Ein lächelnde Frau mittleren Alters mit langem, dunklem Haar sitzt in einem grünen Garten.

Birgit Stangl lebt seit über 30 Jahren mit Multipler Sklerose. Sie findet ihr Leben lebenswert, kann die Argumente für selbstbestimmtes Sterben aber nachvollziehen.

Foto: privat
Blickwinkel
Peter Rudlof

„Ich bin ein lebensfroher Mensch“

Birgit Stangl lebt seit 1988 mit Multipler Sklerose, seit 2000 hat diese einen progredienten Verlauf. Mittlerweile kann sie nur noch ihren Kopf bewegen. Sie empfindet die aktuelle Diskussion in Österreich um die Sterbehilfe als einen großen Fortschritt, obwohl sie diese für sich selbst nicht in Betracht zieht.

Das Thema Sterbehilfe wird nicht mehr tabuisiert und es findet ein breiter gesellschaftlicher Diskurs darüber statt. Das gefällt Birgit Stangl und sie findet es wichtig: „Ich kann die Bedenken der Gegner der Sterbehilfe verstehen, bin jedoch froh, dass der Verfassungsgerichtshof das Verbot des assistierten Suizids als verfassungswidrig aufgehoben hat,“ meint die 53-jährige Steirerin. Vor 30 Jahren wurde sie mit der Diagnose Multiple Sklerose konfrontiert. Am Anfang hatte die zweifache Mutter von nunmehr erwachsenen Kindern wenig Beschwerden. Heute kann sie nur mehr den Kopf bewegen und ist rundum auf Hilfe angewiesen. „Ich bekomme ausreichend Unterstützung, sowohl privat als auch von staatlicher Seite in Form von persönlicher Assistenz“ schildert Birgit Stangl und beschreibt ihr Leben als schön. Sie wohnt in einem Haus mit Garten in der Nähe von Graz und lebt in gutem Einvernehmen mit ihren Eltern, Kindern und ihrem Ex-Mann.

Zufrieden mit dem Leben
Ihre berufliche Tätigkeit musste Birgit Stangl 2006 aufgeben. Diesem Umstand konnte sie durchaus auch etwas Positives abgewinnen: Sie hatte mehr Zeit für ihre Familie. Generell würde sie sich als zufriedenen Menschen bezeichnen. Es hat vor ihrer Erkrankung viele Momente des Glücks gegeben und die gibt es auch heute. Vor kurzem hat sie ihr Studium „Angewandte Ethik“ erfolgreich beendet. Nun möchtet sie im Rahmen des Ethikunterrichts Stunden gestalten und mit Schülerinnen und Schülern über ethische Fragen diskutieren – auch über die Sterbehilfe. „Ich würde erklären, was Sterbehilfe bedeutet, die verschiedenen Arten der Sterbehilfe voneinander abgrenzen, Argumente pro und kontra Sterbehilfe besprechen und ausführen, welche Werte in Widerspruch zueinander stehen: nämlich auf der einen Seite das Recht auf Selbstbestimmung und auf der anderen der Lebensschutz“. Corona hat ihr vorerst einmal dieses Projekt vereitelt.

Selbstbestimmtes Sterben
Für Birgit Stangl selbst kommt Sterbehilfe nicht in Betracht, sie teile aber die Ansicht, „dass aus dem Recht auf selbstbestimmtes Leben auch das Recht auf selbstbestimmtes Sterben abzuleiten ist und letzteres die Freiheit einschließt, sich das Leben zu nehmen oder dafür die Hilfe Dritter zu nützen“. Natürlich soll alles unternommen werden dürfen, „Sterbewillige umzustimmen, und das Recht auf Sterben sollte an Bedingungen geknüpft werden, wie Gespräche mit Psychologinnen und Psychologen, damit gewährleistet ist, dass der Sterbewunsch dauerhaft und wohl überlegt ist und nicht einer momentanen Lebenskrise entspringt oder der Angst, anderen zur Last zu fallen. In letzter Konsequenz aber sollte ihre freie Entscheidung akzeptiert werden.“

Was ist Würde?
Beim Thema Sterbehilfe ist immer von Sterben in Würde die Rede. Doch was bedeutet das? Bei der Suche nach Antworten ist es Birgit Stangl wichtig, darauf hinzuweisen, dass „das individuelle bzw. subjektive und das objektive Würdeverständnis weit auseinanderklaffen können und die Lösung nicht darin bestehen sollte, allen Menschen ein einheitliches Würdeverständnis aufzuzwingen“. Sie weist auf den Beitrag „Ein Recht auf den Tod“ in der ORF-Sendereihe „kreuz und quer“ hin. Darin kam Nikola Göttling zu Wort, sie sitzt im Rollstuhl und hat ebenfalls Multiple Sklerose. Derzeit kann sie noch beide Hände mit Einschränkungen bewegen, hat jedoch Angst vor dem Moment, wo das nicht mehr möglich ist. Sie fungierte bei der öffentlichen Verhandlung vor dem Verfassungsgerichtshof zum Thema Sterbehilfe als Auskunftsperson und brachte ihr Würdeverständnis so auf den Punkt. „Für sie wäre es entwürdigend, wenn sie gefüttert und gewickelt werden müsste,“ meint Stangl – der Begriff Würde sei also durchaus unterschiedlich zu interpretieren.
Abseits der Diskussion um Sterbehilfe ist der Begriff Würde für sie eng mit Autonomie und Respekt verbunden. „Ich suche mir meine PflegerInnen und AssistentInnen selbst aus, kann meinen Tagesablauf selbst bestimmen. Wir behandeln einander mit Respekt und dank deren Hilfe fühle ich mich auch in meiner Autonomie nicht so eingeschränkt“, erzählt sie im Interview mit der Zeitschrift „Abenteuer Philosophie“ (Nr. 157).

Kraft und keine Angst
Birgit Stangl nimmt – unterstützt von einer 24-Stunden-Hilfe und mehreren Assistentinnen – so gut sie kann am Leben teil. Sie liebt es, ins Konzert oder Theater zu gehen, Karten zu spielen und in der Natur zu sein. Kraft schöpft sie aus ihrer Liebe zu ihren Kindern und aus einem Kreis lieber Menschen um sie herum: „Meine Eltern, meine Schwester und wirklich gute Freunde, die alle für mich da sind und mich unterstützen.“ Sie freut sich, mit ihrem Lebensmut anderen Menschen Kraft geben zu können. Auf die Frage, ob sie Angst vor der Zukunft habe, antwortet sie: „Ich bin ein lebensfroher Mensch und habe eigentlich vor nichts Angst.“