Eine weiße Büste mit Kopf und Oberkörper steht vor einem Bücherregal. Die dargestellte Person hat kurze Haare und blickt leicht zur Seite; im Hintergrund sind zahlreiche unterschiedlich große und farbige Bücher zu sehen.

„Der Kopf der Allgemeinen Heilpädagogik?“ Selbst als Plastik antwortet Markus Dederich auf diese Frage mit einem Schmunzeln.

Foto: © Ella Kraugmann
aus Heft 3/2026 – Denkanstöße
Philipp Seitzer

Der Kopf der Allgemeinen Heilpädagogik oder „die Markus- Reduktion“

Als Markus 60 Jahre alt wurde, haben wir, sein damaliges Lehrbereichs-Team, ihm zu Ehren eine Büste anfertigen lassen. Nachdem die Manufaktur die ersten Entwürfe zugesandt hatte, betrachteten wir den Kopf der Allgemeinen Heilpädagogik genauer: Stimmen die Proportionen der Gesichtszüge? Der Haaransatz? Die Hautalterung? Diesen Fragen liegen wohl ganz ähnliche Probleme zugrunde wie der Aufgabenstellung dieses Aufsatzes: Wie kann man Materie (in diesem Fall Text) so formen, dass darin ein Mensch – oder vielmehr: das, was er einem bedeutet – wiederzuerkennen ist?

Damals war es einfacher, denn letztendlich beabsichtigten wir weniger die Linie seiner Nase als seinen Humor zu treffen. Und die Büste war eine sichere Nummer, denn es gäbe keine unpassendere Form, Markus’ Lebenswerk zu würdigen, als seinen Kopf in Gips zu gießen. Wenn mein Kollege Robert und ich unsere Lieblingsbücher von ihm manchmal als „Markus-Evangelium“ bezeichnen, liegt hier der gleiche Witz zugrunde. Zweifellos wird das, was Markus gedacht und aufgeschrieben hat, seine Wirkungsgeschichte entfalten und auch bei mir weiter Kreise ziehen. Am Ende ist es aber kein Lehrsystem, sondern sein Denken selbst, das fortwirken wird. Dieses bleibt gerade deshalb organisch und lebendig, weil es nie in Stein gemeißelt daherkommt.

Vielleicht müsste man dieses Denken also beschreiben. Wie es sich stets großzügig mitteilt, ohne sich je aufzudrängen. Wie es der Entwicklung der eigenen Gedanken mit interessierter Offenheit und geduldiger Zurückhaltung Raum lässt. Wie es immer zum Mitdenken einlädt, indem es am verwundbaren Prozess seiner Entstehung teilhaben lässt. Wie es sich dennoch durch Witz, Scharfsinn und Pointierung elegant, fast formvollendet, ausdrückt. Wie es nie widerspricht, nur um andere Positionen zu diskreditieren, sondern vielmehr, um die Widersprüchlichkeit selbst zu würdigen. Wie es immerzu die Randbereiche des Denkens aufsucht, dorthin geht, wo es unscharf, spannungsreich und überschüssig wird. Und wie es trotz aller Höhenflüge nie die Bodensicht verliert.

In der Phänomenologie gibt es eine Methode, der Markus meines Erachtens eine ganz eigene Prägung gegeben hat: die Reduktion. Der Begriff meint nicht, dass man, wie im Alltagsgebrauch verstanden, „weniger aus etwas macht“ oder „etwas auf das Wesentliche herunterbricht“. Die phänomenologische Reduktion schließt an zwei andere Begriffsbedeutungen an: Erstens geht es um eine Rückführung (re-ducere). Konkret wird das, was jemand wahrnimmt, auf die Zugangsart zurückgeführt, also darauf, wie es wahrgenommen wird. Denn ebenso, wie es einen Unterschied macht, ob etwas mit bloßem Auge gesehen oder erträumt wird, macht es auch einen, ob Wissenschaftler:innen sich einer Sache mit dem Blick der Empirie oder einer bestimmten Theoriebrille nähern. Zweitens meint Reduktion Eingrenzung. Es ist die Reichweite einer wissenschaftlichen Einsicht, die in die Schranken gewiesen werden muss. Sie ist auf den Bereich zu reduzieren, über den man mit einer bestimmten Zugangsart etwas aussagen kann. Denn das Traumbild der Wohnung meiner Kindheit ist mit ihrer Wirklichkeit ebenso wenig zu verwechseln wie die exakte Bauzeichnung der Architektin. Es handelt sich bei diesem Beispiel um verschiedene „Wahrheitsräume“. In der Phänomenologie werden diese als „ontologische Regionen“ bezeichnet, weil sie sich nicht nur nach ihren äußerlichen Merkmalen, sondern in der Grundstruktur ihres „Seins“ unterscheiden: Eine Bauzeichnung kann man nicht bewohnen, und die maulwurfsbauartige Struktur der Traumlandschaft hat eine ganz andere Räumlichkeit als eine „echte“ Wohnung.

Das Problem an wissenschaftlichen Theorien und empirischen Studien ist, dass auch diese häufig einen ganz eigenen „Wahrheitsraum“ bewohnen. Von der Loslösung der Theorie von der Erfahrungswirklichkeit kann eine berauschende Freiheit ausgehen, die vor allem junge Doktorand:innen leicht zu Höhenflügen verlockt. In der Abstraktheit des Denkens weicht die Behäbigkeit der wirklichen Verhältnisse der Beweglichkeit und Gliederbarkeit der Worte. Allerdings werden begriffliche Abstraktionen in dem Maße, in dem sie sich von der Erfahrungswirklichkeit entfernen, zunehmend zu hohlen Worthülsen, die sich formelhaft aneinanderreihen. „Leeres Wortgeraschel“ – so nannte Markus das einmal.

An dieser Stelle schafft die Markus-Reduktion nicht nur Klarheit, sondern führt das Denken dorthin zurück, wo es wirklich interessant wird. In einer einfachen Frage vereinen sich die beiden methodologischen mit der umgangssprachlichen Bedeutung des Reduktionsbegriffs: „Worum geht es hier eigentlich noch mal?“

An Markus’ Denkstil bewundere ich besonders, nie um eine klare Antwort auf diese Frage verlegen zu sein. Und wann immer Markus diese Frage in den Raum warf, konnte man dem Glasperlenspieler der phänomenologischen Heilpädagogik anschließend bei der Arbeit zusehen. In diesen Momenten habe ich von Markus besonders viel gelernt.

Als sein Mitarbeiter hatte ich die beste Zeit, mindestens meines Berufslebens. Die zugleich entfesselnde, erdende und aufregende Wirkung der Markus-Reduktion werde ich darunter ganz besonders für mich bewahren. Denn während Markus hoffentlich unbehelligt seinen wohlverdienten Ruhestand genießt, werde ich zumindest durch diese Frage mit ihm im Gespräch bleiben.

Das Lächeln, aus dem eine wissende Gelassenheit spricht und das fast buddhistisch anmuten könnte – wenn man nicht wüsste, dass es ebenso Vorbote der nächsten treffsicheren und spitzen Bemerkung ist –, haben wir mit der Büste übrigens sehr gut getroffen. Ich wünsche Markus, dass er seinem Ruhestand mit ebendiesem Lächeln entgegensieht.

Autor:

Dr. Philipp Seitzer ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Allgemeinen Heilpädagogik an der Universität zu Köln tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wissenschafts- und professionstheoretische Fragen der Heil- und Inklusionspädagogik, phänomenologische Erziehungswissenschaft, Vulnerabilität als pädagogische Reflexionskategorie und Verflechtungen von Körperlichkeit und Sprachlichkeit.

philipp.seitzer@uni-koeln.de