Willi, der Sohn der Autorin, steht in einem Konzertsaal ganz vorne an der Bühne, um den Musikerinnen und Musikern ganz nahe zu sein.

Sohn Willi scheint mit einem zusätzlichen Musik-Gen geboren zu sein.

aus Heft 4/5/2017 – Willis Insiderwissen
Birte Müller

Klassik für Kloppis

In Deutschland scheint es so zu sein, dass jede Stadt, die etwas auf sich hält, ein Großbauprojekt haben möchte, welches sich mindestens über ein Jahrzehnt hinzieht und auf jeden Fall vier Mal teurer als geplant werden muss.

Zehn Jahre lang jammerten hier die Hamburger über die Elbphilharmonie, aber seit sie nun endlich eingeweiht wurde, scheint alles Leid sofort vergessen. Voller Stolz blicken wir auf unser neues Konzerthaus, wie Eltern auf ihr ehemaliges Sorgenkind, welches trotz Schulverweis und schlechtester Prognosen eines Tages über den zweiten Bildungsweg ein Medizinstudium absolviert hat! Ich hatte das Gefühl, dass wirklich ALLE die Fernsehübertragung der Einweihungsfeierlichkeiten verfolgten, selbst die größten Musikmuffel. Wir zeichneten die Veranstaltung lediglich für unseren Sohn Willi auf. Willi ist auch der Grund, warum ich bei den vielen Berichten und Lobpreisungen der Elbphilharmonie immer ein schweres Herz bekomme. Ich höre unseren Bürgermeister ständig „Musikstadt Hamburg“ sagen, alle Welt bejubelt den positiven Einfluss klassischer Musik auf das ganze Leben und unsere Elbphilharmonie soll ALLEN Menschen in Hamburg Klassik näherbringen!

Musik-Gen

Ich habe durch Willi ein Kind zu Hause, das klassische Musik auch jetzt schon liebt – und nicht etwa wegen der Elbphilharmonie oder weil wir es so bombastisch musikalisch gefördert hätten, sondern ganz aus sich selbst heraus. Willi scheint mit einem zusätzlichen Musik-Gen geboren zu sein. Eine von Willi ersten kommunikativen Fähigkeiten war es, uns zu zeigen, dass er „Peter und der Wolf“ hören wollte: Er brachte uns die Bildkarten Vogel, Katze UND Hund (für Wolf). Als er selbst einen einfachen Kinder-MP3-Player bedienen konnte, erkor er – neben einer Menge Kinder- und Blasmusik – Camille Saint-Saëns Karneval der Tiere, Tschaikowskis Nussknacker und dann Bachs Weihnachtsoratorium zu seinen Lieblingsstücken. 

Ein Klassik-Fan

Heute – mit zehn Jahren – wählt Willi, wenn er Fernsehen schauen darf, nicht mehr Shaun das Schaf, sondern Konzertaufzeichnungen. Ein Bachkonzert für Bläser in der Dresdner Thomaskirche haben wir gefühlte tausend Mal gesehen und es wurde jetzt durch einige Cellokonzerte (wieder Saint-Saëns und diesmal noch Brahms) und seit neuestem durch ein Neujahrskonzert von Mariss Jansons mit den Wiener Philharmoniker abgelöst. Ihnen sagt das nicht viel? Mir früher auch nicht, ich lerne Klassik erst durch Willi kennen und weiß jetzt, dass ich wohl nie ein großer Strauß-Fan werde, so wie Willi – aber Tschaikowskis Serenaden für Streicher lieben wir beide.

Eine fremde Mutter, die Willi nicht kennt und von seiner Faszination zur klassischen Musik hörte, fragte mich unverhohlen neidisch, welche Instrumente mein Sohn denn wohl spiele. Als sie dann hörte, dass Willi schwer geistig behindert ist, hielt sich der Neid wieder in Grenzen. 

Willi kann nicht sprechen oder allein zur Toilette gehen und ganz bestimmt nicht Geige spielen. Und er kann sich leider auch nicht besonders gesellschaftskonform in Konzerten verhalten. Bei Wagners Ritt der Walküren stillzusitzen, ist für ihn schlichtweg unmöglich und er jauchzt und frohlockt im Weihnachtoratorium, wofür nicht viele Leute Verständnis haben – selbst wenn der Chor vorne genau genommen dazu aufruft! Und deswegen frage ich mich: Wird die Elbphilharmonie wirklich für ALLE Menschen da sein, selbst für so einen, wie meinen Sohn, für den ich keine Verhaltensgarantie abgeben kann? 

Keine bösen Blicke

Einen der schönsten Tage unseres Lebens schenkte uns das NDR-Sinfonieorchester an dessen 70. Geburtstag mit einem Tag der offenen Tür! Mir liefen die Tränen über die Wangen vor Glück dort im großen Saal: Das Orchester spielte Dvořák und Willi war mit jeder Faser seines Körpers Teil der Musik. Um uns herum ernteten wir keine bösen Blicke, sondern nur erfreutes Lachen, wenn Willi vor Begeisterung und Erregung zwischen den Stücken laut aufschrie! So etwas passiert einem aber nur bei freiem Eintritt! Es kann auch ganz anders laufen. Willi ist eigentlich nur laut, solange noch keine Musik spielt. Aber da Willi es hasst, wenn man ständig „Psst Psst“ in sein Ohr zischt, eskaliert die Situation oft noch, bevor das Konzert beginnt.

Und letzten Dezember sind wir von einem Mitglied des Kirchenorchesters gebeten worden, nicht noch einmal das Weihnachtoratorium mit Willi zu besuchen, da er zu sehr stören würde. Die Musikerin konnte sich nicht konzentrieren. Es handelte sich dabei übrigens um eine Kindervorführung! Ich war nicht in der Lage zu erklären, dass Willi nur deswegen so ungehalten war, weil das Stück ständig durch einen Erzähler unterbrochen wurde und vor allem, weil es UNVOLLSTÄNDIG gespielt worden war. Ich konnte einfach nur weinen.

Elbphilharmonie für alle?

Wie exklusiv wird die Elbphilharmonie sein? Sind wir mit Willi dort willkommen? Trauen wir uns überhaupt jemals mit ihm dort hin? Oder müssen wir warten, bis es die Konzertreihe „Klassik für Kloppis“ gibt, wo dann vielleicht auch noch demente Menschen, psychisch Kranke und andere Außenseiter erwünscht sind? Wie viel Inklusion kann ich meinen Mitmenschen zumuten? Immerhin haben sie viel Geld für Konzertkarten bezahlt. Wir allerdings dann auch.

Tatsächlich habe ich Verständnis dafür, dass andere Menschen sich ganz ungestört in die Musik versenken wollen. Und wie viel Unruhe kann ich eigentlich den Musikern zumuten? Es gilt hier dasselbe Prinzip wie bei der schulischen Inklusion: Behinderte Menschen dürfen gerne dabei sein, solange sie „die anderen“ nicht einschränken.

Wir sind erwünscht

Es klingt vielleicht etwas absurd, aber für uns ist es Inklusion, dass es ab und zu Veranstaltungen gibt, die extra für Menschen wie Willi angekündigt sind. Dahin traue ich mich. Dort haben wir die Garantie, dass wir erwünscht sind, ich bin nicht angreifbar und verletzbar. So kann Willi die Anfahrt, den Konzertsaal und die fremden Toiletten kennen lernen. So können wir überhaupt nur üben, ins öffentliche Konzert zu gehen. 

Und solange nicht behinderte Menschen ebenfalls in die Vorstellung dürfen, ist es doch eigentlich immer noch eine inklusive Vorstellung, oder? 

Tatsächlich weiß ich, dass sich nur wenige Menschen, die mit dem Thema Behinderung nichts zu tun haben, in eine solche Veranstaltung begeben. In der Elbphilharmonie hätte man da mal die einzigartige Möglichkeit, das zu verändern: Alle Behindertenvereine, Wohngruppen, Förderschulen usw. bekommen ein Vorkaufsrecht. Der Rest der Karten geht auf den freien Markt und sie werden garantiert verkauft, es ist ja ALLES ausverkauft in der Elbphilharmonie. Nun ergibt sich die einzigartige Möglichkeit für eine große Gruppe „normale Menschen“ zu erfahren, mit wie viel Begeisterung man klassische Musik erleben kann – und wie es ist, wenn 500 Leute zusätzlich dirigieren. Man darf sich dann fragen, ob es wirklich normal ist, zu wunderschöner Musik die ganze Zeit stillzusitzen, nicht zu tanzen und nie Zwischenapplaus zu geben. Das wäre für alle ein großes Erlebnis!

Schweige- oder Spießervorführungen

Das Ganze wiederholt man so oft, bis es alle gewohnt sind und man muss nicht mehr extra dran schreiben, dass auch Menschen mit Besonderungen kommen dürfen. Man könnte ab und zu spezielle Schweige- oder Spießervorführungen einschieben. Aber im Laufe der Jahre würden wir diese Menschen auch noch in unsere bunte Gesellschaft inkludiert bekommen, selbst wenn das ein langer, sehr langer Prozess werden dürfte. Aber man darf ja wohl noch Träume haben!

Nachtrag: Willi hat mittlerweile von der Elbphilharmonie eine Einladung zu einer Konzertprobe bekommen!