Willi liegt auf einer Decke in einer Wiese, vor sich hat er ein tabletähnliches Gerät. Mit der linken Hand greift er sich an Nase und Mund.

Der Umstand, dass Willi nicht versteht, weshalb wir nicht in den Wildpark können, nicht ins Kino und nicht U-Bahn fahren – ja nicht mal auf die Schaukel gehen können – , machte Willi von Tag zu Tag wütender und verzweifelter.

Foto: Müller
Coronakrise

Familienkrise in der Corona-Krise

Am 16. März 2020 wurden in der Stadt Hamburg die Schulen geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Abgesehen von der Ansteckung meiner Eltern waren für mich Schulschließungen von Anfang an das absolute Corona-Horrorszenario. In dem Moment, in dem ich diesen Text schreibe, haben wir gerade die ersten zwei Wochen davon überlebt!

Als aus der Schule unserer elfjährigen Tochter die Benachrichtigung über die Schließung kam, wurden wir auch über eine mögliche Notfallbetreuung informiert. Definiert wurde der „Notfall“ aber nicht. Gelten Familien wie unsere, in denen beide Eltern Freiberufler ohne weitere Absicherung sind, als Notfälle? Und mit Willi war der Notfall für uns ohnehin vorprogrammiert: Wie sollte das gehen, wochenlang ohne Alltagsrituale und ohne Besuche bei Oma und Opa? Von Willis Förderschule kam übrigens kein Angebot für Notfallbetreuung. Dafür türmte sich bald der Schulstoff unserer Tochter auf irgendwelchen Servern. Um überhaupt an die Unterlagen zu gelangen, benötigten wir sehr viel Zeit und Geduld, viele verschiedene Apps, mussten uns bei mehreren Plattformen anmelden und Olivia ein eigenes Tablet einrichten. Natürlich waren die Portale überlastet, die Angaben unvollständig, viele Dokumente der Lehrer völlig unprofessionell abgelegt und für bestimmte Anwendungen war das iPad zu alt. Was für ein Aufwand!
Ich muss sagen, dass ich schon am ersten Tag unsere Corona-Zwangsferien hysterisch lachen musste, wenn ich in den Nachrichten hörte, die Arbeit im „Homeoffice“ sei DIE Lösung für berufstätige Eltern. Ich weiß nicht, was andere Leute für Kinder haben, aber die Vorstellung, bei uns könnte auch nur einer irgendetwas arbeiten, solange Willi zuhause ist und mit Olivia Homeschooling gemacht werden muss, ist irrwitzig!

 
Keine Notfallbetreuung

 
In den ersten Tagen bin ich wenigstens noch dazu gekommen, ein paar Informationen im Netz zusammenzusuchen. Ich las den Beschluss des Senats vom 13. März, in dem neben der Notbetreuung an den Regelschulen auch die Sicherstellung der Betreuung für Kinder mit Behinderungen angekündigt wurde. Wörtlich hieß es, „weil hier ein besonderer Bedarf vorliege“. Ich muss sagen, dass ich ehrlich beeindruckt war! So selten wird von vornherein an unsere besondere Situation gedacht und dieses eine Mal war anscheinend jemand auf die Idee gekommen, Hilfe anzubieten, bevor es zu häuslichen Katastrophen kommt. Ich rief hoffnungsvoll in Willis Schule an, von wo man mir ausrichten ließ, sie müssten sich streng an die behördlichen Vorgaben halten und DÜRFTEN nur Notfallbetreuung für Eltern in systemrelevanten Berufen anbieten. Sie wussten nichts davon, dass die Förderschulen weiter betreuen sollten.
Als ich unserer Schulleitung den Link zu der entsprechenden Internetseite schicken wollte, stellte ich fest, dass der Text des Senatsbeschlusses mittlerweile geändert worden war! Ich stellte sofort eine Anfrage zu diesem Sachverhalt bei der Schulbehörde, welche aber nicht beantwortet wurde. Ich fand unzählige Seiten, in denen der ursprüngliche Text zitiert wurde – z.B. auf Tageschau.de –, aber die Quelle war nicht mehr vorhanden. Stattdessen wurde seitens der Schulbehörde betont, dass auch für familiäre Notsituationen Betreuung angeboten werde. Es gab wohl einen guten Grund, weshalb das Angebot, behinderte Kinder weiter zu betreuen, wieder zurückgezogen wurde. Immerhin gehören viele Kinder der Förderschulen zur Risikogruppe, weshalb sie wohl noch weniger als andere zusammenkommen sollten. Aber da ja zurzeit SEHR viele Pädagoginnen, Pädagogen und Studierende zuhause sitzen und viele Räume in Schulen und anderen Einrichtungen leer stehen, dachte ich, man würde diese Ressourcen vielleicht dafür einsetzen. Außerdem sind in Willis Klasse ohnehin nur sechs Kinder, dazu zwei Lehrerinnen und ein Jahrespraktikant. Die Anzahl der Kinder dürfte außerdem weiter reduziert sein, da alle Familien in dieser Krise versuchen würden – wenn möglich – die Betreuung zu Hause zu bewältigen. Wir haben das auch versucht. Aber wir haben es nicht geschafft.

Die erste Woche war hart, aber noch machbar. Ich bin morgens um 5 Uhr aufgestanden, um zwei Stunden zu arbeiten, bevor die Kinder wach waren. Danach teilten wir uns auf, immer einer für Willi und der andere zuständig für Haushalt, Einkauf und Olivias Bedürfnisse und natürlich ihre Schularbeiten. Sie hat eine Konzentrationsstörung und sich mit Willi in der Nähe auf etwas zu konzentrieren, ist schier unmöglich. Er mäandert ständig durchs Haus und aus dem Haus heraus und verbreitet, selbst wenn er IN seinem Zimmer ist, eine unvorstellbare Geräuschkulisse. Wenn ich mit Olivia am Wochenende für die Schule arbeiten muss, unternimmt mein Mann etwas mit Willi oder Willi geht zu seinen Großeltern.

 
Ausnahmezustand

 
Der Umstand, dass Willi nicht versteht, weshalb wir nicht in den Wildpark können, nicht ins Kino und nicht U-Bahn fahren – ja nicht mal auf die Schaukel gehen können –, machte Willi von Tag zu Tag wütender und verzweifelter. Wir hielten unseren Vorsatz, die Großeltern nicht zu besuchen, nur vier Tage durch! Ich fürchte, man kann das anderen, die keine engen Kontakte zu Menschen mit Behinderungen haben, gar nicht begreiflich machen, was der Wegfall ALLER außerhäuslichen Betreuungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Familien wie die unsere bedeutet! WhatsApp-Nachrichten von Freunden, in denen sie erzählten, was für eine tolle Chance es doch für uns alle sei, mal ganz viel Zeit zu Hause zu verbringen, zeigen mir, wie wenig Ahnung sie von unserem Leben haben! Wir gehen doch ohnehin NIE ins Restaurant, bekommen kaum Besuch und wir sitzen seit Jahren IMMER mit Willi viele Stunden am Tag und puzzeln und murmeln und spielen daneben mit Olivia Gesellschaftsspiele und basteln. Wir leben seit Jahren in sozialer Isolation!

Jetzt wo ALLES wegfällt, wird mir aber klar, wie sehr der kleine Gang mit Willi zum Bäcker oder zur Korbschaukel dafür sorgen, dass wir nicht vollkommen abgeschieden von der Welt sind. Nun darf Willi nicht zum Bäcker und um die Schaukel ist ein rot-weißes Flatterband gespannt, dabei hat Willi dort immer nur allein geschaukelt. Und Willi kann eben NICHT „einfach“ trotzdem schaukeln. Wir arbeiten seit JAHREN daran, dass er ein Absperrband respektiert. Wir müssen auch an die Zeit nach Corona denken und das gilt nicht nur bei solchen mühsam erarbeiteten Lernerfolgen von Willi.
Ich muss daran denken, dass ich meine Verträge mit Verlagen erfüllen muss. Ich muss daran denken, dass Olivia UNMÖGLICH später im laufenden Schuljahr zusätzlichen Lernstoff bewältigen kann, den wir jetzt nicht schaffen. Ich muss auch an meinen Mann denken, der an einem Erschöpfungssyndrom und Existenzängsten leidet und der bereits in der ersten Woche der Schulschließung so einen Lagerkoller bekommen hat, dass er schreiend und Stühle und Tische werfend im Garten stand!
In der zweiten Woche herrschte bei uns schon so ein Ausnahmezustand, dass ich kaum noch die Möglichkeit hatte, die Schule darüber zu informieren. Als der zweite Brief kam, in dem erneut nur in absoluten Einzelfällen die Möglichkeit einer Notbetreuung angeboten wurde – mit dem Verweis auf Berufe wie Ärzte oder Polizisten – legte sich Matthias bereits um 11 Uhr vormittags weinend ins Bett. Ich halte es für fahrlässig, Eltern nicht über ihr bestehendes Recht in familiären Notsituationen zu informieren.

 
Endlich Hilfe und schlechtes Gewissen

 
Ich musste die enorme emotionale Hürde nehmen, Scham und Versagensgefühle überwinden und Hilfe einfordern, wo uns keine angeboten wurde. Aber ich konnte nicht warten, bis meine Tochter sich wieder selbst verletzt, bis mein Mann mit dem Auto gegen eine Wand fährt oder bis mir gegen Willi die Hand ausrutscht. Denn unser armer Willi – herausgerissen aus seinen sozialen Bezügen – legte ein so herausforderndes Verhalten an den Tag, dass es kaum auszuhalten war. Stereotypes Fragen nach dem Schulbus und Opa wurde bald nur noch von lautem Schreien und Schlagen unterbrochen. Unserer Schule war mein Hilferuf nicht gleichgültig und man vermittelte mir kein Schuldgefühl. Unsere großartige Lehrerin rief sogar danach bei Willis Klassenkameraden an und erkundigte sich bei jedem, wie sie zurechtkämen. Seit heute – der erste Tag der dritten Woche – wird Willi wieder in die Schule gefahren und dort betreut. Sonst könnte ich auch diesen Text gar nicht schreiben. Es war bis dahin nur ein Kind in der Notbetreuung gewesen – Willis bester Freund! Wenigstens Willi gegenüber brauche ich kein schlechtes Gewissen zu haben. Er war, als er Freitagabend erfuhr, dass die Schule wieder losgehen würde, endlich wieder in normaler Verfassung. Und die ist ja schon anstrengend genug!

Aber wem gegenüber habe ich dann das schlechte Gewissen, das mich quält? Den Lehrerinnen und Lehrern gegenüber? Sie werden doch dafür bezahlt. Und die Ansteckungsgefahr anderer Kinder zu erhöhen, muss ich auch nicht befürchten, weil wir DEFINITIV keine außerfamiliären Sozialkontakte haben. Ich glaube, ich habe hauptsächlich den anderen Eltern gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil wir nun eine Hilfe bekommen, die sicher viele dringend benötigen.
Vielleicht ist es auch nur mein Selbstbild einer starken Power-Frau, welches angekratzt wurde durch die Tatsache, dass wir nun anscheinend die einzigen Eltern der Schule sind, die diese Herausforderung nicht bewältigen können. Dabei haben wir es doch eigentlich noch gut: Wir sind zu zweit, wir haben ein Haus mit Garten, sodass wir rausgehen können und Willi ist – anders als die Kinder mit richtigem Autismus – ja noch vergleichsweise flexibel!
Ich sollte nicht das Gefühl haben, versagt zu haben. Ich sollte anerkennen, dass es eine große Leistung für mich ist, den Punkt zu erkennen, an dem wir Hilfe brauchten und diese auch einzufordern. Ich tue das nicht zum ersten Mal, aber oft war meine Erfahrung damit negativ. Dass wir diesmal die Hilfe so unbürokratisch und schnell bekommen haben, ist unfassbar großartig.
So unfassbar großartig wie der Fakt, dass alles, was hier zurzeit passiert, nur dazu dient, um das Leben einzelner, alter, schwacher und kranker Menschen besser vor dem Coronavirus schützen zu können! So viel Menschlichkeit hatte ich unserer Gesellschaft gar nicht zugetraut!

Birte Müller