Das Foto zeigt den Ausschnitt von Haaren eines Mädchens von hinten.

Die Fotografin Sina Niemeyer ist als Kind sexuell missbraucht worden. In ihrem preisgekrönten Fotobuchprojekt „Für mich – You taught me how to be a butterfly only so you could break my wings“ verarbeitet sie ihre Geschichte.

Foto: Sina Niemeyer
Missbrauch
Mara-Elena Zöller, Alina Valjent, Stefan Becht

Schmerzhaft vom Staub der Jahre bedeckt und gleichwohl unvergessen

„Für mich – A Way of Reconciliation“ von Sina Niemeyer wirkt wie das Tagebuch einer Kämpferin. Es ist die künstlerische Form eines Psychogramms bestehend aus dem Fotobuch You taught me how to be a butterfly only so you could break my wings und dem Video Goodbye.

Die Fotografin gewährt in ihrem Werk tiefe Einblicke in das Innere einer „Überlebenden“ von sexueller Gewalt, welche sie in ihrer Kindheit erlitt. Indem Niemeyer die stilistische Konvention des Familienalbums mit fotografischen Stillleben collagiert und in ihrem Film dokumentarische und abstraktere Aufnahmen mischt, bleiben die Betrachter im Unklaren darüber, ob sie einer Fiktion der Autorin oder deren Autobiografie folgen. Film und Fotoalbum ergeben einen Korpus, der zwischen akribischer Beweisaufnahme und therapeutischer Aufarbeitung oszilliert.
Das Video erscheint zunächst wie eine Reihe en passant entstandener Aufnahmen, die sich erst allmählich zu einer metaphorischen Collage formen. Die Tonspur ist nicht weniger irritierend: ein Gespräch zwischen Opfer und Täter? Der Dialog erinnert an ein Verhör, in dem jedoch nicht Schuld oder Unschuld verhandelt wird, sondern in dem das Verstehen-Wollen der Vergangenheit in den Mittelpunkt rückt.
Das Fotobuch gibt einen intimeren Einblick in diese Vergangenheit: handschriftliche Notizen, teilweise zerstörte Fotos aus dem Familienalbum, Selbstporträts und situative Aufnahmen, die wie Stillleben anmuten. Gemeinsam stellen Buch und Film die Auf- und Verarbeitung der Erfahrung sexualisierter Gewalt in der Kindheit aus der Perspektive eines Opfers dar. Das Fotobuch ist gespickt mit Fragmenten von Männerporträts (vermutlich des Täters), deren Gesicht und Herz herausgeschnitten, ausgekratzt oder collagiert wurden. In der Zerstörung des Gesichts treffen verschiedene Logiken der (Un-)Sichtbarkeit aufeinander: Die Bilder sind Zeugnisse ungebändigter Emotionen, von Schmerz, Zorn und der Tiefe seelischer Verwundungen, die der Übeltäter durch sein Handeln hinterlassen hat. Gleichzeitig wird dem Täter dadurch ein gewisser Identitätsschutz gewährt. In diesem Kontext lassen sich auch die handschriftlichen Bemerkungen als Rationalisierungsversuche verstehen. Sie fassen nicht nur die eigenen Gefühle in Worte, sondern bringen sogar Verständnis für den Peiniger auf.
Die Bilder des Videos sind ohne die Tonspur zunächst nicht mit ihrem Inhalt in Einklang zu bringen. Die Pieptöne einer Herz-Lungen-Maschine werden zum Pulsschlag des Werkes. Er überträgt sich auf die Zuschauer, saugt sie hinein und macht sie zum Teil der grausamen Erfahrung. Hier wird auch der schmale Grat sichtbar, auf dem die Betrachter zwischen Voyeurismus und Anteilnahme von der Erzählung angezogen und gleichermaßen abgestoßen werden. Die Aufnahme eines auf dem Rücken strampelnden Käfers gerinnt zum Sinnbild für die Interviewfragmente mit dem Täter. Dessen leugnende Worte, der magere Versuch einer Erklärung, seine Verteidigung werden zum Beweis seiner eigenen Schwäche.
Er wird zu einer mitleiderregenden Kreatur, die sich – wie der sich windende Käfer – den offensiven Fragen entzieht. Käfer, Fliegen, Spinnen und Schmetterlinge durchziehen Niemeyers Werk. Sie versinnbildlichen Angriff, Angst und Bedrohung. Ein Schwarm von Motten und Fliegen flattert aufgescheucht im Licht einer hellen Lampe, die eine Vergangenheit beleuchtet, welche, vom Staub der Jahre bedeckt, lieber vergessen worden wäre – aber nicht vergessen werden darf und kann. Erinnern müssen und nicht vergessen können treffen hier auf nicht erinnern wollen und verdrängen müssen. Auch ästhetisch spiegelt sich diese Zersplitterung der Erinnerung in den Fotografien und Aufnahmen wider.
Während das Buch Zerstörungskraft und Emotionen abbildet, wirkt das Video zum Ende hin bereits wie eine seelische Reinigung. Der Arzt-Brief zwischen den Aufnahmen im Fotoband markiert eine Zäsur, die im Video wieder aufgenommen wird – im Anschluss an den anhaltenden Sinuston ändert sich die Szenerie. Die Naturaufnahmen, die den gedichtartigen Monolog der Protagonistin im letzten Drittel des Films ummanteln, transformieren sich zu Zeichen der seelischen Heilung und des Über-den-Täter-und-das-Trauma-Hinauswachsens.
Indem Niemeyer den Blick auf ihre eigenen Familienbilder lenkt, stellt sie auch ihrem direkten Umfeld die schmerzhafte Frage „Warum habt ihr nichts bemerkt?“ und wirft die, einer Mahnung und Warnung gleich, zurück auf uns als Betrachter. So spinnt diese Arbeit die Fäden zwischen dem kindlichen Opfer von damals und der jungen Frau, die auf ihre Erinnerungen zurückblickt und den Mut hat, sich mit dem Täter zu konfrontieren. Sina Niemeyers Für mich – A Way of Reconciliation ist dergestalt ein Manifest der Stärke und steht sinnhaft als Ansporn und Monument der Hoffnung für die unzähligen stummen Opfer solcher Übergriffe.

Text anlässlich der Auszeichnung des Projektes „Für mich – A Way of Reconciliation“ von Sina Niemeyer, übernommen aus „gute aussichten 2018/2019 – junge deutsche fotografie“ (www.guteaussichten.org)

 

Sina Niemeyer
Für mich
Ceiba, Juni 2018
26,50 Euro, 30 Euro (signiert)
ISBN: 978-88-941960-5-4
ceibaeditions.com/store/books/fur-mich
oder per Bestellung an studio@sinaniemeyer.com

Video „Goodbye“
https://vimeo.com/282102242 Passwort: ignoscentia
www.sinaniemeyer.com

Anlaufstellen in Deutschland:
Hilfetelefon sexueller Missbrauch: 0800-22 55 530 (kostenfrei & anonym)
Beratungsstellen: hilfeportal-missbrauch.de
Sie möchten Ihre Geschichte erzählen?: aufarbeitungskommission.de

Anlaufstellen in Österreich:
gewaltinfo.at: Hilfe finden – Hilfsorganisationen – Gewalt bei Kindern

Anlaufstellen in der Schweiz:
www.kinderschutz.ch/de/ Sexualisierte-Gewalt.html

 

Die Fotografin Sina Niemeyer ist als Kind sexuell missbraucht worden, von einem Bekannten. Um ihre eigene Sprachlosigkeit als erwachsene Person zu überwinden, beginnt sie ihr inzwischen mehrfach preisgekröntes Fotobuchprojekt „Für mich – You taught me how to be a butterfly only so you could break my wings“. Und sie trifft den Mann, der ihr Leben zerstört hat, konfrontiert ihn mit seiner Tat und verarbeitet das Gespräch im Video „Goodbye“. Mit der künstlerischen Verarbeitung ihrer eigenen Geschichte will Sina Niemeyer den Missbrauch von Kindern und die Folgen aufzeigen, gesellschaftspolitisch etwas verändern und Kinder von heute wehrhafter machen.

„Als ich angefangen habe mit dem Buch oder überhaupt zu arbeiten, habe ich gemerkt: Ich war nie wütend. Alle Wut und Aggression habe ich immer nur an mir selbst ausgelassen.“ So schildert Sina Niemeyer den Einstieg in ihr Projekt mit alten Fotos des Täters: „Ich habe mir alles geholt, auch bewusst Gegenstände, mit denen ich mich selber früher verletzt habe, um diese Bilder zu zerkratzen und an ihnen meine Wut auszulassen.“ Sina Niemeyer hat erlebt, wovon nach offiziellen Zahlen der Polizei in Deutschland jährlich rund 16.000 Kinder betroffen sind: Sexuellen Missbrauch. Die geschätzte Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher. Sie liegt bei über 300.000 Kindern unter 14 Jahren. „Wenn ich damals in dem Alter so ein Buch in der Hand gehabt hätte, hätte mir das unheimlich geholfen, denn ich habe mich total alleine damit gefühlt, total unverstanden.“ Europaweit erleben laut der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) 18 Millionen Minderjährige sexuelle Übergriffe. Therapien für Täter sind Mangelware. Sina Niemeyer hat ihren Übeltäter Jahre später in einer therapeutischen Situation wieder getroffen. Weil die Therapeutin kurz den Raum verlassen musste, war sie mit ihm allein: „Das war für mich natürlich die schlimmste Vorstellung, eine meiner riesigsten inneren Ängste, ich habe aber begriffen: Ich bin jetzt erwachsen. Ich kann mich wehren. Ich kann schreien. Es ist jemand nebenan. Innerhalb von fünf Minuten habe ich mich total ermächtigt gefühlt und das war für mich ganz wichtig. Ich habe seine Schwäche und meine Stärke gefühlt.“

PeRu | Quelle u. a.: ARD1, Sendereihe „Titel, Thesen, Temperamente“