil David, als durchtrainierter Surfer, mich auch einfach schultern kann, quartierten wir uns einmal sogar in einem über Leitern erreichbaren Baumhäuschen in den Wipfeln des Hochwaldes ein.

Koloniales Erbe

Als Touristen merkten wir relativ wenig von der großen Armut, die speziell in den ländlichen Regionen und den Slums der Großstädte zu finden ist. Wie ganz Südamerika leidet auch Peru an den Folgen jahrhundertelanger kolonialer Ausbeutung. Wirtschaftliche Abhängigkeit von der sogenannten westlichen Welt und soziale Ungerechtigkeit prägen das Land. Rund ein Drittel der Bevölkerung lebt in Armut. Speziell betroffen ist davon der große Anteil indigener Bevölkerungsgruppen – fast die Hälfte aller Peruaner*innen sind indígenas, ein weiteres Drittel Mestizen (Nachfahren von europäischen Einwanderern und der indigenen Bevölkerung). Die indigenen Sprachen Quechua und Aimara sind neben Spanisch offizielle Amtssprachen. Einige Quechua-Begriffe, wie zum Beispiel Lama, Puma, Quinoa oder Pampa, sind sogar im deutschen Wortschatz gebräuchlich.
Nach dem Besuch der fast 7000 Meter hohen Andenregion war unser nächstes Ziel die daran im Osten anschließende, kaum erschlossene Regenwaldzone des Amazonas. Wegen der gewaltigen Distanzen – Peru ist so groß wie Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich zusammen – und der oft gefährlich schlechten Straßenzustände, entschieden wir uns, lange Wegstrecken mit Inlandsflügen zu überbrücken. Während auf Europa-gebundenen Flugstrecken mit einem geschulten Mobilitätsservice zu rechnen ist, war ich bei Star Perú gefühlt der erste Passagier mit Bewegungseinschränkung. Beim Boarding beförderten mich beherzt zupackende Männer des Bodenpersonals über die Treppen – und mich dabei fast aus dem Rollstuhl. Als ich kurz panisch aufschrie, signalisierten sie mir mit einem „Tranquillo, tranquillo!“, dass sie alles unter Kontrolle hatten. Naja, dann…: Amazonas, wir kommen!

Schamanenritual im Amazonas

Bei tropischen Temperaturen landeten wir in Tarapoto, der letzten größeren über Straßen erreichbaren Stadt zwischen Andenhochland und Amazonasbecken. In Ermangelung von Autotaxis waren wir ab jetzt mit Tuk-Tuks unterwegs, die sich kampfgeschwaderartig an roten Ampeln sammelten, um dann bei Grün ausschwärmend die Straßen zu attackieren. Für mich bedeutete das immer einen ersten Transfer auf die Bodenplatte und einen zweiten auf die Rückbank des Fahrzeugs, worauf ich den im Nacken platzierten Rollstuhl im nicht-vorhandenen Kofferraum festhalten musste – ohne Rumpfstabilität eine ganz schöne Geschicklichkeitsaufgabe.
Von hier aus wollten wir tiefer in den Dschungel vordringen, wobei uns als weitere Verkehrsmittel – im mitteleuropäischen Sinne kaum mehr fahrtaugliche – PKWs mit ungefähren Zieldestinationen dienten, die erst losfuhren, wenn sie voll belegt waren. Mit Geduld warteten wir im Auto sitzend auf die Abfahrt und lernten schnell, was hier „voll“ bedeutet: Damit der Transport genug Nuevos Soles abwirft, ladet der Fahrer nicht vier, sondern sechs (!) Passagier*innen ein. So erreichten wir ein winziges Dorf mit wenigen, einfachen Hütten, hinter denen sich die Straßen in der Wildnis verloren.
Bei den schmackhaftesten Fruchtsaftmischungen verschmolzen wir ziellos mit der Langsamkeit der Zeit. Hier lernten wir Lucho kennen, einen Schamanen, der uns nach einer von ihm auferlegten zweitägigen Fastenkur zu einer nächtlichen Heil-Zeremonie mitnahm. Unter seiner sicheren Führung trug mich David rund eine halbe Stunde huckepack zu einem hölzernen Unterstand im Regenwald. Während die Nacht hereinbrach und sich die Geräusche des Dschungels in der Dunkelheit ausbreiteten, begann die spirituelle Arbeit des Curanderos. Begleitet von heiligen Symbolen, Gebeten und Gesängen schlürften wir achtsam vom Zeremonientrunk Ayahuasca, einem bitter-faulig schmeckenden und psychedelisch wirkenden Pflanzensud. Mit der bewusstseinsöffnenden Kraft des Gebräus begann eine visionäre Reise außerhalb von Raum und Zeit. In der Obhut des Schamanen schenkte mir die Pflanze Einsichten in geistige Dimensionen meines Bewusstseins, in denen mich keine Querschnittslähmung einschränkte – und die Erfahrung, dass ich sehr viel mehr bin als mein Körper. Was für eine Reise, in der Reise! Noch immer bin ich dankbar für die Erkenntnisse dieser Nacht. Gleichzeitig brauche ich so ein Erlebnis nicht nochmal!

Friedlich am Pazifik

Voll mit abenteuerlichen Reiseerfahrungen verbrachten wir die letzte Woche unserer Peru-Expedition in Zorritos, einem verschlafenen Küstendorf an der Grenze zu Ecuador. Während David die Wellen testete, saß ich tagelang vor unserer Strandhütte, las über Südamerika, zeichnete und schrieb in meinem Reisetagebuch. Viel mehr konnte ich hier nicht machen, denn jeder Versuch, die schmale Terrasse zu verlassen, wäre im Sand versunken. Stellte so eine Situation ansonsten ein gefühltes Gefängnis für mich dar, war es diesmal das Paradies schlechthin, sehnte ich mich doch einfach nur nach Entspannung. Stundenlang schaute ich friedlich auf den wilden Pazifik, schlürfte an einer kühlen Inka-Cola und ließ dabei die noch frischen Erinnerungen der letzten Wochen langsam in den Körper sickern.
Info: www.reinfriedblaha.net