Die Grafik zeigt das Wort CORONA, wobei das zweite 'O' mit der daruntergestellten Ziffer 2 zum chemischen Zeichen O₂ für Sauerstoff wird.

Franz-Joseph Huainigg beschreibt in seinem Kommentar, wie er die Corona Krise (üb)erlebt hat, wie Menschen mit Behinderungen in den Medien dargestellt wurden und was wir aus der Krise lernen können. Grafik: Eva Gugg

Coronakrise

Corona ist eine Zumutung für die Inklusion

12. März, das Telefon läutet in meinem Büro. Es kommt die Anweisung, dass ich ab sofort auf Homeoffice umgestellt werde. Ausnahmezustand im ORF. Wie ich erfahre, werden ziemlich alle Kolleginnen und Kollegen ins Homeoffice geschickt.

Das Coronavirus hat das Land erfasst und alle sind stark verunsichert, keiner weiß, was in den kommenden Wochen passieren wird. Am Montag darauf sind wir als ganze Familie zu Hause in Quarantäne. Auch meine Frau ist im Homeoffice und unsere beiden Kinder haben Homeschooling. Nur Judit, meine Frau, verlässt die Wohnung und geht immer wieder einkaufen. Was ich damals noch nicht wusste, war, dass ich die kommenden zwei Monate zu Hause verbringen werde. Zum Glück haben wir auch einen Garten, wo ich mein Homeoffice aufschlage. Zu Hause „eingesperrt“ – für mich eine Herausforderung, da ich Gespräche und das Miteinander brauche. Ich kämpfe seit Jahren nicht nur für Inklusion, sondern lebe sie auch.

Wie gefährdet bin ich, sind wir?

Bin ich mit meiner künstlichen Beatmung besonders gefährdet? Verunsichert rufe ich meine Vertrauensärztin im Otto-Wagner-Spital auf der Lungenstation an. Sie beruhigt mich, da ich keine Vorerkrankungen habe und die Lunge gesund ist. „Meine künstliche Beatmung stellt durch das abgeschlossene Luftsystem eher einen Schutz vor Ansteckungen dar.“ Das ist einerseits beruhigend, andererseits lebe ich auch mit der Unterstützung von zehn Persönlichen Assistentinnen. Ich berate mich mit Judit und den Assistentinnen, wie wir die kommenden Wochen gemeinsam überstehen können. Denn ohne Assistentinnen hätten wir ein großes Problem. Ich telefoniere mit Freunden und Freundinnen, die auch behindert sind und mit persönlicher Assistenz leben. Die Vorgangsweise ist unterschiedlich: Einige haben das Assistentinnen-Team auf zwei Personen reduziert, während des Dienstes müssen sie Masken tragen und es wird regelmäßig Fieber gemessen. Andere haben ihr Assistentinnen-Team in zwei Gruppen geteilt, hat eine der beiden Gruppen Corona, springt die zweite Gruppe ein und dann nach zwei Wochen wieder umgekehrt. Und dann gibt es noch jene, die ganz auf Assistenz verzichten und zurück zu ihren Eltern aufs Land gezogen sind. Ich rede mit meinen Assistentinnen, wie wir das machen können. Zum Glück will das gesamte Team weiter machen, was mich sehr berührt hat und Halt gibt. Wir teilen das Team nicht, aber es entstehen von selbst Blockdienste für einzelne Assistentinnen. Beim Absaugen und Katheterisieren werden Masken getragen und natürlich gilt während des gesamten Dienstes Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen. Ich kaufe im Internet eine Rosenhandsalbe für die zahlreichen strapazierten Arbeitshände durch das Viele-Hände-Waschen und Desinfizieren, denn trotz Corona soll es ja auch ein bisschen Wellness geben ☺ 


Behindert ist aber nicht immer gleich Risikogruppe


Im ORF funktioniert das Homeoffice sehr gut. Es geht darum, die vielen Sondersendungen und Pressekonferenzen barrierefrei mit Untertitelung und Gebärdensprachdolmetschung zu senden. Auch ORF III nimmt das im Dezember erprobte Format der TV-Nachrichten in einfacher Sprache wieder auf und bringt täglich um Uhr 19:25 Meldungen in einfacher Sprache.  Das erscheint mir besonders wichtig, da viele Menschen mit Lernbehinderungen verunsichert und einsam zu Hause sitzen und die so plötzlich veränderte Welt nicht mehr verstehen. Es wird auch diskutiert, wie man Menschen mit Behinderungen in der Corona Krise gut und sichtbar darstellen kann. Allen Kolleginnen und Kollegen im ORF ist das Thema sehr wichtig. Immer wieder ist in den Gesprächen die Rede von Menschen mit Behinderungen als Risikogruppe. Ich argumentiere, das unbedingt differenziert zu sehen. Grundsätzlich ist man mit einer Behinderung nicht automatisch krank, wenn auch viele zusätzlich zur Behinderung Vorerkrankungen haben und damit zu einer Risikogruppe zählen. Behindert ist aber nicht immer gleich Risikogruppe! Das birgt die Gefahr in sich, dass man Menschen mit Behinderungen letztlich für alle Einschränkungen und Maßnahmen verantwortlich macht. Es heißt dann möglicherweise: „Für die müssen wir das alles machen.“ Ich sag auch immer wieder, dass man aufpassen muss, Menschen mit Behinderungen jetzt nur mehr als schutzbedürftige Gruppe darzustellen, denen man nur mit Mundschutz, Handschuhen und Abstand begegnen darf. Diese medialen Bilder würden sich stark in unser Gedächtnis einprägen und alle Bemühungen der letzten Jahre in Richtung Gleichstellung und gleichberechtige Teilhabe zerstören. Ich zitierte Kanzlerin Merkel, die im deutschen Bundesrat sagte: „Corona ist eine Zumutung für die Demokratie!!“ Auf Menschen mit Behinderungen umgeleg,t heißt das aus meiner Sicht: Corona ist eine Zumutung für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen! 


Bewusstseinsbildung über ORF

Jetzt haben wir Mitte Mai. Persönlich und gesundheitlich geht es mir gut. Bisher ist niemand von uns an Corona erkrankt und ich bin durch das Homeoffice im Garten so braun wie noch nie. Im ORF wird seit Anfang Mai die Situation von Menschen mit Behinderungen in der Krise in allen Sendeformaten vermehrt dargestellt und thematisiert. Viele Themen wurden angesprochen, wie zum Beispiel die Herausforderungen, dass Tagesstrukturen und Werkstätten geschlossen waren und es lange keinen Zeitplan für eine Wiederöffnung gab oder dass einige Wohngruppen aufgrund von Covid-19 Erkrankungen der Betreuerinnen und Betreuer geschlossen werden mussten. Ebenso schwierig war die Situation für Kinder im Homeschooling – inklusiver Unterricht und Sonderpädagogik sind nur sehr schwer umsetzbar. Sowohl das als auch Möglichkeiten, wie Inklusion nach der Schulöffnung aussehen kann, wurden vom ORF in Beiträgen im Zuge des Inklusionsschwerpunktes aufgegriffen. Zudem widmeten sich Redakteurinnen und Redakteure den Themen, wie blinde Menschen in Zeiten wie diesen leben, die viel angreifen und ertasten müssen und den Abstand zu anderen nur schwer einschätzen können, welche Probleme gehörlose Menschen haben, wenn alle Menschen Mundschutz tragen und sie nicht mehr die Lippen ablesen können oder wie ein selbstbestimmtes Leben mit Persönlicher Assistenz auch in Corona-Zeiten weiter geführt werden kann. Ö3 initiierte das Team Österreich, bei dem sich jede und jeder freiwillig melden konnte und durch ziviles Engagement in der Quarantäne-Zeit beispielsweise Menschen mit Behinderungen durch Einkaufshilfen unterstützen konnte. Inklusion in allen Kanälen und allen Sendeformaten. Inklusion wie wir sie uns wünschen.

Mehr Verständnis durch Corona?

Wenn Corona überstanden ist und das wird wohl leider noch einige Monate dauern, kann vielleicht die gemeinsame Erfahrung bleiben, dass alle zu Hause leben mussten und nicht Teil der Gesellschaft waren. Eine Erfahrung, die jetzt jeder/jede Einzelne von uns gemacht hat und jeder/jede kann von nun an besser nachvollziehen, wie es Menschen mit Behinderungen viele Jahrzehnte gegangen ist, die isoliert und fern ab der Gesellschaft leben mussten. Nicht wegen Corona, sondern weil die Barrieren Ausgänge und Zugänge versperrten, weil schulische Inklusion keine Option war, weil es die weitverbreitete Meinung gab, dass man eh nicht arbeiten kann und muss und lieber mit einer Rente versorgt wird, weil es heißt, dass man ohnehin besser zu Hause, geschützt in der heilen Welt, bleibt, als mit den Schwierigkeiten und dem Unverständnis der Menschen dort draußen konfrontiert zu sein. Corona bringt im Rückblick vielleicht mehr Verständnis für die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen und ihrem lauten Ruf nach Inklusion!