Schwarz-Weiß-Luftaufnahme einer schmalen Straße, die sich in zahlreichen engen Kurven und Kehren einen steilen, felsigen Berghang hinaufzieht. Im unteren rechten Bildbereich ist ein Auto auf einer der Kehren zu sehen; weitere Straßenabschnitte verlaufen durch die karge Landschaft.

Sinn-Bild® Nr. 138

Foto: © Tony Hofmann
aus Heft 3/2026 – Serie
Barbara Schmitz

Autonomie und Einsamkeit

Die Förderung von Autonomie ist ein wichtiges Ziel für Menschen mit Behinderung, gerade weil es lange vernachlässigt wurde. Doch der einseitige Fokus darauf kann auch zu Problemen führen. Unsere Gesellschaft weist bereits eine sehr starke Betonung von Autonomie auf. Es stellt sich die Frage, ob solche Gesellschaften auch zur Vereinsamung neigen. Wie hängen Autonomie und Einsamkeit zusammen? Und was bedeutet dieser Zusammenhang für Menschen mit Behinderung?

Um die Frage zu beantworten, muss zwischen verschiedenen Formen von Autonomie unterschieden werden. Mindestens vier Formen lassen sich unterscheiden: Autonomie kann erstens Selbstbestimmung bedeuten, zweitens Unabhängigkeit, drittens die Fähigkeit zur Kreativität und viertens zum Selberdenken. Alle vier Fähigkeiten sind für Menschen mit Unterstützungsbedarf relevant. Sie können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und lassen sich zwar fördern, aber nicht immer maximieren. Sie tragen für alle Menschen zu einem guten Leben bei, haben aber auch Schattenseiten, die sich besonders beim Thema Einsamkeit zeigen.

Wie verhalten sich die vier Formen der Autonomie zur Einsamkeit? Die Fähigkeit, selbst zu bestimmen, ist für alle Menschen sehr wichtig, schützt sie doch vor Paternalismus. Selbstbestimmung wirkt auf der einen Seite der Einsamkeit entgegen, denn Fremdbestimmung kann Einsamkeit erzeugen. Wer sich beispielsweise nicht aussuchen kann, wie er lebt und mit wem er zusammenlebt, läuft Gefahr, sich in seiner Wohnsituation einsam zu fühlen. Selbstbestimmung kommt in verschiedensten Formen vor und spielt auch bei alltäglichen Entscheidungen eine wichtige Rolle. Auf der anderen Seite kann eine Überbetonung von Selbstbestimmung dazu führen, dass keine Kompromisse gemacht werden, sodass der Mensch nur sich und seine Wünsche sieht. In diesem Fall würde Selbstbestimmung auch zur Einsamkeit beitragen. Selbstbestimmung ist keine Super-Fähigkeit, wie manchmal angenommen wird, sondern sollte eher im Zusammenhang mit anderen Bedürfnissen und Fähigkeiten des Menschen gesehen werden.

Unabhängigkeit ist ebenfalls einerseits sehr positiv, denn Abhängigkeiten können Einsamkeit erzeugen. Andererseits besteht auch hier die Gefahr, dass ein zu starker Fokus auf Unabhängigkeit zur Vereinsamung führt. Wird bei der Wohnsituation vor allem auf Unabhängigkeit geachtet, kann es schnell zur Vereinsamung kommen. Ein zu starker Fokus darauf verkennt den Wert von Gemeinschaft. Und jede Gemeinschaft, die mir wichtig ist, beinhaltet auch eine Form von Abhängigkeit, schon allein, weil mir die anderen in der Gemeinschaft etwas bedeuten.

Die dritte Form von Autonomie ist Kreativität. Ihr Verhältnis zur Einsamkeit ist weniger spannungsreich. Kreativität kann ein Weg sein, um mit Einsamkeit klarzukommen. Viele Künstler der Gegenwart und Vergangenheit haben ihr Werk geschaffen, indem sie sich mit einer existenziellen Einsamkeit auseinandergesetzt haben. Manche Menschen, die sehr kreativ sind, brauchen die Einsamkeit, um sich künstlerisch zu betätigen. Kreativ zu sein bedeutet manchmal auch, allein zu sein, weil man sich von den geltenden Maßstäben und Normen der Gesellschaft entfernt, um eine ganz neue Sicht zu entwickeln. Dazu bedarf es dann auch einer inneren Einsamkeit, die diese Kreativität ermöglicht. Für Menschen mit Behinderung können kreative Ausdrucksweisen ein wichtiger Teil ihrer Autonomie sein und zu einem guten Leben beitragen. Gerade wenn die Behinderung auch als eine Art Einsamkeit erlebt wird, können kreative Gestaltungsmöglichkeiten einen neuen Zugang zu anderen verschaffen.

Die vierte Form von Autonomie ist diejenige, die in der Philosophie gewöhnlich am meisten betont wird: das Selberdenken. In der philosophischen Debatte werden die Kriterien dafür, wann von einem autonomen Denken gesprochen werden kann, jedoch oft sehr hoch angesetzt. So hoch, dass man sich fragt, wer diese überhaupt erfüllen kann. Liegen die Maßstäbe aber so hoch, werden Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung von vornherein von dieser Form der Autonomie ausgeschlossen. Gerade hier ist es deswegen notwendig, dass man sich von philosophischen Vorurteilen befreit und Selberdenken als eine Fähigkeit versteht, die ganz unterschiedliche Facetten haben kann. Selberdenken kann sich dann in unterschiedlichen Willensäußerungen und Reaktionen auf die Außenwelt spiegeln. Hier ist von anderen vor allem Respekt vor der Art und Weise gefragt, wie sich Menschen mit Behinderung ihrer Außenwelt nähern.

Selbst zu denken kann einerseits von Einsamkeit befreien, denn es kann mir eine innere Sicherheit geben, mich an meinen Urteilen zu orientieren. Dadurch kann ich mich anderen auch besser nähern. Andererseits kann sich im Selberdenken auch zeigen, wie sehr ich mich von anderen unterscheide. Das wiederum kann zu einem Gefühl des Andersseins und damit zur Einsamkeit führen.

An dieser Stelle sieht man, dass Autonomie ein Vermögen ist, das mit der sozialen Natur des Menschen in Konflikt geraten kann. Wer völlig autonom sein will, neigt dazu, seine sozialen Beziehungen zu vernachlässigen. Er läuft dann Gefahr, Einsamkeit radikal zu erfahren.

Wenn wir aber beides zusammendenken – die Autonomie des Menschen und seine soziale Natur –, so kann ein gutes Leben am besten gelingen. In gewisser Weise sind Menschen mit Behinderung hier sehr gute Lehrmeister, denn sie zeigen, wie verschiedene Seiten des Menschseins in Übereinstimmung zu bringen sind. Ich bewundere an meiner Tochter Carlotta, wie wichtig ihr einerseits die Selbstbestimmung ist und wie sie diese bei vielen Entscheidungen lebt. Andererseits ist sie sehr auf andere Menschen bezogen und erlebt mit ihnen tiefe Verbundenheit.

Im politischen Kontext ist es sehr wichtig, die Verbindung zwischen Autonomie und Einsamkeit zu beachten. Wird nur die Autonomie gefördert, so kann weitreichende Vereinsamung die Folge sein. Der Fokus vieler Ansätze liegt auf der Förderung der Autonomie, worin sich auch der momentane Zeitgeist spiegelt. Doch Autonomie und Einsamkeit müssen zusammengedacht werden, damit bei verschiedenen Maßnahmen immer wieder gefragt wird, ob sie zusätzliche Einsamkeit erzeugen und wie einer Vereinsamung vorgebeugt werden kann.

Ich habe in den letzten Monaten öfter gemeinsam mit Menschen mit Behinderung Vorträge zum Thema Einsamkeit gehalten. Dabei zeigte sich, dass sie eine Bedrohung durch Einsamkeit sehr stark wahrnehmen. Social Media spielt dabei eine wichtige Rolle, denn der häufige Gebrauch des Internets lässt den Fokus auf die reale Welt verschwinden – im Internet aber ist man letztlich allein.

Gleichzeitig sind Menschen mit Behinderung aber auch sehr klar in ihren Äußerungen, was das Gegenteil von Einsamkeit angeht. Eine junge Frau sagte mir: „Das ist Geborgenheit.“ Vielleicht brauchen wir nicht nur eine Kultur, die die Autonomie von Menschen fördert, sondern auch eine, die Geborgenheit ermöglicht. In einer Zeit, in der wir alle vielfältigen Bedrohungen ausgesetzt sind, sind Inseln der Geborgenheit umso wichtiger. Solche Inseln gemeinsam mit Menschen mit Unterstützungsbedarf zu suchen, kann eine sehr erfüllende Aufgabe sein. Carlotta zeigt mir immer wieder, wie viel Kraft man aus solchen Inseln ziehen kann.

Autorin:

Barbara Schmitz, geboren 1968, ist habilitierte Philosophin. Sie lehrte und forschte an den Universitäten in Basel, Oxford, Freiburg i. Br., Tromsø und Princeton. Sie unterrichtet heute in Basel und wohnt mit ihrer Tochter Carlotta nahe dieser Stadt. In ihrem gerade erschienenen Buch „Offenheit und Berührbarkeit. Neue Wege zu Verletzbarkeiten und Resilienz“ erkundet sie, welche Rolle Verletzbarkeit im menschlichen Leben spielt. In dieser Serie wird sie auf Facetten der Berührbarkeit näher eingehen.

E-Mail: barbara.schmitz@unibas.ch