Ein großer, schwarzgrauer, auf einem Auge blinder Hund wird von einem knieenden Mädchen am Bauch mit beiden Händen umarmt.

Riva Lehrer, Zora: How I Understand, 2009, Pastellfarbe, Farbstift und Collage auf Mylar. 102 × 127 cm. Aus der Serie „Self Portraits: Ghost Parade“

Coronakrise

Eingesperrt

Der Corona-Virus hält die Welt in Schach. Es sind Zeiten angebrochen, die wir nie so erfürchtet hatten, uns nicht haben vorstellen können. Es fühlt sich unwirklich an. Und doch ist es hier und jetzt. Ausgangssperre. Und wir sind eingesperrt. Zumindest empfindest du es so. Du warst schon immer ein Draußen-Kind. Nicht viel macht dich glücklicher, als dem Wind die Zunge rauszustrecken. Der Sonne zu winken. Zwitschernden Vögeln zuzugrinsen. Die erwachenden Farben des Frühlings in deine eigene Buntheit einzuatmen. Ausflüge zu machen. Am besten dahin, wo viel los ist. Wo buntes Treiben herrscht. Zum Schauen. Wie Leute sich drehen und hüpfen, wenn du es schon selbst nicht kannst. Ausflüge zum Energieherz der Welt. Nun ist es leiser. Zum kleinen Spaziergang zu zweit dürfen wir raus. Jetzt noch. Keiner weiß, wann eine komplette Ausgangssperre verhängt wird. Und so nachvollziehbar all diese Maßnahmen sind: Wie soll ich sie dir erklären?

Am 1. Nicht-Schultag hast du wohl noch gedacht, es sei Wochenende. Ein sehr langweiliges Wochenende, denn würden wir nicht normalerweise baden gehen, Mama? Denn Badengehen ist das einzige, was dich noch glücklicher macht als Draußensein. Aber das haben wir schon am Anfang der Krise eingestellt. Zu viele Menschen, Beckenränder, Halterungen, Sanitäranlagen – zahllose potentielle Infektionsquellen. Na gut, dann ein Sonntag ohne Baden. Aber warum haben wir keinen Besuch bekommen? Wieso stehen da Geburtstagsblumen, ohne dass es eine Feier gibt? Wieso ist es so leer, so leise? Doch das bist du nicht lange. Du kannst nicht sprechen. Also schreist du – wenn du Schmerzen hast, wenn du hungrig bist, aber auch wenn du genervt bist. Oder gelangweilt. Momentan bist du beides. Dann ist es ein besonders sonores Schreien, was aus deinem tiefsten Inneren kommt. Deiner tiefen Genervtheit.

Wir sind eingeschlossen, mein Herz. Irgendwie schon jetzt. Nur für kurz gehen wir raus. Ich schiebe deinen Reha-Wagen durch unser Viertel und habe das seltsame Gefühl, dass uns die uns begegnenden Menschen noch aussätziger anschauen als wir es sowieso schon haben lernen müssen. Dass sie komisch gucken. Eine Frau spricht uns kopfschüttelnd an, dass wir doch drinnen bleiben sollen, da Menschen wie du schließlich keinerlei Immunsystem hätten. Du hast eine Behinderung! Aber dennoch hast du ein Immunsystem! Und frische Luft ist nicht infektiös! Wir müssen raus können!

In meinem Kopf kreisen Ängste. Wie sicher bei unzähligen Menschen derzeit. Du bist auch noch ein Kind mit besonderem Risiko. Als du zu früh geboren wurdest, war deine Lunge noch nicht fertig. Acht Monate hingst du an einer künstlichen Beatmung. Das hat deine Lunge so geschädigt, dass sie jetzt in Gefahr ist. Tapfer hast du all die Jahre die Anzahl schwerer Atemwegsinfekte beständig reduziert, so dass ich es fast schon vergessen habe, dass es da ist. Das Problem. Wie auch dein Herzfehler. Sie

machen ein Risiko. Mit einer der letzten Ampullen, die er hat, impft dich der Kinderarzt auffrischend gegen Pneumokokken. Im Auto in seiner Einfahrt. Alles andere, zu uns zu kommen oder wir in seine Praxis, empfindet er als zu gefährlich. Über den kleinen Ausflug beglückt, nimmst du die Spritze in Kauf und grinst dem Arzt und der Krankenschwester ins mundschutzverdeckte Gesicht. Bedrohung. Kinder wie du, Menschen wie du, brauchen jetzt uns. Unseren Schutz. Noch mehr als sonst. Ein Teil von mir beobachtet die stufenweise Entwicklung der Maßnahmen. Vor der Ausgangsbeschränkung kam die Aufhebung der Schulpflicht. Eine Notbetreuung nur für Kinder von Eltern, die in systemrelevanten Berufen arbeiten. Aber noch bevor ich dazu komme mich zu fragen, wie systemrelevant – Was für ein Wort! Wie wichtig ist ein Mensch? – ich bin, wird der ministerielle Erlass klar: Förderschulen bleiben offen. Von allen Maßnahmen sind Förderschulen ausgenommen. Am Telefon ein erfreuter Arbeitgeber, der konstatiert, dass ich ja nun wieder zur Arbeit kommen könne. Am Telefon auch die Schulleitung, die von sich täglich neu formenden und mischenden Gruppen und Betreuer/innen in deiner Schule spricht. Das kann ich nicht tun! Dich diesem potenzierten Risiko aussetzen! Ich muss dich schützen! Bleib hier! Bleib bei mir bis die Bedrohung weg ist. Die Welt wieder sicher ist! Förderschulen sind normal offen, sagt das Ministerium. Wieso? Ich verstehe es nicht! Warum? Braucht Ihr Kinder mit Behinderungen diese, die anderen Kinder schützenden Maßnahmen der ‚normalen‘ Schulen denn nicht? Wer schützt euch? Wie sollen eure Eltern euch schützen, wenn sie regulär zur Arbeit gehen müssten?

Weißt du, wie sehr würde ich es dir gönnen, einen normalen Schulalltag zu haben – mit anderen Kindern, mit akustischem, optischem, taktilem Input. Mit sogar Abwechslung verschaffenden Therapien. Mit Auslastung, um deren Maß ich dich manchmal in unserem normalen Alltag bemitleidet habe, weil diese Tage so voll sind. Aber sie machen, dass du schlafen kannst! Dass du nicht - wie jetzt - bis nach Mitternacht wach im Bett liegst und rhythmisch schreist, weil du nicht müde bist und protestierst, ins Bett gelegt worden zu sein. Und morgens halb sieben wieder erwachst, weil du ausgeschlafen hast. Wie sehr würde ich es dir gönnen, diese abwechselnden Bilder, deine Normalität im Tagesablauf. Und weißt du, wie sehr würde ich mir diese Pausen wünschen, selbst arbeiten zu gehen, meinen Vormittagsalltag, meine anderen Menschen und Bilder. Wie sehr bin ich auch meinem Arbeitgeber und meiner Aufgabe verbunden und möchte arbeiten! Und wie sehr wünsche ich mir Stille! Dass die Rückgewinnung deines Alltags dein Schreien leise macht. Weil du wieder ausgelastet bist. Denn, so sehr ich mich zu Hause auch mit Beschäftigungsideen mühe, ich schaffe es nicht. Dich auszulasten.

Maßnahmen in Stufen. Wohnangebote für Menschen mit Behinderung werden nun verschlossen. Auch die Werkstätten und Förderbereiche sind geschlossen. Für absehbare Wochen mindestens. Das weiß ich aus beruflichem Kontext heraus. Familien müssen an einem Stichtag entscheiden, ob sie für den gewissen Zeitraum

mit ungewisser Verlängerung ihr Kind, ihren Angehörigen, zu sich nehmen oder im Wohnangebot belassen. Beides für jeweils 24h pro Tag. Inklusive eines Besuchsverbotes. Nach Tag X kommt keiner mehr rein oder raus. Was würde ich tun? Mein Inneres schreit, dich holen! Ich kann mir nicht vorstellen, ohne dich zu sein! Aber wo wärest du sicherer? Wo wäre das Risiko einer Infektion geringer? Und wenn ich dich zu mir holen würde: Halte ich dich aus? 24 h am Tag? Für viele viele Wochen? Wochen, in denen wir nur uns haben? Und eingesperrt sind? Ich muss es zum Glück nicht entscheiden. Denn du bist da. Du lebst bei mir. Ich muss nur entscheiden, ob ich dich in die Schule schicke und arbeiten gehe oder dich bei mir zu Hause lasse. Dich und dein Schreien, aber mit minimiertem Risiko. Home office ist die Alternative der Krise. Du hast 24 h-Unterstützungsbedarf. Ich versuche es, denn immerhin sind wir gesund! Zum Glück sind wir (noch) gesund! Aber wenn ich dich mit dem Rollstuhl vor deiner Spielzeugkiste parke, die du an Tag 2 noch spannend gefunden hast, schreist du. Mehr als immer mal telefonieren und Emails beantworten ist nicht drin im Home Office. Keiner meiner Freunde ist arbeiten. Sie alle nutzen diese Heimvariante. Sie alle sind einig, dass es nach der Krise eine Lösung geben wird, eine Kulanzregelung zwischen dem Arbeitgeber und den Eltern, die tatsächlich wegen der Betreuung der Kinder nicht zur Arbeit kommen konnten oder im Home Office nicht die dem Arbeitsvertrag entsprechenden Stunden geschafft haben. Ja, das ist möglich. Aber sie wird dann für mich nicht gelten. Denn Förderschulen sind ja offen. Ich müsste nicht betreuen.

Weißt du, manchmal denke ich, wie soll der Corona-Virus uns denn finden? Wir scheinen so unsichtbar, so am Rande zu sein, am Rande der Schutzmaßnahmen, am Rande der aufgeregten Aufmerksamkeit, am Rande der Empathie. Doch dann schaue ich Dich an und weiß, der Virus könnte auch uns finden, denn du strahlst die Sonne an, den Wind, die Frühlingsvögel. Du bist das Leben und sein Zentrum. Wie gut, dass wir eingesperrt sind.

 

Cornelia Weber, 23.3.2020